Van Goghs Scheidung

Das Lauschorgan des Meisters. Die Künstlerin Diemut Strebe rekonstruierte es mittels Genmaterial eines Verwandten Van Goghs und eines 3-Druckers, nannte ihr Werk „Sugababe“. Süß nicht? ©Diemut Strebe via AP

Von Dieter A. Graber

HANAU. Wie verlor van Gogh sein rechtes Ohr? Kunsthistoriker rätseln. Es gibt verschiedene Theorien. Schnitt er es sich selbst ab? Und wenn ja: wa­rum?

Jener Vincent, der heute auf der An­klagebank des Hanauer Amtsgerichts sitzt, hat zwar noch beide Ohren, an­sonsten aber tatsächlich eine verblüf­fende Ähnlichkeit mit dem genialen Maler in dessen jungen Jahren: Das gleiche rötliche, gelockte Haar, das schmale Gesicht, der Bart, die hagere Statur. Unser Vincent ist jetzt 25, aber in seinem Leben ging es schon so tur­bulent zu wie in dem seines berühm­ten Namensvetters. Und diese eben­falls rätselhafte Geschichte wird nun in Saal 22 erzählt.

Vincent und Carolin waren drei Jahre lang ein Paar. Drei stürmische Jahre. Voller Sex, Zank, Versöhnung, Wut. Was heute verhandelt wird, geschah vergangenen November in Dörnig­heim. Carolins Wohnung. Hochpar­terre. „Wir waren vorher im Kino“, erinnert sich unser Vincent. „Wäh­rend des Films fing sie plötzlich an, auf ihrem Handy zu googeln. Hinter­her stritten wir uns darüber.“ Zuhause dann Tätlichkeiten. Sie bewarfen sich mit Popcorn – ein Überbleibsel aus dem Kino –, eine Bratpfanne verlor ihren Stiel. Der Laminatboden kriegte was ab. Vincent packte seine Sachen. Wollte gehen. Für immer. Aus und vorbei.

„Aber sie stellte sich mir in den Weg, hielt mich fest, drohte, wenn ich ginge, würde sie bei den Nachbarn behaupten, ich hätte sie geschlagen. Ich schob sie nur zur Seite …“ Laut Anklage, die Staatsanwalt Walter Jung vorträgt, stolperte Carolin gegen eine kleine gusseiserne Laterne – aus dem Hause Ikea, wohlgemerkt, so ein Accessoire für schöner Wohnen –, au­ßerdem mit dem Hinterkopf gegen ei­nen Schlüsselkasten und zog sich Blutergüsse an der Wade zu. Die sind übrigens fotografisch dokumentiert.

Carolin ist heute Nebenklägerin. Sie ist eine schlanke, junge Frau mit kur­zen dunklen Haaren, langen Wim­pern, und einem skalpellscharfen Blick, der dem Angeklagten eigentlich aus dem Rücken wieder herauskom­men müsste, so, wie sie ihn ansieht. Es geht also um Körperverletzung. Eine Lappalie, fürwahr, und Staats­anwalt Jung macht darob auch einen etwas unglücklichen Eindruck. „Am untersten Ende der Gewalt­skala“, räumt er ein.

In Wirklichkeit aber geht es ja auch um etwas anderes, um eine Scheidung geht es, um die Liquidierung einer Lebensgemeinschaft, um zwei ver­letzte Seelen und Ansprüche und … Tja, und eigentlich hat das alles ja auch nichts zu suchen vor diesem Spruchkörper. Mit Engelsgeduld ver­sucht Richterin Jeschke die Vorgänge in jener Herbstnacht aufzuklären. Vincents Verteidiger, der Strafrechtler Andreas Mayer, geht zum Gegenan­griff über. Carolin belästige seinen Mandanten weiterhin per Handy „mit ihren sexuellen Wünschen“, führt er aus. Sie habe „keinen Ersatz für seine Dienstleistungen gefunden“, soll sie ihm geschrieben und ein selbstprodu­ziertes Stripvideo beigefügt haben. Vincent wiederum möchte davon Ab­stand nehmen und lediglich die Brat­pfanne ersetzen, „obwohl die von ih­rem Opa stammte und nichts mehr wert war“, wie er abschätzig anfügt. „Aber ich habe nicht damit nach ihr geworfen“, beteuert er. Dem ur­sprünglichen Strafbefehl über 1200 Euro hat er widersprochen.

Richterin Jeschke macht Strafrecht, kein Familienrecht. Sie neigt zur Ein­stellung des Verfahrens. Damit ist Ca­rolins Anwalt Manfred Schneeweiss nicht einverstanden: „Meine Man­dantin wurde immerhin verletzt. Es gibt Bilder.“ Er will, dass sie ihre Ver­sion vortragen darf. Es geht ja auch um Geld. Um Hämatome und einen kaputten Bodenbelag. War es gar Par­kett, wie Jurist Mayer, auch Ex­perte für Baurecht, in den Raum stellt? Das müsste alles mal zusammenge­rechnet werden. „Am besten wäre es“, resü­miert Richterin Jeschke, „wenn sich beide nicht mehr sähen.“ Der Bau­rechtler konstatiert: „Das Ego meines Mandanten ist erheblich ge­kränkt.“ Wie verdammt schwer kann Schluss­ma­chen sein …

Vincent hat Pläne. Ein Studium. Film- und Theaterwissenschaft. Also doch ein Künstler. Die Gattung Drama dürfte ihm liegen. Er erklärt sich be­reit, seiner Ex 250 Euro zu zahlen, dafür ist das Verfahren vom Tisch. Den Rest müsste dann ein Zivilgericht klären. So wird’s gemacht. Carolins Geschichte bleibt unerzählt.

Ach ja: Van Goghs Ohr. Hat es ihm 1888 Paul Gauguin mit einem Säbel­hieb im Streit abgetrennt, wie Wissen­schaftler mutmaßen? Aber auch das wird für immer ein Mysterium blei­ben.

Info: 
Gilt als Begründer der modernen Malerei, hinterließ 864 Gemälde und 1000 Zeichnungen und starb durch eigene Hand: Vincent Willem van Gogh (1853 bis 1890).