Tour d’Amour mit Spätfolgen

Die Angeklagten und ihre Anwälte: Lutz H. nimmt seiner Lebensgefährtin eine alte Affäre übel und zitiert Caligula. Falsch zwar, aber dennoch eindeutig. Foto: D. Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Es ist der zehnte Verhandlungstag, und irgendwie könnte nun alles an­ders werden in diesem seltsamen Pro­zess, der, ginge es nicht um den ge­waltsamen Tod eines Menschen, vor­wiegend juristischen Unterhal­tungs­wert aufwiese. Der Wahrheits­findung jedenfalls ist die 1. Große Strafkam­mer bisher kein Jota näher gekom­men. Und nun das!

In der Präsenzzelle des Justizgebäu­des, wo die Angeklagten – getrennt voneinander natürlich – auf die Ver­handlung zu warten pflegen, wurden unlängst kryptische Kritzeleien ent­deckt. Na ja, Ferkeleien trifft es wohl besser: Banu D. habe „5 x mit Cengiz gef…“ ist da, nebst ein paar weiteren unterleibsorientierten Schmähungen, zu lesen. Und: „Sie müssen mich nicht lieben, solange sie mich fürchten!“ (Mehr dazu weiter unten.)

Teufelnocheins, das klingt nach der Wut eines Mannes, dem Hörner auf­gesetzt wurden. Nach verletzter Seele klingt das, nach Schlussstrich und Ra­chegelüsten. Kammervorsitzender Peter Graßmück betätigte sich als Graphologe. Es sei die Handschrift des Lutz H.; aber dazu bedarf es ei­gentlich keiner Merkmalsanalyse. Die Eifersucht lässt dem Verstand nie­mals genügend Freiheit, um die Dinge zu sehen, wie sie sind! fand schon Cervantes.

Hintergrund: In der Tatnacht – und vielleicht auch sonst gelegentlich – war Banu D. mit Cengiz G., einem Be­kann­ten, zusammen gewesen. Lutz H. wohnte aber bereits zeitweise bei ihr. Ihm hatte sie vorgeflunkert, mit Freundinnen ein Fest besuchen zu wollen. Erst waren die beiden schick essen gegangen (Restaurant Harput, Wiesbaden, Wellritzstraße 9), dann hatten sie ein Konzert in der Zurna-Bar (Roonstraße 4) besucht. Zwi­schendurch soll Banu D. noch mal nach Hanau gefahren sein, um Jürgen Volke zu erschießen. Glaubt jedenfalls Staatsanwalt Mathias Pleuser. Es wä­ren 123 Kilometer und 96 Minuten reine Fahrzeit, hin und zurück. Cengiz G. schloss einen solchen Abstecher definitiv aus. Er hätte es eigentlich wissen müssen. Oder war er selbst an der Tat beteiligt? Schon bei seiner ersten Vernehmung habe sie das Ge­fühl gehabt, sagt nun Kommissarin Joana Z., von ihm belogen zu werden.

Ach ja, Frau Z.: Die junge Beamtin hatte seinerzeit unter anderem das Alibi von Lutz H. überprüfen sollen. Ein Alibi, das sie allerdings gar nicht kannte, wie sie jetzt einräumt. Zwar erinnert sie sich noch genau an die Gemütsverfassung der von ihr am 9. September 2013 zu diesem Zweck ge­meinsam mit Kommissar Fi­scher und Staatsanwältin Fauth ver­nommenen Banu D., nämlich „sprunghaft“ und „hippelig“. Ihren eigenen Tagesablauf, zum Beispiel den Besuch auf der Polizeistation St. Goarshausen, brachte sie jetzt aber nicht mehr genau zusammen.  Ungeklärt bleibt heute so man­ches. Zum Beispiel, wer wann vom Tod des Jürgen Volke wusste und durch wen. Und warum der Beschul­digte H. keinen Anwalt zu Seite gestellt bekam, obwohl er doch ausdrücklich danach gefragt hatte. Und warum das Alibi von Banu D. seinerzeit nicht unverzüglich über­prüft wurde.

Durch Zellengitter getrennt, haben sich Banu D. und Lutz H. nunmehr also auseinandergelebt, im wahrsten Sinne des Wortes. Und wo keine Liebe mehr, da auch keine gemeinsame De­fensivlinie. Der Prozess dürfte eine Zäsur erlebt haben an diesem zehnten Tage. Sie könnte dem Staats­anwalt in die Hände spielen, der bisher wenig Belastendes ins Feld zu führen ver­mochte. Sie mag die Front der Vertei­diger ins Wanken bringen. Vielleicht. Sie wird aber auch die Frage aufwer­fen, ob eine Frau, die mit ihrem Lieb­haber unterwegs ist, so nebenbei ei­nen Mord begeht, um ih­rem Lebens­gefährten einen Gefallen zu tun.

Dies ist das eine. Das andere ist ein Antrag, den Verteidiger Andreas von Dahlen stellte, 15 Seiten stark, pro­nonciert vorgetragen: Verwertungs­verbot für alle Erkenntnisse des Ver­deckten Ermittlers „Errol“ wegen „rechtsstaatswidriger Erlangung“! Das hört sich kompliziert an und ist es auch.  Es geht um den Grundsatz, dass kein Verdächtiger sich selbst belasten muss und dass seine Äuße­rungen nicht verwertet werden dür­fen, wenn sie mit unlauteren Mitteln erworben wurden. „Die Freiheit der Willensent­schließung und der Wil­lensbetätigung des Beschuldigten darf nicht beein­trächtigt werden durch [unter ande­rem, d. Red.] … Täuschung“, heißt es in Paragraph 136a StPO. Eine „ver­nehmungsähnli­che“ Befragung durch einen verdeck­ten Ermittler ohne eine vorherige Belehrung indes wäre ein eklatanter Verstoß da­gegen. Auch hier: Vielleicht. Auf die Kammer kommen noch schwere Ent­scheidun­gen zu.

Noch ein Blick zur Nebenklagebank:  Die tapfere Witwe Volke erscheint zu jeder Verhandlung, oft begleitet von ihren Söhnen. Deren Anwältinnen ha­ben ihren Einsatz auf gelegentliche Kommentare, Zwischen- und Ver­ständnisfragen reduziert, üben sich ansonsten in Smalltalk untereinander.

Ach ja: Das Originalzitat lautet: Oderint, dum metuant. „Mögen sie mich hassen, wenn sie mich nur fürchten.“ Es wird Caligula zuge­schrieben. Ihm wurde gerechte Strafe zuteil für solche Anmaßung. Aber das ist 1976 Jahre her.