Viel Puzzle, wenig Beweis

Tattheorien aus dem Skizzenbuch: Es könnte so abgelaufen sein – aber natürlich auch ganz anders. Abb.: ©Darwyn Cooke, „The Hunter“

Von Dieter A. Graber

HANAU. Man treffe sich immer zweimal im Leben lautet eine Re­dens­art, und meist ist das zweite Mal für den einen nicht eben angenehm. Am 17. Mai 2016, einem Dienstag, erging das Lutz H. so, den die Elite­einheit „Cobra“ der österreichischen Polizei kurz zuvor in einer Gaststätte im 2.600-Einwohner-Ort Gmund (Kärn­ten) festgenommen hatte. In einem Ver­nehmungszimmer der Inspektion Spittal an der Drau, Dr.-Arthur-Lemisch-Platz 2, stand dem verblüff­ten Arrestanten plötzlich Kommissar Bernd Fischer aus Hanau mit einem Haftbefehl gegenüber. Lutz H. sei, so erinnert sich der Fahnder, „regelrecht schockiert gewe­sen, als er mich er­kannte“. Was dann geschah, sorgt jetzt im Prozess um den Mord an dem Hanauer Unter­nehmer Jürgen Volke für einigen ju­ristischen Wirbel.

Fast drei Jahre hatten Fischer und seine Kollegen vom K11 den Schwa­ger des Opfers in Verdacht gehabt. Ihnen fehlten indes stichhaltige Be­weise. Im Verlauf einer nächtlichen Verneh­mung, etwa vierundzwanzig Stunden nach den tödlichen Schüs­sen, war es dem Ermittlerteam zwar gelungen, Lutz H. in einige Widersprüche zu verwickeln. Für einen Haftbefehl reichte das alles je­doch nicht.

Auch gestaltete sich das Alibi des Ver­dächtigen eher schwach: Lutz H. will zur Tatzeit in der Wohnung seiner Geliebten Banu D., die an jenem Abend mit ei­nem Bekannten ausge­gangen war,  mehrere Fernseh-Dokus über das Dritte Reich angeschaut ha­ben. Die liefen zwar tatsächlich, waren aber, wie Fischer bei den TV-Sendern eru­ierte, spätestens um 23 Uhr zu Ende. Von Nastätten im westlichen Hintertaunus bis zur Hanauer Gal­lienstraße sind es 101 Kilometer, in etwas mehr als einer Stunde durchaus zu schaffen. Die tödlichen Schüsse fielen gegen 23.45 Uhr. Und weiter: Der VW Amarok von Lutz H. parkte tatsächlich abends vor dem Haus in Nastätten, wie sich Zeugen erinnerten – aber nach 22 Uhr hatte niemand mehr auf ihn geachtet. Hingegen wollen An­wohner das Brummen eines Diesel­motors früh morgens in der stillen Straße wahrgenommen haben. War das der zu­rückkehrende Prit­schenwagen des Angeklagten?

Viele Puzzleteile, aber kein Beweis. In seiner Vernehmung bei der Hanauer Kripo hatte Lutz H. die Differenzen mit seinem Schwager freimütig einge­räumt. Er hatte nichts herunterge­spielt, alle Fragen „im Plauderton“ (Fischer) beantwortet. Zu diesem Zeitpunkt war auch nicht mehr die Rede von einem Anwalt gewesen, den er zuvor noch auf der Polizeistation in Bad Schwalbach, wo er sich freiwillig gemeldet hatte, noch sprechen wollte. Lutz H. schien mit sich und der Welt im Reinen.

Zweieinhalb Jahre später verkaufte der bei der Staatsanwaltschaft noch immer als tatverdächtig geführte Lutz H. einem Verdeckten Ermittler (VE) des Bundeskriminalamts (Tarnname Errol) in Österreich die Tatwaffe. Da­mit war die von langer Hand gestellte Falle zugeschnappt. Haftbefehl! Von seiner einstigen Selbstsicherheit sei bei dem Beschuldigten an jenem Mai­tag vergangenen Jahres, als sie sich in der Polizeiinspektion Spittal gegen­über saßen, nichts mehr zu erkennen gewesen, erinnert sich Fischer nun. „Ich habe niemandem eine Waffe ver­kauft“, habe der Verhaftete zunächst noch trotzig geleugnet. Fischer insis­tierte: „Sie haben sie einem Kollegen von mir verkauft!“ Im Zeugenstand berichtet der Kommissar weiter: „Wir spielten ihm dann ein mitgeschnitte­nes Gespräch vor, das den ganzen Vorgang dokumentierte. Seine Ge­sichtsfarbe änderte sich, Schweiß brach ihm aus.“ Doch was ist dieser Beweis emotionaler Anspannung in einem Mordprozess wert?

Die 1. Große Strafkammer möchte das Tondokument hören, auf dem Lutz H. und Errol den Waffendeal klar ma­chen. Verteidiger Andreas von Dahlen widerspricht der Verwertbar­keit. Die vier Anwälte von Lutz H. und Banu D. haben bereits (wenigstens vorerst) die anonyme Vernehmung des VE Errol verhindert. Sie wollen, dass er per­sönlich im Gerichtssaal er­scheint. Sollte er tatsächlich, wie in der „Sperrerklärung“ des Bundesin­nen­ministeriums verlangt, aus „Angst vor Rache“ nur unkenntlich und mit ver­änderter Stimme über Video zuge­schaltet werden, hätte seine Aussage weniger Beweiswert. Phonetik, Mi­mik, Körperhaltung spielen eine wich­tige Rolle bei der Beurteilung von Glaub­würdigkeit. Die Anklage steht und fällt also mit Errols Aussage. Frühes­tens für Ende April ist sie zu erwarten.