Viel Geld für eine alte Knarre

Schießeisen von anno Tobak: Die Pistole wurde von dem amerikanischen Büchsenmacher John Moses Browning zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts für die belgische Fabrique Nationale d’Armes de Guerre (FN) entwickelt. Sie kann mit bis zu neun Patronen geladen werden.

Von Dieter A. Graber

HANAU. Errol kommt. Errol ist so etwas wie der Star in diesem Prozess, auf dessen Auftritt alle gespannt warten, obwohl man inzwischen doch weiß, dass er nicht in natura zu sehen sein wird. Errol, der Mann mit den verschiedenen Identitäten. Der Verdeckte Ermittler und erfolgreiche Aufklärer eines Verbrechens. Ein Superdetektiv. Ein Verräter. Je nach Blickwinkel. Errol wird am Donnerstag aus einem Zimmer des Bundeskriminalamtes in den Saal 215 des Hanauer Landgerichts zugeschaltet.

Dann dürfte sich der Zuschauerraum wieder gefüllt haben. Gestern konnte das spärliche Publikum den Errol aber schon mal hören. Die Kammer spielte eine fünfminütige heimlich mitgeschnittene Tonaufnahme ab. Seine Stimme klingt jung. Jungenhaft. Die beiden sprechen, den Hintergrundgeräuschen nach wohl in einer Gaststätte, über ihren kurz zuvor abgewickelten Waffendeal. Lutz H. sagt: „Ich hab die da [in einem Holzstapel am Wegrand, vermutlich nahe seines Hauses, d. Red.] deponiert.“ Errol: „Banu war aber nicht dabei?“  – „Nein.“ – „Ich hab gezittert. Ich dachte: Wenn da jemand kommt … Ich hatte mein Handy mit: Falls ich es [die Waffe] nicht finde, dass ich dich anrufen kann. Ich bin dann rangefahren, so, als wollte ich Holz holen, und sah die Waffe … Ich hab sie dann schnell im Kofferraum versteckt.“ Errol, hörbar zufrieden mit seinem Coup, sagt dann noch: „Das passt alles, wenn du nur dafür gesorgt hast, dass nicht Spuren von anderen Leuten drauf sind.“

30.000 Euro waren im Gespräch für die FN Browning Kal. 7.65. Ein gutes gebrauchtes Exemplar dieser Pistole aus  belgischer Produktion gibt es im einschlägigen Handel bereits für 250 Euro, allerdings unter Vorlage einer Erwerbsberechtigung. Errol zahlte Lutz H. schließlich 18.000 Euro, wie die Hanauer Kommissarin Judith J. berichtet. Fünfhunderter- und Hunderterscheine. Das Geld hatte die Polizeidirektion Main-Kinzig bereitgestellt. 8.000 Euro davon wurden im Mai 2016 bei einer Hausdurchsuchung im Wandsafe von Lutz H. sichergestellt. Frau J. hatte die Seriennummern der Banknoten fotokopiert. Nach seiner Festnahme sagte Lutz H.: „Ich habe den Mord weder geplant, noch in Auftrag gegeben, noch ausgeführt. Ich habe die Waffe nie besessen.“ Nachdem ihm Kommissarin J. jenen aufgezeichneten Dialog vorgespielt hatte, ließ er den letzten Satz aus dem Protokoll streichen.

Errol und Lutz H. sprechen auch über den Mord. Lutz H. sagt: „Instrumentativ war ich dabei …“ Instrumentativ? Das ist eigentlich die Bezeichnung für ein Verb, welches das Instrument der Handhabung einbezieht, wie „sägen“, „hämmern“, „baggern“. Ja, die Sprache des Lutz H. kommt bisweilen gestelzt, preziös daher. Er redet schnell. Wie ein Pharmareferent, der ein neues Präparat unter die Ärzteschaft bringen will. Richter Graßmück muss die Audiodatei extra langsamer abspielen, damit ihr Inhalt verständlich wird. Lutz H. war mal Arzneimittelvertreter.

Es werden auch Briefe verlesen an diesem Verhandlungstag. Einen schrieb Lutz H. aus der U-Haft an Banu D. in die U-Haft. Darin entschuldigt er sich für Kritzeleien in der Gewahrsamszelle des Hanauer Justizgebäudes. (Banu D. habe „5 x mit Cengiz gef…“ war da, nebst ein paar weiteren unterleibsorientierten Schmähungen, zu lesen.) Lutz H. schreibt: „Geachtete Banu, es ist mein persönliches Anliegen, mein Bedauern wegen meines ungebührlichen Verhaltens zum Ausdruck zu bringen.“ Was sagt diese Anrede über den Schreiber aus? Die Wortwahl? Die Syntax? Es ist der anachronistische Duktus von Burschenschaften, und es mag so sein, dass Lutz H., der sein Abiturzeugnis fälschte und sich ein Medizinstudium erdichtete, in den vom Vater abgeschauten Umgangsformen studentischer Verbindungen eine Stütze seines maroden Selbstbewusstseins fand. „Es lag mir fern, deinen Namen in Misskredit stellen zu wollen.“ Ein Satz wie aus „Effi Briest“.

Auch ein Brief von Banu D.  kommt nun zu Gehör. Er ist an ihre Schwester gerichtet. Er wurde, wie alle Häftlingspost, geöffnet und kopiert. Er wird nun in das Verfahren eingeführt. Es sind acht Seiten, dicht beschrieben, Einsichten einer jungen Frau, die aus dem Traum eines kleinen Glücks an der Seite eines älteren Mannes erwacht ist und sich in einem Alptraum wiederfindet. Sie tröstet sich mit der Hoffnung auf eine Zeit, „wenn sich alles geklärt hat, und davon gehe ich aus, weil niemand unschuldig verurteilt werden darf“. Sie schreibt von ihren Tränen, der Liebe zu ihren Kindern und der Sehnsucht nach ihnen. Manches ist durchgestrichen, vieles unstrukturiert, alles aber echt, ungeschönt, glaubwürdig. Sie schildert, durchaus amüsant, die kleinen Episoden des Haftalltags. Und rechnet ab, mit Lutz H. und sich selbst. Er habe sie ausgenutzt, sie „massiv und geschickt“ manipuliert. „Ich mache mir Vorwürfe, wie blind, naiv, doof ich war, dass ich nichts gemerkt habe. Wie konnte ich nur so blauäugig sein.“

Banu D. verbirgt ihr Gesicht hinter einem Stapel Papier. Sie weint. Sie ahnte nicht, dass ihr Brief öffentlich würde. Gleichwohl hat sie heute Boden gutgemacht.