Verloren im Bermudadreieck

Eine strahlende Braut im Glück. Petra und ihr erster Ehemann Günther. Die Ehe wurde 1986 geschlossen. Sie ging schief. 1997 heiratete sie den Juristen Dirk M. Foto: privat

Von Dieter A. Graber

HANAU. Sigrid M. wird im Pro­zess gegen ihren Sohn Dirk, der des Mordes an seiner Ehefrau angeklagt ist, nicht aussagen. Sie ist 82 Jahre alt. Sie bezieht eine beachtliche Rente: 4.000 Euro im Monat. Verzweifelt hatte sie ver­sucht, mit ihrem Geld seine Ehe zu retten, den schönen Schein, mit dem er sich umgab, seine wirtschaftliche Existenz, ihren guten Namen wohl auch. Am Ende beliefen sich ihre Schulden auf 31.000 Euro, und obendrein wurde sie auf die Straße gesetzt. Vom eigenen Sohn. Es ge­schah an einem Abend im ver­gangenen Februar.

Klaus-Dieter V. erzählt die Ge­schichte als Zeuge in Saal 216. Er ist weitläufig verwandt mit dem Angeklagten und dessen Mutter. „Es hatte mal wieder Streit gege­ben. Sie rief mich gegen halb zehn abends an. ,Ich stehe auf der Friedrich­straße, bitte hole mich.‘ Ihre Sa­chen hatte sie in einem Wäsche­korb. Schon vor­her musste sie wiederholt in einem Hotel übernachten.“ Diesmal wollte sie nicht mehr zurück. Es müsse „eine Art Flucht“ gewesen sein, sagt der Zeuge. Petra M. gelang diese Flucht nicht mehr. Sechsunddreißig Tage später war sie tot.

Als Dirk M. noch ein kleiner Student der Jurisprudenz war, hatte er große Erwartungen an seine berufliche Zukunft. „Ich mache locker 20.000 im Monat“, soll er mal verkündet haben. Seinen Lebensstil hatte er da längst schon auf die künftigen Einnahmen zugeschnit­ten. „Er trug teure Kleidung, und wenn er essen ging, dann ganz exklusiv“, weiß Herr V., der da­mals Dipl.-Ing. war, „da konnten wir nicht mithalten. Wir fragten uns, wo er das Geld hernahm.“

Vermutlich von der Mutter. Sie hatte ihm Kontovollmacht gege­ben, auch für ihn gebürgt. Dirk und Petra M. leisteten sich zwei – geleaste – Mini Cooper, die große Wohnung in der Friedrich­straße 17, wo sie rauschende Feste gaben, eine schicke Garde­robe. Am Ende hatte Sigrid M., die bei dem Paar eingezogen war, selbst „keinen Groschen mehr in der Tasche“, zitiert Herr V. deren persönliche Bilanz. Die ganze Rente, das Ersparte, alles durchgebracht, auch im „Bermu­dadreieck“, wie Heidrun B. sagt, den drei Weinlokalen in der Ha­nauer Innenstadt zwischen Ball­platz, Leimen- und Hirschstraße. Frau B. führt eines davon. Sie kannte das Ehepaar. Auch die Zahlungsmoral des Angeklagten. „Er wollte seine Zeche öfter mit Kreditkarte be­gleichen, obwohl er genau wusste, dass wir nur Bargeld nehmen.“ Es fand sich dann stets ein hilfsbereiter Gast, der ihm aus der Verlegen­heit half. Er war ja der Herr Anwalt. Gern erteilte er „Rechtsauskünfte“ in der Kneipe. Manchmal gab er dann vor, schleu­nigst in seine Kanzlei zu müssen – und schwupp, weg war er! „Zahle später.“ Klassische Tricks von Schnorrern und Zech­prellern. Frau B. wartete dann drei Wochen, bis seine Mutter kam, um peinlich berührt den „Deckel“ auszulö­sen.

Und einmal, sagt die Zeugin, sei jener Satz gefallen, der sich ihr ins Gedächtnis einge­brannt haben muss, geäußert von Dirk M. während eines Thekengeplauders, ein Satz wie eine drohende Weissagung: „Wenn mich eine Frau verlässt, dann mit den Füßen zuerst durch die Tür!“

Petra M. ist später meist allein in diesem Triangulum vini aufge­taucht, eine verhuschte und vor der Zeit gealterte Frau, still und immer ein wenig verängstigt, eine ein­same Zecherin mit abge­zähltem Geld für zwei Schoppen zu je zwoachtzig. „Sie war meistens mit Hämatomen über­sät, im Gesicht, am Rücken, an den Beinen“, sagt Herr K., ein anderer Gast, „grün und blau. Ganz Hanau wusste doch, dass sie von ihrem Mann verprügelt wird.“ Ganz Ha­nau hat weg­geguckt. Aber was soll einer auch machen, wenn das Op­fer sagt, es sei die Treppe runter­ge­fallen, gegen den Schrank ge­lau­fen, über die Hundeleine ge­stol­pert?

Und dann kam der Abend, an dem dieser Vorfall passierte: Es war ein Samstag, wenige Wo­chen vor ihrem Tod. Ein Mann, den sie nur als „den Klaus“ ken­nen in dem Lokal, füllte sie an Tisch 1 mit Wein ab. „Dann hat er sie be­fummelt“, erzählt Herr K., „seine Hand war in ihrer Hose …“ Die Wirtin und die anderen Gäste haben ihn rausge­schmissen, den Klaus, das Ferkel, und Petra M. brach kurz darauf zusammen mit einer Alko­holvergiftung, 3,1 Promille, und wurde in die Psy­chiatrie einge­wiesen. Sie hatte ja auch nichts mehr zu essen gehabt daheim und betteln müssen, für sich und ihren Hund.

Nach vier Tagen wurde der Unterbringungsbeschluss des Amtsgerichts wieder aufgehoben. Petra M. kehrte zurück zu ihrem Mann in das Haus an der Friedrichsstraße.