Voll schuldfähig trotz Sucht?

Wie die Droge ihr Opfer beherrscht: 1965 veröffentlichte das Life Magazine die Story „The World of Needle Park“, eine Geschichte zweier Menschen an der Nadel. ©Bill Eppridge, Life Magazine

Von Dieter A. Graber

HANAU. Herr D. sei ein kranker Mensch, sagt sein Verteidiger. Aber er habe niemanden in Gefahr bringen oder gar verletzen wollen bei seinen Taten. Ohne Therapie sehe die Zu­kunft seines Mandanten traurig aus. Der Strafrechtler Dino Lang aus Oberursel hält ein leises, aber ein­dringliches Plädoyer. Es ist schwer, in diesem Fall noch viel zu erreichen, abermals eine letzte Chance her­auszuholen für diesen Angeklagten, der schon so viele letzte Chancen vergeben hat (hier).

Dabei gehört Dietrich D. eigentlich nicht zu den „gestrandeten Seelen“, wie ein Hanauer Staatsanwalt jüngst die elenden Gestalten nannte, die, von Drogen zerfressen, in den Parks her­umlungern. Er sieht, im Gegensatz zum ersten Verhandlungstag, heute recht gut aus. Er hat eine schlanke und sportliche Figur. Und dass er flink ist auf seinen Beinen (und auch mit den Fingern), davon hat sich die 5. Große Strafkammer mittels Videoaufnahmen überzeugen kön­nen, die von Überwachungskameras aufgenommen wurden. Richter Weiß ließ die Filme im Gerichtssaal abspie­len. Sie zeigen den Angeklagten, die Mütze in die Stirn gezogen, wie er von zwei Mitarbeitern nach dem Verlassen eines Supermarkts gestellt wird, wie er die beiden plötzlich mit Pfeffer­spray attackiert und sofort Fersengeld gibt – schwupp, um die Ecke, und weg ist er. Kann ein schwer Drogenkranker so flitzen?

Überhaupt: Planmäßig sei er zu Werke gegangen, sagt der Psychiater Jürgen Wettig aus Eltville, der Diet­rich D. explorierte. Nun ja, süchtig sei er schon, süchtig nach allem, was psychotrope Wirkung hat: Crack, Ko­kain, Tabletten, aber vor allem Me­thadon, das er sich injizierte, vierzig Milliliter für rund 100 Euro am Tag, eine Horrordosis, die andere umge­bracht hätte. Und doch beging er seine Taten, die Autoaufbrüche und Ladendiebstähle, mit kühler Zielstre­bigkeit. Einmal hatte er am Vortag die Überwachungskamera vor einem La­den verstellt, um bei seiner Flucht nicht aufs Bild zu kommen, meist ging er mit Werkzeug auf seine Beutezüge, einem Meißel etwa, einem Schrauben­zieher oder einer Anreißnadel, einem Pfriem ähnlich, zum Zertrümmern von Seiten­scheiben.

Herr K. berichtet als Zeuge von seiner Begegnung mit ihm. Herr K. ist La­dendetektiv bei einem Lebensmittel­markt in Steinheim. Er hatte Dietrich D. beim Stibitzen von Tabakwaren für 149,30 Euro beobachtet und ihn bis auf den Parkplatz verfolgt. „Dort forderte ich ihn auf, mit mir ins Büro zu kommen. Er weigerte sich. Plötzlich hatte er eine Injektionsspritze in der Hand mit ei­ner langen Nadel und sagte: ‚Aus dem Weg, sonst stech ich dich ab!‘“ Nun ja, der Wortlaut wird nicht authentisch sein, der Angeklagte ist, bei aller kri­minellen Energie, ein eher höflicher Geselle. Kein Haudrauf. Kein brutaler Räuber. Verminderte Schuldfähigkeit will Gutachter Wettig trotz dessen Polytoxikomanie aber nicht gelten lassen. Zwischen ihm, dem Psychiater, und Herrn D., dem Angeklagten, entfaltet sich folgender Dialog: „Warum sind Sie nicht in eine Klinik gegangen?“ – „Zweimal war ich da, habe mich selbst eingewiesen.“ – „Zweimal? Wenn man das mit der Anzahl Ihrer Delikte ver­gleicht …“ – „Das ist die Sucht. Die treibt einen an!“ – „Als Sie festge­nommen wurden, sagten Sie, zu einer Entgiftung bereit zu sein. Warum ha­ben Sie das nicht früher gemacht?“ – „Aber ich war doch da …“ Und alles von vorn! Es ist ein circulus vitiosus, in dem sich das Leben des Dietrich D. bewegt. Die Droge als Ende und An­fang all seiner misslungenen Bemü­hungen, auf den richtigen Weg zu ge­langen.

Sein Strafregister ist prall gefüllt. Zweimal wurde er schon nach Para­graph 64 StGB in den Maßregelvoll­zug geschickt. Therapie statt Strafe. Seinen jüngsten Rückfall schildert er so: „Ein halbes Jahr, nachdem ich aus dem Gefängnis kam, lief noch alles gut. Ich lebte bei meiner Mutter. Ich kriegte Hartz 4. Dann schloss ich ei­nen Handyvertrag ab, verkaufte aber das Telefon. Die vom Jobcenter erfuh­ren davon – und sperrten mir alle Leistungen. Da ging alles wieder los.“ Es bedarf halt nicht viel, um eine derart instabile Existenz zum Kippen zu bringen.

Herr D. sagt, er habe das alles nur we­gen der Entzugssymptome getan. Die furchtbaren Schmerzen, die Übelkeit. Schon morgens, sagt er, habe er nur daran gedacht, wie er an Stoff kom­men könne. An seine Tagesration. „Ich wollte ja keine Diebstähle bege­hen, aber meine Mutter gab mir kein Geld mehr, nur noch Essen.“ Es ist die Geschichte von einem, der eigentlich ein guter Kerl sein will, aber nie dazu kommt. Der Gutachter hat so seine Zweifel. „Steuerungsfähigkeit war stets gegeben.“ Will sagen: Herr D.  wusste, was er tat. Und er tat es aus eigenem Antrieb.

Staatsanwältin Grumann fordert eine Gesamtstrafe von vier Jahren; sie möchte diesem Angeklagten ein wei­teres Mal die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt einräumen. Ver­teidiger Lang ist auch dafür. Andern­falls, sagt er, habe sein Mandant nicht mehr lange zu leben.