Two to the chest

Hassausbruch beim Anblick des Opfers (rechts): Moderator Rudi Cerne präsentierte den Mordfall Jürgen Volke in „Aktenzeichen XY... ungelöst". ©ZDF

Von Dieter A. Graber

HANAU. Die Verdeckte Ermittlerin Ayse, heute im modischen cremefar­benen Top hinter der semitranspa­renten Plane in einem Wiesbadener BKA-Büro, erzählt, wie Lutz H. und Banu D. seinerzeit den Mord an Jür­gen Volke kommentierten.

Es war ein gemütlicher Plauderabend im Wohnzimmer der beiden. Ayse und ihr Kollege Errol, beide inzwi­schen in den engsten Freundeskreis des leicht schrulligen Pärchens aufge­nommen, sind mal wieder in Eisentratten zu Besuch, dem romantischen Dorf  im Nationalpark Hohe Tauern. Man schreibt den 21. Sep­tember 2015, ein Mittwoch. Man kommt auf die Schüsse in der Gallienstraße zu sprechen. Banu D. googelt den entsprechenden Beitrag aus „Aktenzeichen XY ungelöst“. Er war am 6. August 2014 gesendet worden. Die vier sehen ihn sich auf dem Laptop an. Immer wieder. In dem Bericht wird Jürgen Volke als fürsorglicher Fami­lienvater beschrieben. Beim Anblick eines Fotos seines Schwagers bricht aus Lutz H. unvermittelt Hass hervor. Er verliert die Contenance. Er tituliert ihn als … – na ja, es ist ein unfeines Wort. Er scheint sich über dessen Tod zu freuen. Ayse erinnert sich an Lutz H. in diesem Augenblick: „Er hatte einen Tunnel­blick, die Augen zusammengekniffen, alles an­dere ausgeblendet.“ Nun, so stellen wir ihn uns auf dem Hochsitz vor, das gemeine Niederwild über Kimme und Korn anvisierend, den Finger am Ab­zug … „Two to the chest, one to the head.“

Es ist dieser Satz, der dem Angeklag­ten anhaftet wie Kaugummi am Schuh. Er soll ihn mehrfach geäußert haben: „Zwei in die Brust, eine in den Kopf.“ So hätte er, der Lutz, ein Weidmann und ehemaliger Fall­schirmjäger (aber auch das nur eige­nen Angaben zufolge), den Casus Belli erledigt. Mit lediglich drei Kugeln. „Two to the chest …“ Es ist die Spra­che von Technikern des Todes. Von Elitesoldaten, Auf­tragskillern, Scharf­schützen. Solche Leute haben keine persönliche Bezie­hung zu der Person im Fadenkreuz. Sie töten nicht aus emotionalen Gründen. Das Motiv für den Mord an Jürgen Volke aber soll, so Staatsanwalt Mathias Pleuser, Ra­che gewesen sein. Lutz H. bedient sich gern solcher angelesener Phra­sen. Es handelt sich in Wirklichkeit um eine von dem amerikanischen Feuerwaffenexperten John Dean Cooper erfundene Ver­teidigungstak­tik, die in den 80-er Jah­ren vom Los Angeles Police Depart­ment über­nommen wurde, um einen Angreifer unschädlich zu machen.

An jenem Abend entwickeln Lutz H. und Banu D. ihre Idee vom Tather­gang. Es ist unklar, wie sie darauf kommen. Entsprechendes findet sich nicht in den ansonsten so penibel geführten, mit Belanglosigkeiten voll­gestopften Amtsvermerken der VE. Sicher ist aber: Sie stimmt mit dem wahren Ablauf nicht überein. Es ist kein Täterwissen. Es ist Prahlerei mit angeblichen „heißen“ Informationen. So soll Volke seinem Mörder, dessen Identität Lutz H. verschweigt, die Tür geöffnet, sie dann, dreimal getroffen, noch zugeschlagen haben, wobei eine (!) weitere Kugel durch die Riffelglas­scheibe gesaust sei. (Ein Waffenex­perte hatte freilich nachgewiesen, dass alle Schüsse durch die Tür gegangen sind.) Es sei, so Banu D., exakt um 23.53 Uhr passiert. Ayse will sich da­ran noch genau erinnern. Tatsächlich war um diese Zeit aber bereits der Notarzt vor Ort.

Nun kommt es durchaus vor, dass ein Mörder, der sich groß tun will, sein Verbrechen einen imaginären Dritten begehen lässt, er also in die Rolle eines wissenden, dem Zuhörer überlegenen Erzählers schlüpft. Man könnte es als ein „Stell­vertreter-Geständnis“ bezeichnen. In diesem Fall aber hätten Lutz H. und Banu D. den tatsächli­chen Ablauf der Tat geschildert. Ihre Version indes ist eine Mixtur von Vermutung, Phantasie und Abwegigkeit. Vor­witzig tut Banu D. an jenem Abend schließlich noch kund, der Täter müsse die Waffe, „eine Browning oder eine Makarow …“ (es war eine Browning), wohl, in ihre Einzelteile zerlegt, im Fluss ent­sorgt haben. Nein, auch das trifft nicht zu: Monate später wird Lutz H. sie an seinen vermeintlichen Freund Errol verkaufen. Am Stück. Doch woher stammte sie?

Die Pistole FN Browning wurde 1922 von dem gleichnamigen Büchsenma­cher für die belgische Armee entwi­ckelt. Verwendung fand sie als Beu­tewaffe im Zweiten Weltkrieg dann auch bei der Wehrmacht. Es heißt, der Vater von Lutz H. habe eine die­ser Pistolen besessen – und sie sei­nem älteren Sohn, dem Bruder des Angeklagten, vererbt. Aber das ist vielleicht auch nur eine jener Legen­den, an denen diese Geschichte so reich ist. Sie kommen nun im Ge­richtssaal zur Sprache. Eine andere findet sich im Protokoll der Verdeckten Ermittler. Jürgen Volke sei in Wirk­lichkeit ein brutaler Tyrann gewesen, vor dem sich Frau und Kinder gefürchtet hätten, gewalttätig und in dubiose Geschäfte verstrickt. Entsprechende Äu­ßerungen werden Lutz H. zugeschrie­ben. Die Familie weist diese Behauptung zurück.

Ulrike Volke ist auf ihre stille, bescheidene Art empört. Es muss weh tun, so etwas über einen ermordeten geliebten Menschen zu hören. Aber das ist wohl der Tribut, den die Wahrheitsfindung fordert.