Therapeut und Tyrann

Opfer oder Luder? Das entscheidende Wort dürfte in diesem Fall die Gutachterin haben. Kinderpuppe aus Gips ©Raritäten-Shop, Wien

Von Dieter A. Graber

HANAU. Wie es scheint, hat Herr G. zwei Gesichter. Da ist der begnadete Therapeut, der sich Zeit nimmt für seine Patienten, für Untersuchungen, für Gespräche, manchmal fast eine Stunde lang. Da gibt es aber auch ty­rannische Züge an ihm, etwa, wenn er die Post seiner Lebensgefährtin kontrol­liert, wenn er ihrer Tochter das Handy abnimmt, damit sie ihren Vater nicht mehr anrufen kann. Aber was taugt diese Dualität als Indiz in einem Ver­gewaltigungsprozess (dazu hier)?

Marion B. ist fünfundfünfzig und das, was der Volksmund eine couragierte Frau nennt: selbstbewusst, geradlinig, loyal. Ein knappes Jahr arbeitete sie in der physiotherapeutischen Praxis des Herrn G. im Nordwesten von Hanau. „Termine vereinbaren, Telefonate erledigen, Fangopackungen machen“, beschreibt sie ihre Tätigkeit. 1200 Euro brutto gab’s dafür, na ja, nicht immer pünktlich, und auf die letzten beiden Monatslöhne warte sie immer noch. Gleichwohl ist Frau B. bemüht, nichts Schlechtes über ihren ehemali­gen Chef zu sagen, aber schließlich muss es doch raus: „Man merkte deutlich, dass alle Angst vor ihm hat­ten. Er betonte immer wieder, er sei der Retter der Familie …“

Dazu gibt es einen Hintergrund, der das Wesen des Angeklagten zu ver­stehen hilft. Die Ehe der Frau D., seiner Lebensgefährtin, hatte nicht im Guten geendet, gleichwohl vermochte sie, die selbst in früher Kind­heit zum Opfer sexueller Gewalt ge­worden war, sich nicht so ganz zu lösen von ihrem Ex. Sie habe, heißt es, sich ihren Unterhalt durch sexuelle Dienstleistungen bei ihm „verdienen“ müssen. Überhaupt sei es bei ihr mit der Treue nicht sonderlich weit her gewesen, sagt der Angeklagte. Ja, es wird viel schmutzige Wäsche gewaschen in diesem Verfahren, wie es in Prozes­sen um Vergewaltigung und Ähnli­ches häufig der Fall ist, wenn intime Dinge zweier Menschen auf einmal zum Gegenstand öffentlicher Beweiserhebung geraten. Sicher ist, dass es Frau D. nicht leicht gehabt hat im Leben, was ihre morali­sche Verurteilung a priori verbietet.

In dem Angeklagten jedenfalls weckte die drei­ßig Jahre jüngere Frau so etwas wie einen Beschützer­instinkt. „Helfersyndrom“, nennt das die Kammervorsitzende. Es ist die sattsam bekannte Geschichte vom äl­teren Herrn, der noch einmal als wei­ßer Ritter auf der Walstatt des Lebens in Erscheinung zu treten beliebt, um die Unschuld aus den Fängen des Bö­sen zu retten. Aber solche Geschichten, wir wissen es, ge­hen selten gut aus.

Nein, betont Frau B., die Praxishilfe, von Übergriffen gegen die zwölfjäh­rige Tochter der Frau D. habe sie nichts bemerkt. So etwas hätte sie auch nie zugelassen, ergänzt sie mit der Bestimmtheit einer Frau, die überzeugt ist, alles richtig gemacht zu haben. Rechtsanwalt Rüdiger Kade aus Aschaffenburg, der die Nebenklägerin vertritt, scheint dies anders zu sehen: „Ich finde Ihr Ver­halten befremdlich“, sagt er vor­wurfsvoll. „Wenn Sie sich nur mal ans Ju­gendamt gewendet hätten …“ Im­merhin gehörten Vertreter dieser Be­hörde zum Patientenstamm der Pra­xis. Doch schmal ist die Grenze zwi­schen Fürsorge und Denunziation.

Gleichwohl muss es sie aber trotzdem befremdet ha­ben, wie es übrigens auch so manche Patienten verwunderte, dass die ganze Familie in der Praxis wohnte, oder besser: hauste, Frau D. und ihre Töch­ter tagsüber zusammengepfercht in einem einzigen Zimmer, fast ohne Möbel, ohne sanitäre Einrichtung, ein Leben im Provisorium. Denn Herr G., der ein begnadeter Physiotherapeut gewesen sein mochte, schien mit sich selbst und der organisatorischen Seite des Alltags überfordert.

Und dann erinnert sich die Zeugin noch an „Männergespräche“, die ihr Chef mit einem Angestellten führte, dem Timo, der als Diplomsportlehrer dem Trainingsbereich der Praxis aufhelfen sollte. Deftige Begriffe seien da ge­fallen, profane Worte halt, die um­gangssprachlich sexuelle Interaktion bezeichnen. Frau B. ist noch jetzt irri­tiert. „Für mich“, sagt sie, „war das schrecklich. Erniedrigend!“ Wobei sich die Frage stellt, warum sie da­mals überhaupt die Ohren gespitzt hat …

Frau D. habe selten das Haus verlas­sen, meist in ihrer Kammer vorm Computer gesessen, schließlich auch viel gebetet, im Koran gelesen, er­zählt die Zeugin. Irgendwann wandte sie sich dem Islam zu. Gebete in ara­bischer Sprache seien in der Praxis „als Endlosschleife im Hintergrund“ gelaufen. „Einmal habe ich den Chef gefragt, was es bedeute. Er ant­wortete: ,Sich in Demut zu Allah be­kennen …‘“

Heute ist Frau Sch. zur Verhandlung gekommen. Noch nie im Leben hatte die alte Dame zuvor einen Gerichtssaal betreten. Für Herrn G., dessen Patientin sie war, bemühte sie sich nun her. „Weil ich ihm damit Mut machen möchte. Ich glaube an ihn“, sagt sie. Es klingt trotzig.