Top-Koch im Kiez

Von Dieter A. Graber

HANAU. Hat ein Ladendieb beim Klauen ein scheinbar harmloses Ta­schenmesser dabei, mutiert das Ba­gatelldelikt juristisch zu einer Straftat, für die es mindestens sechs Monate gibt – unabhängig davon, ob die „Waffe“ verwendet wurde oder nicht. Ähnlich strafverschärfend wirkt Para­graph 30a des Betäubungsmittelge­setzes, kurz BtMG genannt: Ein Dro­gen­händler, der eine Schusswaffe oder sonstige Gegenstände mit sich führt, die ihrer Art nach zur Verlet­zung von Personen geeignet und be­stimmt sind“, kommt nicht mit weni­ger als fünf Jahren davon. Er sei „blass ge­worden“, sagt Herr M., als er dies von seiner Anwältin erfahren habe.

Doch der Reihe nach: Herr M. ist 48 Jahre alt. Früher war er mal Koch, in besten Häusern übri­gens: ein Ha­nauer Feinschmeckerres­taurant ge­hört ebenso zu seinen Re­ferenzen wie erste kulinarische Adressen der Haupt­stadt. Da muss einer was können in seinem Metier, wenn er’s bis dahin schafft. Viel­leicht wäre aus ihm einer der ganz Großen am Herd ge­worden, aber nun sitzt er auf der An­klagebank in Saal 215, ner­vös und derart unge­schickt lavierend, dass Kammervorsit­zende Susanne Wetzel fast mitleidig kund tut: „Ihre Ge­schichten überzeu­gen uns aber nicht!“ Also, das Lügen muss er noch üben.

Er wohnt in einem schmucklosen Be­tonriegel im Lamboy, dort, wo der Kiez am trostlosesten ist und jeder misstrauisch beäugt wird, der seine Miete noch selber zahlt. Für Herrn M. und seine Lebensgefährtin, Frau R., übernimmt dies das Sozialamt. Beide kriegen Hartz IV. Herr M. ist seit nun­mehr 15 Jahren arbeitslos, als Folge seiner Leiden, wie er erzählt. Man könnte sa­gen, er böte Material für ei­nen gan­zen Ärztekongress. Seine Krank­heiten reichen von einer ange­bore­nen Hüft­dysplasie über Schulter­arth­rose bis zur Borderline-Persön­lich­keitsstö­rung. Er hat eine Zyste im Ge­hirn und an Drogen so ziemlich al­les konsu­miert, was der Markt her­gibt. Auch Alkohol. Aber der sei jetzt Ge­schichte: „Trocken“ seit zwei Jah­ren. Er stamme aus einer Alko­ho­liker-Dy­nas­tie. Schon die Oma hing an der Fla­sche. Zurzeit ist er auf Me­tha­don. Das Cannabis, sagt Herr M., helfe ge­gen die Schmerzen. Es gibt wohl ein paar Atteste in den Akten, aber ir­gendwie bleibt es eine Krankenge­schichte auf Treu und Glauben.

Tatsache hingegen ist, dass vor gut ei­nem Jahr die Poli­zei mit einem Durchsuchungs­be­schluss an seiner Wohnungstür klingelte. Es hatte einen anonymen Hinweis gege­ben. Das Haus im Lamboy ist in der Drogen­szene so bekannt wie die Adresse 221B Ba­ker Street den Freunden der Ge­schichten von Arthur Conan Doyle: Hier verkehrten sie alle, die Kokser, Kiffer, Knaster­freunde. Bei Herrn M. und Frau R. fanden die Leute vom K34 jede Menge Stoff, versteckt in einer Tupperbox, einer Kaffeedose, einem Gurkenglas, sogar im Staub­sauger: Cannabisharz und –stängel mit einem Gesamtgewicht von 141,62 Gramm und einem THC-(sprich: Wirkstoff-)Anteil von 11,29 Gramm. Dazu eine Feinwaage, wie sie Drogenhändler in Gebrauch haben. Das ist aber noch nicht das Schlimmste für Herrn M.; das Schlimmste sind die beiden Gas­pis­tolen plus Munition sowie der Tele­skopschlagstock. Hier nämlich kommt Paragraph 30a BtMG ins Spiel. Fünf Jahre Minimum …

Der Angeklagte beruft sich auf Eigen­bedarf. Wie gesagt: aus therapeuti­schen Gründen. Staatsanwältin Grumann fragt: „Warum haben Sie nicht mal versucht, sich Cannabis le­gal auf Rezept zu besorgen?“ Herr M. windet sich: Keine Chance, zu teuer und so weiter. Und die Feinwaage? Die habe er doch nur benutzt, um sei­nen bei­den Hunden die richtige Dosis Nah­rungs­ergänzungsmittel ins Futter zu geben. Einer ist eine Dogge. So ein Kavents­mann mampft täglich mindes­tens ein Kilo Trockenfutter, was im Monat mit gut 150 Euro zu Buche schlägt. Viel Geld für ein Pärchen, das von Trans­ferleistungen lebt. Beide sind Rau­cher. Jeweils zwanzig Glimm­stängel täglich, macht summa sum­marum 300 Euro.

Richterin Wetzel verliest eine Aktennotiz der Poli­zei. Darin heißt es, Herr M. habe vor dem Prozess versucht, einen Zeugen zu beeinflussen. Oder zu bedrohen? Da versteht eine Strafkammer in aller Regel keinen Spaß. Die Vorsitzende sagt das auch unverblümt. Es sieht nicht gut aus für den Angeklagten.

Er wird von der erfahrenen Hanauer Strafrechtlerin Gabriele Berg-Ritter vertreten. Sie nimmt ihren Mandan­ten ins Gebet. Geständnisse sind in Strafprozessen ja nur von Wert, wenn sie früh erfolgen. Herr M. besinnt sich auf die Wahrheit, gerade noch recht­zeitig: „Es stimmt, ich habe von dem Stoff auch verkauft“, gibt er schließ­lich zu. „Aber nur, um meinen eigenen Konsum zu finanzieren.“ Und die Waffen? „Selbstschutz“, sagt er. „Da, wo ich wohne, kann man abends nicht mehr unbewaffnet auf die Straße gehen …“

Die 2. Große Strafkammer wertet die Geschichte vor dem Hintergrund des Geständnisses als „minderschweren Fall“ und verurteilt Herrn M. wegen „mit Waffen begangenem BTM-Han­del“ zu einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung. Er nimmt die Strafe an.

Übrigens: Ein Verfahren gegen Frau R. steht noch aus. Ihr hätte der Stoff ja auch gehört, sagt der Angeklagte. Eine Art „Gü­ter­gemeinschaft“ also …