Ungereimtheiten am Tatort

Ein Lauschangriff  führt bisweilen zu pikanten Einsichten, aber eher selten zur Wahrheit. Cover der Filmkomödie „My Mom’s New Boyfriend“  ©3L Group/Amazon

Von Dieter A. Graber

HANAU. Mehr als vier Dutzend Verhandlungstage brachte die 1. Große Strafkammer im Volke­pro­zess hinter sich mit Vernehmungen von Zeugen und Gutachten und abgehörten Tele­fonaten und GoogleEarth-Karten und einer Menge an Beweismit­teln mehr, aber der Nebel, der sich im Laufe des Verfahrens über dieses ungewöhnliche Ver­brechen legte, wird gleichwohl immer undurchdringlicher. Das lässt sich festmachen an Details. An dem Wörtchen fahren zum Beispiel. Was hat Herr G. wirklich zu Frau D. ge­sagt?

Wenige Tage nach dem Mord telefonierten Cengiz G. und Banu D. miteinander. Das Gespräch wurde mitgeschnitten. Die beiden waren kurz zuvor vernommen worden. Sie hatten angegeben, zur Tatzeit nicht in Hanau, sondern im Restaurant Harput und später in der Zurna Bar gewesen zu sein. Beide Lo­kalitäten liegen in Wiesbaden. Die Polizei unterließ es, diese nachzuprüfen.

Cengiz G.: „Da wollten wir mal was heimlich machen [ihr Ren­dezvous, d. Verf.] … Scheiße!“ Banu D.: „… einmal eine heimli­che Sache unternehmen…“ Cen­giz G.: „Wir zwei – tut mir leid [?] – bis nach Hanau!“ Lacht.

Es ist eine sechs Sekunden lange Sequenz aus einem Gespräch von insgesamt neun Minuten und elf Sekunden. Sie wurde in Saal 215 abgespielt. Die Richter haben sie, quasi im stillen Kämmerlein, immer und immer wieder ange­hört. Dahingesagte Sätze im Duktus des amüsierten Beob­achters, der sich nichts Böses da­bei denkt. Oder doch? „Wir fah­ren bis nach Hanau“ will das Gericht dem Satzbruch entnom­men haben. Was auf Wider­spruch bei den Verteidigern Fuchs (Frankfurt) und Küster (Wiesbaden) stößt: „Das Verb fahren kommt da gar nicht vor!“ Der renommierte Phonetik-Pro­fessor Hermann Künzel, als Gut­achter um eine Expertise gebe­ten, gelangt zu dem Schluss, der genaue Wortlaut lasse sich auch mit technischen Mitteln nicht feststellen. Grund: Cengiz G. nuschelt am Telefon. 

Telefonüberwachung – im Fach­jargon TKÜ genannt – ist ein schwerer Eingriff in das verfas­sungsrechtlich geschützte Fern­meldegeheimnis und laut Para­graf 100 StPO bei schweren Straftaten möglich. Aber als Be­weismittel hat sie so ihre Tücken. Die Interpretation des gespro­chenen Wortes, die Herauslösung einzelner Bemerkungen aus dem Kontext ist häufig eine Deu­tungsfrage auf dem Niveau von Kaffeesatzleserei.

Es gibt ein Gespräch in den Er­mittlungsakten, das Lutz H. und Banu D. in seinem VW Amarok führten. Die Aufzeichnung ist qualitativ miserabel. Die Vertei­diger des Angeklagten, von Dahlen (Düsseldorf) und Gärtner (Mannheim), wollen gleichwohl aus dem Mund ihres Mandanten diese Sätze gehört haben: „Wäre ich doch nur in Kärnten geblie­ben.“ Und später, zu Banu D.: „Du bist so wortkarg.“ Ein Be­weis für was? Seine Unschuld? Ihre Schuld? Welchen indiziellen Wert hat Einsilbigkeit?

Auch wenn beide Angeklagte weiter schweigen, haben sie sich längst gegeneinander positio­niert. Verteidiger von Dahlen meldet sich nun mit Gedanken­spielen zu Wort – kleine Hin­weise, die auf Banu D. als mögli­che Täterin zielen, wobei sein Mandanten die Rolle des ah­nungslosen Dritten spielt. So sei sie bereits im Mai 2013, also vier Monate vor den tödlichen Schüs­sen, einmal in Hanau gewesen. Um den Tatort auszukundschaf­ten? Unausgesprochen steht es im Raum. Lutz H. hatte seiner­zeit dem Verdeckten Ermittler anvertraut, „instrumentativ“ an dem Mord beteiligt gewesen zu sein. War er nur ein ahnungsloses Werkzeug? Beim Verkauf der FN Browning (an VE Errol), so der Verteidiger, sei er lediglich „Ver­mittler“ gewesen; das Geld habe er an Banu D. weitergereicht. Es ist die Version vom „Mord in vo­rauseilendem Gehorsam“. Es ist eine fadenscheinige Geschichte. Etwas ratlos fragt Richter Graßmück denn auch, ob dies eine Einlassung gewesen sein soll. Mitnichten! Nur ein Denkmodel, betont von Dahlen. Da trapsen ganze Nachtigallenschwärme …

Der Wahrheitsfindung dienlicher mag das Begehr der Verteidiger Fuchs/Küster nach einer Tatortrekon­struktion sein. Tatsächlich  gibt es da Unge­reimtheiten. So wurden die vier Schüsse aus 1,08 Meter Höhe und einer Distanz von mindes­tens fünfzig Zentimetern abge­feuert, Jürgen Volke aber viel weiter oben am Körper getroffen. Außerdem: Warum gab es keine Schmauchspuren am Riffelglas der Tür? Und ist es überhaupt denkbar, dass jemand – freihän­dig stehend – viermal durch das­selbe Loch schießen kann?

Richter Graßmück sagt, man müsse sich über weitere Ver­handlungstermine bis weit in den Mai hinein Gedanken machen.