Verachtet über den Tod hinaus

Von Dieter A. Graber

HANAU. Herr A. ist ein massiger Mann, 38 Jahre alt, syrischer Flücht­ling, Vater von acht Kindern und Hartz-IV-Empfänger. Am 8. Januar tauchte Mostafa, der kurz zuvor seine Schwes­ter erstochen hatte, mit sei­nem Bruder Mohammad bei ihm in Bitburg auf. „Einfach so“, sagt Herr A., „wir hatten ei­gentlich nie etwas miteinander zu tun …“ Sie sind weit­läufig verwandt, der Herr A. und die Brüder, sehr weitläu­fig. Nun versucht er, den Grad ihrer Verwandtschaft zu erklären. Das dau­ert. Ein Recht auf Aussageverweige­rung kann er daraus jedoch nicht ableiten.

Herr A. ist bemüht, seine Schwinde­leien vor Gericht mit Nichtwissen oder Desinteresse an der Sache zu ka­schieren. Man könnte auch von dreis­ten Lügen sprechen. Nein, er habe zu­nächst nicht gewusst, was in Hanau passiert war. Erst später habe ihm der Mostafa berichtet, die Ramia „ge­schla­gen“ zu haben. „Weil sie nicht sauber war.“ Was das heiße, fragt Richter Graßmück, „nicht sauber“? – „Dass sie eine Hure war …“ Aus dem Verb „schlagen“ wird später „ab­schlachten“. Im Arabi­schen, sagt der Dolmetscher, komme es auf dasselbe hinaus.

Heute, in Saal 215, ist Herr A. wort­karg. Bei der Polizei hatte er seiner­zeit mehr erzählt. Viel mehr. Aus sei­ner damaligen Aussage ergibt sich ein Bild der Hintergründe, die zu der Tat im Hause Freige­richtstraße 10 geführt haben müssen. Offenbar hatte Ayman A., Ehemann  von Ramia, schon Tage zuvor die Fa­milie über seine Schei­dungsabsichten in Kenntnis gesetzt. Er begründete sie mit dem Lebens­wandel seiner Frau. Ramia A. war, so­viel steht fest, eine selbstbewusste Frau, die sich schon früh den kultu­rellen Dogmen ihrer Heimat wider­setzte: Nach ihrer Zwangsheirat mit einem älteren Mann hatte sie sich, ein junges Mädchen noch, zu ih­rem 17-jährigen Freund geflüchtet. Es sei schon damals in der Familie darü­ber gesprochen worden, sie deshalb um­zubringen, hatte Herr A. zu Protokoll gegeben. „Das ist nach unserer Reli­gion ein Tötungs­grund.“ Die zweite Ehe mit Ayman A. dürfte eine Verlegenheitslösung für die Familie gewesen sein. Ein ele­ganter Kompro­miss. Und nun also will er sie loswer­den.

Es gibt zwei Fraktionen in der Familie A. – Hardliner, die an den ehernen Gesetzen ihrer Religion festhielten und eine „Bestrafung“ Ramias for­derten, sowie Gemäßigte. Falken und Tau­ben, könnte man sagen. Dazwi­schen steht Mostafa, eine Junge von gerade mal 21 Jahren, aber „sehr reli­giös“, wie Herr A. betont. Richter Graßmück möchte das näher erklärt haben. „Er geht immer den geraden Weg“, sagt der Zeuge kryptisch. Das kann viel heißen. Am 7. Januar bringt Mostafa die Schwester um. Im Affekt, wie er sagt. Dagegen spricht einiges. Jeden­falls sieht es so aus, als habe Ayman A. auf diese „Lösung“ hinge­wirkt. Immer wieder brachte er an­gebliche Sex-Vi­deos ins Spiel, die sie verschickt ha­ben soll. Gesehen hat sie nie­mand (dazu auch hier, hier und hier).

Mohamed H., 31, war einer der Ad­res­saten und ihr angebli­cher Liebhaber. Er bestreitet das. Mehr als Teetrinken sei nicht gewe­sen. Sex­filme habe er zwar bekom­men, das schon, sie aber nicht ange­schaut, sondern sofort ge­löscht. (Ge­lächter im Saal.) Nun ja, auch ein Foto habe sie ihm geschickt, da­rauf sie „in Ba­debe­kleidung“ zu se­hen war. Ein harm­loses Bikinifoto also. So langsam drängt sich die Frage auf, was eigentlich die „Schuld“ der Ramia A. war, wa­rum sie so er­bärm­lich verbluten musste in einem schä­bigen Treppen­haus, „geschäch­tet“, wie Oberstaats­anwalt Heinze sagt. Niemand im Zeu­genstand er­greift Partei für sie. Nie­mand hat Mitleid mit ihr. Niemand half ihr, als sie in Todesangst an die Wohnungstü­ren der Nachbarn häm­merte. Onur A., 19, der im dritten Stock wohnt, sagt (und geht später grinsend aus dem Saal): „Ich hielt die Tür von innen zu, weil ich kein Blut sehen kann.“ Es gibt kei­nen Neben­kläger in diesem Verfah­ren, nicht einmal ein gutes Wort für sie kommt über die Lippen irgendei­nes Be­teilig­ten. Als habe es den Men­schen Ramia A. nie gegeben, nur die Frau, die „nicht sauber“ war … Richter Graß­mück bringt das so zum Aus­druck. Mohamed H. entgegnet: „Der Tod ist halt eine ganz normale Sache in Syrien …“ Deutsch­land im Jahr 2016 – was kommt da auf uns zu?

Es gibt Hinweise, dass die Brü­der A. von Bitburg aus über eine Grenze flüchten wollten. Nach Lu­xemburg sind es 17,5 Kilometer. Nach Belgien 34. Nach Frankreich 48. Ihr Verwand­ter hatte sie mit Bargeld ausgestattet. (Auch das stritt er zunächst rundweg ab.) Sie kamen nicht mehr dazu. Sie wur­den auf der Straße fest­genommen.

Richter Graßmück gibt den rechtli­chen Hinweis, dass Ab­satz zwei des Totschlagsparagraphen in Frage komme: „In besonders schweren Fäl­len ist auf lebenslange Freiheits­strafe zu erkennen.“ Wie bei Mord.