Vater, Tochter, Angst

Von Dieter A. Graber

HANAU. Es ist jetzt ein paar Jahre her, da überfiel Tobias einen Supermarkt. Dafür kriegte er fünf Jahre, von de­nen ein Teil schließlich zur Bewäh­rung ausgesetzt wurde. Er wird sich halt gut geführt haben im Gefängnis. Das war anschließend aber ganz und gar nicht so bei Elina, der Mutter sei­nes Kindes. Er hat sie geschlagen und mit dem Tod bedroht. Er hat sie be­lästigt und derart einge­schüchtert, dass ihr die Angst noch immer in den Knochen sitzt, selbst heute in Saal 19 des Hanauer Schöf­fengerichts.

Hager. Groß. Blond. Die Haare kurz geschnitten, zurückgegelt. Blaue Au­gen. Die dünnen Lippen werden zu Strichen in dem schmalen Gesicht, wenn er lächelt. Und das tut er oft. Ein mitleidiges Lächeln ist das, besser: ein selbstmitleidiges. Er sagt apodik­tisch: „Ohne meine Tochter ist alles sinnlos.“ Er war dabei, als sie das Licht der Welt erblickte, im Au­gust vergangenen Jahres. Er hat sie stolz auf dem Arm gehalten. Vielleicht wäre das der Moment gewesen, ein anderer Mensch zu werden. Verant­wortungsbewusst, anständig, orden­tlich. Aber dafür war Tobias wohl zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

„Kurz nach der Geburt ist er ver­schwunden“, erzählt Elina. „Einfach so …“ Sie hat die Kleine, die blond ist wie der Papa,  dabei, als sie Platz nimmt im Zeugenstand. Das war dann der berühmte „Tropfen“ – Sie wissen schon: die Geschichte mit dem rand­vollen Fass … Elina also warf Tobias kurzerhand raus, als er irgendwann wieder bei ihr auftauchte – arbeitslos und betrunken wie stets. „Sie hat mir“, grollt er nun, „einfach meinen Koffer vor die Tür gestellt.“ Staatsan­wältin Bettina Fauth fragt: „Wundert Sie das? Wie Sie sich verhalten haben …“ Nein, das will er nicht verstehen, wo er doch zuvor noch die Küche in der neuen, gemeinsamen Wohnung aufgebaut hatte. „Ganz allein“, wie er betont. „Und dann musste ich plötz­lich auf der Straße leben.“

Elina ist eine etwas mollige Frau von 32 Jahren. Sie trägt die Haare straff zurückgebürstet und am Hinterkopf verknotet. Sie stammt aus Russland. Sie ist gelernte Gastronomie­fachar­beiterin. Sie wird gewusst haben, auf was sie sich ein­ließ, als sie die Bezie­hung mit dem Straftäter Tobias be­gann, wohl aber kaum, dass sie ihn nicht mehr loswerden würde: „Er kommt, wann er will, um sein Kind zu sehen. Mal morgens, mal abends, sogar nachts.“ Sie redet schnell. Stol­pernd. Sie un­terschlägt angefangene Halbsätze und fügt dafür hektisch an­einander­gehängte Silben ein: „Nana­nanana …“ Es ist die Sprech­weise ei­ner Frau, die unter enormem Druck steht. Dann bricht es aus ihr heraus: „Ich will doch nur, dass er uns in Ruhe lässt!“ Hilfe­suchend schaut sie dabei zu Amts­richterin Kohlheim hin. Sie hat ja schon mal eine Verfü­gung ge­gen ihn erwirkt, dass er ihr fernblei­ben müsse, was ihn aber nicht hin­derte, sie weiter zu bedrängen. „Hat er in jüngster Zeit bei Ihnen über­nachtet?“ fragt die Staatsanwäl­tin. Elina nickt. „Er lässt sich ja nicht aus der Woh­nung weisen. Bleibt ein­fach. Sonst wird er wütend. Er hat auch schon eine Tür beschädigt.“ Am schlimms­ten aber wird die Drohung gewesen sein, alle umzubringen, zu ersticken mit einer Plastiktüte überm Kopf: „Ich ak­zep­tiere kein Leben ohne meine Toch­ter!“ sagt er nun drohend. Aber auch besänftigend: „Es war ja nicht so gemeint.“

Mindestens einmal hat er Elina ge­schlagen. Das räumt er ein. Im Streit „Sie liebt mich doch noch“, fügt er schnell hinzu. Schuld an allem sei ihr Vater. „Der treibt einen Keil zwi­schen uns.“ Elinas Vater ist ein sanft­mütiger Mann, kräftig, grauhaarig, Elektriker von Beruf. Tobias soll ihn erpresst haben: 50 Euro – oder sein Auto werde beschädigt. Der Zeuge tut sich schwer mit der deutschen Spra­che. Im Bemühen, den Angeklagten, der immerhin Vater seiner Enkelin ist, nicht übermäßig zu belasten, gleich­wohl bei der Wahrheit zu bleiben, ra­debrecht er sich tapfer durch seine Aussage. „Wenn er nur nicht trinken und keine Drogen nehmen würde …“ Ja, auch Rauschmittel: Amphetamine! Tobias gibt das kleinlaut zu. Die Fassade des rührend in sein Kind vernarrten Vaters, der darüber die Welt um sich herum ver­gessen hat, bröckelt zusehends.

Der Hanauer Strafrechtler Peter Oberländer bemüht sich wacker, sei­nen Mandanten zu verteidigen. Ein schweres Unterfangen ist das. Eine Suchttherapie hat Tobias schon ab­gebrochen. Arbeit ist ihm unwichtig. Einsicht zeigt er nicht. Die Anklage bezeichnet er als „Mumpitz“. In vie­len Berufen hat er sich schon erfolg­los versucht: Ausbaufacharbeiter, kaufmännischer Angestellter, Sicher­heitsdienstler, Chemikant, Koch, Tankwart. Er hat schmale, gepflegte Hände. Er ist 37 Jahre alt. Er steht immer noch unter Bewährung. Er könnte heute wieder ins Gefängnis geschickt werden.

Staatsanwältin Fauth möchte das nicht. Des Kindes wegen. Sie sagt: „Er muss endlich eine Langzeittherapie machen.“ Er solle sich darum küm­mern. Sie schlägt vor, den Prozess erst einmal auszusetzen. Das Gericht ist einverstanden. Tobias auch.

Elina und ihr Vater machen sich mit der Kleinen wieder auf den Weg. Und ihr Begleiter ist die Angst.

Nachtrag: In einem weiteren Termin wird Tobias vom Schöffengericht zu einem Jahr und drei Mo­naten urteilt. Zu­dem muss er 100 Stunden ge­meinnütziger Arbeit leisten und end­lich seine Therapie machen. Er nimmt das Urteil an. Er sagt: „Ich bin kein schlechter Mensch.“ Er würde gerne öfter mit seiner Tochter zu­sammen sein. Während der Verhandlung durfte er sie im Gerichtssaal sehen, auf dem Schoß von Elina. Seine Augen haben ge­leuchtet.