Volkeprozess: Mephisto im Janker

Nur falscher Doktor oder auch Mörder? Lutz H. mit seinen Anwälten im Schwurgerichtssaal. Foto: Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Björn Volke sagt: „Mein Va­ter war immer für uns da. Er hat hart gearbeitet für die Familie. Finanziell ging es uns gut.“

Björn Volke, 24, sitzt auf dem Zeu­genstuhl in Saal 215. Rechts von ihm, etwa drei Meter entfernt, befindet sich die Anklagebank. Sein Onkel trägt auch heute wieder seinen Trachtenjanker. Auf seinem Gesicht, kantig und verschlossen, schimmert eine Spur von Trotz. Aber vielleicht irre ich mich. Vielleicht ist Lutz H., 52, der mutmaßliche Mörder von Björns Vater Jürgen, nur hoch konzentriert.

Sein Neffe sagt, noch in der Tatnacht sei der Verdacht der gesamten Fami­lie auf ihn, den Onkel, gefallen. „Dem Lutz traue ich das zu. Schießen kann er. Und skrupellos ist er auch“, hatte er in seiner ersten Vernehmung bei der Polizei geäußert. In Björn Volkes Leben spielt Lutz H. die Rolle des Me­phisto. „Er war von Anfang an gegen die Ehe meiner Eltern. Vater erschien ihm wohl nicht gut genug …“ Später lebte Björn mit dem Onkel Lutz unter einem Dach im Haus Friedrich­straße 40 in Hanau, aber das sei nicht gut gegan­gen. „Einmal kickte er wütend Tüten mit Le­bensmitteln die Treppe runter, die meine Mutter eingekauft und im Hausflur abgestellt hatte, weil sie, hochschwanger, wie sie war, nicht alles auf einmal hochtragen konnte.“ Schließlich habe der Onkel die Familie auf die Straße gesetzt. Einfach so. Da jagt eine Gemeinheit die nächste. Von Gewaltausbrüchen berichtet er. Für harmlose Kinder­streiche habe es Ohrfeigen gegeben. Und von Alko­holexzessen, von Unfällen in trunke­nem Zustand … Aber, und das mag die Aussage des Zeugen doch ein wenig relativieren, vieles weiß er nur vom Hörensagen. Denn der angeblich üble Cha­rakter des Lutz H. zieht sich durch die mündlich überlieferte Familien­chro­nik als eine Spur des Perfiden.

Die Familie H. war wohlhabend. Der Vater, Arzt und Fabrikant, hat zwei Söhne und eine Tochter. Er hinter­lässt ihnen Geld, Antiquitäten, Gold­barren und Immobilien. Lutz habe sich alles unter den Nagel gerissen, heißt es. Das wird zu so einer Art Glaubenssatz in Björns Elternhaus geworden sein. Dass dies uneinge­schränkt zutrifft, darf freilich mit Fug bezweifelt werden, erst recht, nach­dem Richter Peter Graßmück die ent­sprechenden Grundbuchauszüge vor­gelesen hat: Es sind darin jeweils beide Brüder als Eigentümer der nachgelassenen Häu­ser in Hanau, Kärnten und auf der Nordseeinsel Wangerooge eingetra­gen. Schwester Ulrike freilich taucht nicht auf in den Dokumenten; weibli­che Erben schei­nen im Hause H. nicht vorgesehen gewesen zu sein. „Die Mama war so­wieso der Fußabtreter in der Familie. Sie wurde nicht ernst genommen“, sagt der Sohn.

Björn Volke ist ein schlaksiger junger Mann mit einer angenehmen Stimme und einem frischen, freundlichen Ge­sicht. Es klingt nach sachlicher Dis­tanz, nachgerade gezwungen emoti­onslos, wenn er von „dem Lutz“ spricht. Im Keller sei er einmal, er war damals noch ein Kind und es war in der Friedichstraße, auf dessen beein­druckende Waffensammlung gesto­ßen. Zudem auf ein ganzes Depot von Medikamenten. Und dann die Ge­schichte mit den Hasen, die eines Ta­ges tot neben ihrem Freilaufgehege im Garten gefunden wurden. „Der Lutz“ habe seine Jagdhunde auf die armen Schlappohren gehetzt. Er habe sein Abiturzeugnis gefälscht und sich als Arzt ausgegeben, obgleich er doch gerade mal ein Pharmavertreter war … Es mag durchaus nur eine Ansam­m­lung von „Episoden“ sein, wie Vertei­diger Andreas von Dahlen das mit leichter Herablassung nennt, und doch ergibt sich daraus ein Bild, wel­ches sich wie ein Portrait Acrimboldos zusammen­setzt, und zwar aus vielen kleinen Bösartigkeiten: das Bild eines rück­sichtslosen, geltungsbedürftigen, egomanen Ekels. Einmal fragt Staats­anwalt Pleuser den Zeugen: „Wer in Ihrer Familie profitiert denn vom Tod Ihres Vater?“ Die Antwort kommt prompt: „Nur der Lutz!“

Doch wie soll ein Mann, der angeblich bereits die gesamte Hinterlassen­schaft des Fabrikanten Dr. Willi H. in seinen Besitz gebracht hat, noch Ge­winn ziehen aus dem Mord an seinem Schwager, dem Verachteten, nur Ein­geheirateten? Der im Vergleich zur (freilich einstigen) Prosperität der Familie H. ein armer Schlucker ist mit einer kleinen Firma und einem winzi­gen Reihenhäuschen in der Gallien­straße? Als Motiv gilt für die Staats­anwaltschaft der ausgeuferte Streit um das Pflichtteil, den Ulrike Volke vor dem Landgericht Darmstadt ge­gen ihren Bruder führt, ein Verfah­ren, das sich über Jahre hinzog und we­nige Tage nach der Tat eigentlich Ent­scheidungsreife erlangt hätte.  „Mein Vater war dabei die treibende Kraft“, erläutert der Zeuge. „Und das wusste Lutz auch!“

Der Angeklagte war zweimal verhei­ratet. Die zweite Frau sitzt an jedem Prozesstag hinten im Zuschauerraum. Sie ist groß, schlank, gepflegt, hat kurzes, blondes Haar. In der Pause und am Ende der Verhandlung kommt sie zu ihm nach vorn, spricht ihm Mut zu. Es gibt aber auch noch eine andere Frau im Leben des Lutz H.: Banu D., seine letzte Lebenspart­nerin, die ebenfalls ins Visier der Kripo geraten war.  Auch die Geo­daten ihres Mobiltelefons wur­den im Zuge der Ermittlungen festge­stellt. Sie hat sich demnach am Abend des 7. September 2013 in Bad Schwalbach, Martha-von-Opel-Weg 5, aufgehalten. Von hier bis zum Tatort in der Hanauer Gallienstraße sind es 81 Kilometer. Fahrtzeit: Eine Stunde und sieben Minuten. Der Bauunter­nehmer Cengiz G. gab Frau D. nun ein Alibi. Sie sei mit ihm zusammen gewesen an jenem Tag. Er will auch ein sexuelles Verhältnis mit ihr ge­habt haben. Cengiz G. ist ebenfalls ein Bekannter von Lutz H.; am nächs­ten Verhandlungstag kommt Banu D., die Frau zwischen zwei Männern, in den Zeugenstand.