Unterwegs im Auftrag des Herrn

Der Mensch träumt und Gott lenkt: Sylvia D. kommunizierte angeblich mit ganz oben. ©ZDF, „37 Grad“, Screenshot

HANAU.  (dig) Vor 29 Jahren starb Jan in Hanau-Kesselstadt. Jan wurde nur vier Jahre alt. „Tod durch Ersticken“ hatte der Notarzt auf den Toten­schein ge­schrieben, „infolge Erbre­chen von zu­vor mittags gegessenem Haferschleim“. Der Fall erhielt ein Ak­tenzeichen: 1 UJs 26990/88. Mehr geschah zunächst nicht. Anfang 2015 begann die Hanauer Staatsanwalt­schaft,  in der Sache noch einmal zu ermitteln – mit nunmehr ei­nem sensa­tionellen Ergebnis: „Wir ha­ben gegen eine 70 Jahre alte Frau An­klage wegen Mor­des beim Schwurge­richt erhoben“, sagt Oberstaatsanwalt Dominik Mies.

Bei der Beschuldigten handelt es sich um Sylvia D., die als „Anführerin“ einer „sektenähnlichen Gemeinschaft“ gilt. Sie soll Jan am 17. August 1988 „aus niedrigen Beweggründen und grausam getötet“ haben, heißt es in einer Mitteilung der Behörde, „indem sie den in ein Badezimmer zum Mittagsschlaf gelegten und in einem Leinensack bis über den Kopf eingeschnürten Jungen seinem Schicksal überließ, obwohl sie dessen Panik aufgrund seiner intensiven Schreie wahrgenommen hatte. In diesem Leinensack verstarb das Kind.“

Es ist eine Geschichte aus einer bizarren Welt. Jan war mit seinen Eltern aus Südhessen nach Hanau gekommen. Sie hatten sich der Gruppierung um Sylvia D. und ihrem Mann, einem ehemaligen Metho­distenpastor, angeschlossen. Diese umfasst nach Recherchen des ZDF etwa 30 Personen. Aussteiger erzählten jüngst von „Aus­beutung und Psychoterror“, aber auch von körperli­cher Gewalt. In einer TV-Re­portage („37 Grad“) be­richtet ein junger Mann, der in der tiefreligiösen Gemeinschaft aufgewachsen war, dass man Kinder ruhig gestellt habe, indem sie „in Säcke gepackt, zuge­schnürt und umwickelt“ worden seien. Möglich, dass der kleine Jan das Opfer einer sol­chen Disziplinie­rungsmaßnahme wurde. Sylvia D. soll ihn unter anderem als „Schwein“ und „Re­inkarnation Hitlers“ bezeichnet haben. Das Kind sei „von den Dunklen besessen“.

Eine krude Religiosität mit Heilsver­sprechungen und Drohungen scheint das Leben von Sylvia D. und ihrer An­hänger zu bestimmen. So betrachte sie sich als „Auserwählte“ und Empfän­ge­rin von Gottes Willen, den ihr Ehe­mann, quasi als „Vermitt­ler“, schriftlich nie­derlegte. Gott er­scheine ihr im Traum und verkünde ihr seine Bot­schaften. „Bibelähnlich aufgemacht, werden sie zum Gesetz“, heißt es in dem Fernsehbeitrag. Auch ein ehemali­ger Hanauer Richter soll Mitglied der Gruppe gewesen sein.

In Büchern, Briefen und E-Mails, die der Frankfurter Rundschau vorliegen, äußerte sich Sylvia D. zum Thema „Kindererziehung“. Laut Redakteur Gregor Haschnick, der mehrfach über die obskure Gruppe berichtete, heiße es in einer Passage unter anderem: „In al­len Träumen wurde die kalte, überheb­liche Verlogenheit unserer Kinder atta­ckiert. … Immer ging es um die Diag­nose von Gott her und um den Weg zur Heilung … dass sie von ihren asozialen Tendenzen frei würden in dem Maß, wie sie innen und außen  die Beziehung zu mir aufnehmen.“

Im vergangenen Sommer wurden die Firmen­räume des Ehepaars, das in Ha­nau ein Medienunternehmen be­treibt, durchsucht, zudem die Exhu­mierung von Jans Lei­che angeordnet. „Wir konnten eine Vielzahl von Do­kumenten und Daten­träger sicher­stellen, so Ober­staatsanwalt Mies. Daraus hätte sich hinreichender Tat­verdacht für ein vor­sätzliches Tö­tungsdelikt ergeben.

Die Ermittler hatten minutiös die letzten Stunden in Jans Leben zu rekonstruieren versucht. Offenbar war der Junge zeitweise den Anführern der Gruppierung zur Betreuung und Erziehung überlassen worden. Um 12.30 Uhr hatte ihn seine Mutter schla­fen gelegt. Zum Todeszeitpunkt, gegen 15 Uhr, war sie nicht anwesend. Aus si­chergestell­ten Unterlagen geht hervor, dass Syl­via D. den Tod  des Kindes vorherge­sehen haben will. Es sei unge­zogen und nicht gottesfürchtig gewesen.

Die Anklage­schrift, über deren Zulas­sung nun die 1. Große Strafkammer ent­scheiden muss, umfasst 160 Sei­ten. Sylvia D. bestreitet die Vorwürfe. Ein Haftbe­fehl wurde nicht beantragt.