Und täglich grüßt der Millberry-Mann

Kupfergewinnung im Bergwerk, wie sie der Renaissancemaler Herri met de Bles (16. Jhdt.) dargestellt hat, ist eine mühsame Sache. Aber auch taschenweiser Diebstahl muss anstrengend sein

Von Dieter A. Graber

HANAU. Bei der Recyclingfirma hin­term Bahnhof war Herr M. gern und häufig gesehen. Mehrmals in der Wo­che, bisweilen sogar täglich, erschien er mit seinem Fahrrad auf dem Be­triebs­hof. Dann schleppte er Kupfer heran. Taschenweise. Kiloweise. Zentner­weise. Staatsanwalt Oliver Piechaczek braucht gut und gerne zehn Minuten, um die Geschäftstätig­keit des Herrn M. in Saal 215 voll­ständig aufzulisten. Daten, Gewichts­angaben, Erlöse. Herr M. war ein flei­ßiger Buntmetallliefe­rant. Jetzt muss er sich wegen Diebstahl oder Hehle­rei, so ganz fest steht das noch nicht, vor der 2. Großen Straf­kammer verantworten.

Kupfer findet sich in Häusern, unter Straßen, neben Schienensträngen. Das Halb­edelmetall mit dem Element­sym­bol Cu wird als hervorragender Wärme- und Stromleiter in der Elekt­roinstalla­tion verwendet, im Hei­zungsbau, für Draht­wicklungen in Transformatoren, in E-Motoren und als Signalkabel der Eisen­bahn. Das alles wird Herr M. nicht wis­sen. Dass sich mit Altkupfer viel ver­dienen lässt, allerdings schon …

Die Theo Steil GmbH, ein internatio­nal operierendes Unter­nehmen, han­delt mit Altmetall. Auf dem Firmen­gelände im Hanauer Hafen lagern, fein säuberlich nach Qualität getrennt, neben Eisen- und Stahlschrott auch große Mengen Kup­fer. Zunächst un­bemerkt kam es hier vor knapp drei Jahren zum lautlosen Schwund. Wäh­rend vorn die angelieferte Ware mit Hubstaplern aufgetürmt wurde, ver­schwand sie hinten wieder: Klamm­heimlich hatten Diebe ein Loch in den Zaun geschnitten, ein Stück Wellblech der Lagerhalle hochgebogen und im Laufe von drei Monaten nach und nach 7,36 Tonnen Kupfer stibitzt. Wert: Rund 30.000 Euro. Am 15. Ja­nuar 2015 bemerkte ein Zeuge, wie ei­nem Mann aus einer Tasche, die an seinem Rad befestigt war, Kupferteile purzelten. Es war in der Wester­burg­straße, nur wenige Meter vom Ein­bruchsort entfernt. Der Zeuge war vom Fach: ein Schrotthändler. Er schöpfte Verdacht und rief die Polizei. Bei dem Mann handelte es sich um Nayden M., gebür­tiger Bulgare, wohn­sitz- und arbeitslos, aber gerichtsbe­kannt. Insgesamt 49 Mal hatte er, wie aus den Büchern der Recycling­firma hervorgeht, Kupferabfälle angeliefert – mal zehn Kilo am Tag, mal 189 – und dafür über 11.000 Euro kas­siert.

Herr M. ist schmal, dunkelhaarig, 38 Jahre und von eher magerer Statur. Herr M. hat sich eine Geschichte aus­ge­dacht, die er nun zum Besten gibt. Sie wird von einer Dolmetscherin übersetzt: „Auf dem Marktplatz in Hanau begegnete ich einem Lands­mann. Er arbeitete bei einem Abbruch­unternehmen. Da sei er an eine Menge Kupferschrott gekommen, den er wegen der Steuer aber nicht selbst verkaufen könne. Ich habe das dann für ihn ge­macht. Ich ging natür­lich davon aus, dass er es legal war.“ Natürlich kann er mit keiner Adresse seines Auftraggebers dienen, und über eine Telefonnum­mer verfügt er auch nicht mehr.

Herr M. macht dazu die treuen Augen eines Lausejungen, der mit der Hand im Mustopf erwischt wird und beteuert: Es sind nicht meine Finger! Trotzdem keine gute Geschichte. Richterin Su­sanne Wetzel sagt: „Ich halte das für ausgemachten Unsinn!“ Herr M. be­ginnt zu schmollen: „Ich habe aber nicht geklaut!“ Basta.

Vieles spricht gegen ihn: Der Weg zwischen den Tatorten Hafen, wo das Metall verschwand, und Bahnhof, wo er es zu Geld machte, be­trägt genau einen Kilometer und ist mit dem Rad in vier Minuten zu schaffen. Bei einem Kupferdiebstahl im Flieger­horst Er­len­see (der allerdings nicht an­geklagt ist) konnte seine DNA sicherge­stellt werden. Außerdem sitzt Nayden M. zurzeit eine Freiheitsstrafe von fünf­zehn Monaten wegen Einbruchs­dieb­stählen ab – er hatte in Böblingen zahlreiche Gartenhäuser ausge­räumt.

Aber hier und heute in Saal 215 ist keine Einsicht in Aussicht. Die wäre aber von Vorteil für ihn: Würde der Angeklagte wenigstens eine paar Kup­ferdieb­stähle (Paragraph 243: Beson­ders schwerer Fall, weil Einbruch in ein Ge­bäude) zugeben, käme er deut­lich günstiger davon. Aber 49 Fälle von Hehlerei – das kann sich im Strafmaß or­dentlich zusam­menläp­pern.

Herr D., 58, ist Niederlassungsleiter der Recyclingfirma. Seine Geschäfte mit dem Angeklagten brachten ihm viel Är­ger und ein Strafverfahren ein, das allerdings eingestellt wurde. „Es kommen viele Privatleute mit Mofas, Fahrrädern und Hängerchen zu uns und liefern was ab“, rechtfertigt er seine Blauäugigkeit. „Aber doch nicht 100 Kilo und mehr am Tag – und das zehn Mal im Monat“, meint Richterin Wet­zel. „Und wenn das auch noch Leute sind, die kein Deutsch sprechen und nicht aussehen, als hätten sie ei­nen festen Wohnsitz …“, fügt Staats­anwalt Piechaczek kritisch hinzu. „Heute würde mir das nicht mehr pas­sieren“, antwortet Herr D. kleinlaut.

Ganz nebenbei gerät dieser Prozess üb­rigens zu einem netten Collegium publicum über die Welt des Kupfer­han­dels. So lernen Gericht und Staatsan­walt zum Beispiel, dass „Cu leicht“ die offizielle Bezeichnung für noch um­mantelte Kup­ferabfälle, etwa aus dem Heizungs- und Sanitärbe­reich ist, Millberry hin­gegen der blanke und glänzende Kupferdraht, ganz ohne An­haftungen und Schmutz. Das ist feinste Ware. Die hatte Herr M. meistens im Angebot.