Vier Schüsse, ein Loch

Hanaus derzeit bekannteste Straße. Sie hat übrigens nichts mit Asterix und Obelix zu tun, sondern mit  Jean-Louis Gallien, dem ersten Lehrer an der Zeichenakademie. ©Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Manuel schaut grimmig. Unlustig betet er seine Geschichte runter. Wie oft hat er das in den vergangenen dreieinhalb Jahren wohl schon getan? Also warum er in der Nacht zum 8. September 2013 die Toi­lette auf­suchte, so gegen 23.30 Uhr, wisse er nicht mehr. Was er noch wisse, sei, dass er, nachdem eine Reihe von Schüssen die Stille des „Örtchens“ ge­stört hatte, aus dem Fenster schaute und ihn mitten auf der Fahrbahn wegren­nen sah. Ihn, wohlgemerkt. Einen Mann! „Er war blond und trug einen weißen Kapu­zenpulli.“

Ein fast runder Mond schickt ein mil­des Licht hinab in die Gallienstraße, das sich wie Milch über Asphalt, Dä­cher, Autos ergießt. Manuel steht un­ter besagtem Fenster, von einer Men­schentraube umringt: Eine kom­plette Strafkammer samt Protokoll­führerin, vier Verteidiger, Justiz­wachtmeister, Angeklagte, Gutachter, Polizisten, ein paar Schaulustige wohl auch. Zum zweiten Mal gibt es heute einen Lo­kaltermin im Prozess um den Tod des Hanauer Unternehmers Jür­gen Volke, der in besagter Nacht durch die Tür seines Reihenhauses erschos­sen wor­den war.

Auch Frau C. hatte etwas be­obachtet damals, und zwar aus ihrem Dach­fenster. Durch das beugt sie sich nun hinab zu Rich­ter Peter Graßmück, der vor dem handtuchgroßen Gärtchen hinter der Häuserzeile steht. Aber Zeugenbefragungen über eine Distanz von gut fünfundzwanzig Me­tern sind bei regem Flugverkehr eine schwierige Angelegenheit. Dialoge wollen da so recht nicht zustande kommen. Beleh­rend ruft Graßmück zu ihr hoch: „Sie wissen, dass Sie die Wahrheit sa­gen müssen?“ Frau C.: „Wie bitte?“ Graßmück, nun lauter: „Sie müssen die Wahrheit sagen!“ – „Ja, ja …“

Irgendwo singen Amseln tapfer gegen das Dröhnen von Boeing, Air­bus & Co. an, die just heute im Tief­flug auf ih­rem Weg nach Rhein-Main eine Kehre über der Gallienstraße be­schreiben. Mit angestrengter Stimme gibt Frau C. ihre Beobachtung aus dem Dach­fens­ter wieder: Eine rennende Person, ganz in schwarz, Kapuze. Kurz nach den Schüssen. Verteidiger von Dahlen richtet ebenfalls eine Frage nach oben: „Haben Sie sonst noch je­man­den gese­hen?“ – „Wie bitte?“ – „Ha­ben! Sie! Noch! Jemanden! Gese­hen!“ Nein, hat sie nicht, die Frau C. aus der Hausnummer 12. Das Gericht zieht weiter.

Lutz H. trägt Haferlschuhe, eine braune Jacke und darüber einen Le­dergurt, an dem seine Hände zusätz­lich fixiert sind. Groß ist er, einsfünf­undachtzig mindestens, grö­ßer, als er auf der Anklagebank wirkt. Banu D. im schwarzen Hosenanzug, zierlich, ebenfalls mit Handschellen, die sie unter einem langen Schal ver­birgt, wird eskortiert von einer volu­minö­sen Polizeibeamtin, der man zu­trauen möchte, dass Wrestling ihr Lieblings­sport sei. Das harte Licht ei­nes Gar­tenstrahlers am Tatort fräst scharfe Kon­turen in ihre Gesichter. Ein gefes­sel­ter Mann hat was von Urgewalt, von Gefähr­lichkeit. Eine gefesselte Frau ist ein mitleiderregender An­blick. In diesem Fall auch, nein: ob­wohl  Banu D.  lächelnd das Gesche­hen verfolgt.

Es geht auch um eine Tür. Längst ist das Riffelglas, durch das eines von vier abgefeuerten Geschossen den Tod ins Haus Nr. 18 brachte, gegen einen moderneren Einsatz ausge­tauscht worden. Aber die Tür von Frau M., der Nachbarin, befindet sich  noch im Originalzustand. Kommissar Bernd Fischer streift sich ein weißes T-Shirt über, wie es das Opfer in der Tatnacht trug, und taucht in verschie­denen Körperhal­tungen drinnen im Flur der Frau M. auf. Er ist als Schemen zu er­kennen. Aber nur, wenn Licht im Flur brennt.  Wie war das in der Tatnacht? „Das Licht brannte“, sagt Frau V. be­stimmt, „sonst hätte mein Mann das Schlüs­selloch ja gar nicht gefunden.“ Und Jürgen V. drehte den Schlüssel mindestens einmal um. Das gilt als si­cher. Aber war die Tür geöffnet? We­nigstens einen Spalt breit? Sah er sei­nem Mörder vielleicht noch kurz ins Angesicht?

Die Verteidiger von Lutz H. haben dies zur Kardinalfrage erhoben. Es könnte den Unterschied ausmachen zwischen dem Mordmerkmal der Heimtücke, und dem minder strafbe­wehrten Delikt des Totschlags. Am Vormittag sagte der Schusswaf­fengut­ach­ter Andreas Brandhorst vom LKA aus, alle vier Ku­geln hätten die Scheibe an derselben Stelle in 1,08 Meter Höhe durchschlagen, so dass  nur ein klei­nes Loch im Glas, etwa 3,5 mal 5,5 Zentimeter, entstanden sei. Woraus sich schließen lasse, dass der Schütze entweder direkt vor der Tür stand – oder über eine sehr sichere Hand verfügt haben müsse. Ein Ge­schoss durchquerte Flur und Wohn­zimmer und fand sich später in einem Bretterzaun des Gar­tens. Die tödliche Kugel traf Jürgen Volke in den rechten Oberbauch und ver­letzte eine Haupt­schlagader, so die Gericht­smedizine­rin Hannelore Held. Er ver­blutete. „Hätte es eine Chance gege­ben, ihn zu retten?“ fragte Richter Graßmück. „Höchstens, wenn es im Operations­saal passiert wäre“, so die Ärztin.

Inzwischen haben die Schwarzdros­seln ihren Kampf gegen den Fluglärm aufgegeben, ein leichter Wind bringt Kälte ins Geviert. Heimkehrende An­wohner manöv­rieren genervt ihre Autos um die im Halteverbot abge­stellten Polizeifahr­zeuge. Es ist 20.30 Uhr. Die Proto­kollführerin knipst das Lämpchen an ihrem Klemmbrett aus. Ende der „Sitzung“. Die Menschenan­sammlung ver­läuft sich. Die Zeit schleicht wieder etwas gemächlicher durch die Gallienstraße. Nur am Himmel geht es weiterhin lebhaft zu.