Thermisches Ereignis im Bad

Von Dieter A. Graber

HANAU. Es ist Montag, 20. März 2017. Frau M. hatte sich, wie des Öf­te­ren, bis zum Nachmittag in einer Weinstube aufgehalten. Man sagt, sie sei alkoholkrank. Am Abend fährt ihr Mann Dirk mit der S-Bahn von Mühl­heim nach Hanau. Dort kommt er um 21.55 Uhr an. Der entspre­chende RMV-Fahr­schein wird später im Mülleimer der Küche gefun­den. Es gibt Streit. Mal wieder. Petra M. ver­sucht offenbar, die Woh­nung zu ver­lassen. Das Ehe­paar lebt auf 115 Quadratmetern im ers­ten Stock des Hauses Fried­rich­straße 17. Altbau mit Parkett­boden und großer Ve­randa. Die Klinke der Haustür ist anderntags von in­nen verbo­gen, als habe sich je­mand ver­zweifelt daran fest­ge­klammert. Ein Fluchtver­such? Vielleicht wollte Petra M. ihrem prü­geln­den Mann, den trostlosen Ver­hältnissen ihrer Ehe ent­kom­men. „Im Treppenhaus gab es zahlreiche Blut­spuren“, sagt Kommissar Sven Ullrich vom Kommissariat 11 der Hanauer Kripo. Sie führen nach oben in die Woh­nung.

Petra M.  trägt zu dem Zeit­punkt eine schwarze Hose, eine kurze, schwarze Lederjacke, darunter eine weiße Strickja­cke. Die Klei­dungsstücke finden sich später auf einem Trocken­ständer im Wohn­zimmer. Jemand hatte sie in der Waschmaschine im Keller ge­waschen. Aber wer? Und wa­rum? Sie zei­gen großflächige Brandfle­cke.

Blut auch im Wohnzimmer, in der Küche, im Bad, im Flur, vor der Abstellkammer, wo der Spi­ritus fürs Silvesterfondue, also das Tatwerkzeug, aufbewahrt wurde. Mit bloßem Auge ist das Blut nicht mehr zu se­hen, es wurde penibel weggewischt, aber nach der Behandlung mit Lumi­Scene, ei­ner Nachweisrea­genz, taucht es bei Dunkelheit als phospho­reszierende Farbe wieder auf. Gespenstisch sieht es aus, was da auf den Mo­nito­ren in Saal 215 gezeigt wird. Aber es soll noch erschreckender kommen.

Die Gerichtsmedizinerin Han­ne­lore Held sagt, am Körper von Frau M. seien unzählige Häma­tome, auch Rippenbrü­che, einige älteren Datums, festzustellen ge­wesen: Das Er­gebnis von stump­fer Gewalt. Es werden auch Haarbüschel von ihr gefunden, handtellergroß, ausge­rissen, ei­nige angekokelt. „Die Woh­nung erweckte den Ein­druck, als habe ein dynami­sches Kampfgesche­hen statt­gefun­den“, sagt der Er­mittler.

Fotos vom Badezimmer: Ruß­partikel sind zu sehen. Ne­ben der Wanne ein ver­kohltes Stück vom Tragriemen einer Damenhandta­sche. Die liegt später, teilweise ver­brannt, im Schlafzimmer, aber zum Zeitpunkt der Tat befindet sie sich wahr­scheinlich auf dem Wannen­rand. Dies ist der Tat­ort. Die Badewanne. Die Kripo glaubt das, und davon geht auch der Brandsachverständige aus, der das „thermische Ereig­nis“, wie so etwas im Fachjar­gon heißt, nirgendwo sonst als hier lokalisieren kann. Kommis­sar Ullrich nimmt an, dass Petra M., bis zur Wehrlosigkeit ge­prügelt, in dieser Wanne lag, ihr Kopf auf der Ta­sche ruhend, als sie mit dem Ethanol über­gossen und an­ge­zündet wurde. Am Morgen des folgenden Dienstags ver­lässt Dirk M. die Wohnung. Er ver­bringt den Tag in Frankfurt bei einem Bekann­ten. Abends zu­rückgekehrt, ruft er den Not­arzt. Es ist 20.22 Uhr.

Es gibt ein Foto von Petra M., aufgenommen vierundsiebzig Minuten später. Es zeigt ein grauen­haft zerstörtes Gesicht, zur Unkenntklichkeit aufge­schwol­len. Es sei möglich, meint der plastische Chirurg Thomas Pierson, der im Offen­bacher Sana Klinikum vergeb­lich ver­suchte, ihr Leben zu ret­ten, dass ihr furchtbares Leiden zu diesem Zeitpunkt be­reits vierundzwan­zig Stunden dauerte. Es gibt keine Ein­bruchspuren, kei­nen Hinweis auf die Anwesen­heit eines Dritten in der Woh­nung. Alles deutet auf Dirk M. hin.

Die Wohnung macht den Ein­druck, als habe sie schon bes­sere Zeiten gesehen. Ullrich: „Ein Heiz­körper lag auf dem Boden, auch ka­putte Lampen, an den Wänden war der Putz abge­platzt.“ Es ist das Zu­hause zweier Men­schen, de­ren Leben in einen Strudel ge­raten ist, der sie unauf­haltsam nach unten zieht. Viel­leicht wollte Dirk M. das nicht wahr haben. In Gesell­schaft, heißt es, habe er den erfolgrei­chen Rechtsanwalt markiert. Aber das war er schon lange nicht mehr, wenn überhaupt je­mals. Die Hausbe­sitzerin hatte eine Kündigungs­klage ge­gen das Ehepaar einge­reicht. Mietschul­den. Sie hät­ten möglicherweise bald raus ge­musst.