Vom Es und dem Dings

Plauderte gern lange am Telefon und war nicht immer leicht zu verstehen: Banu D., hier mit ihren Verteidigern Fuchs (links) und Küster in einer Verhandlungspause. ©D. Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Am Nachmittag des 9. Sep­tember 2013, knapp zwei Tage nach dem Tod von Jürgen Volke, führten Banu D. und Cengiz G. ein Telefonge­spräch. Es dauerte 24 Minuten. Es bein­haltet nach Ansicht der Staatsanwalt­schaft einige Indizien dafür, dass die Angeklagte den Mord in der Gallien­straße begangen hat. Es wurde seiner­zeit im Rahmen einer Telefon­überwa­chung mitgeschnitten und kommt heute in Saal 215 zu Gehör. Bisher haben sich alle Versuche der Anklage, Banu D. der Tat zu überfüh­ren, als untauglich erwie­sen. Nun also die Wende? 

Es ist schwierig, dem Wortgeplätscher der Banu D. zu folgen. Herr G. bekennt, während solcher Monologe manchmal „gar nicht hingehört“ zu haben. Viel­leicht legte er dann nur deshalb nicht auf, weil er noch die Hoffnung hegte, sein amouröses Abenteuer mit dieser attraktiven, deutlich jüngeren Frau zu einem erfolgreichen Ende bringen zu können. Banu D. aber ließ ihn zappeln. So nahm sie zwar seine Einladung zu einem Abendessen mit anschließendem Barbesuch an, ohne ihm auf die Nase zu binden, dass sie bereits in „festen Hän­den“ war. Von Lutz H. als ihrem „Chef“ sprach sie damals nur nebulös. Zu mehr als Unterhaltung und Tanz aber sei es nicht gekommen, räumt Cengiz G., der Frauenheld, ohne Umschweife ein. „Leider.“ Er ist da ganz ehrlich. Wie gerne hätte er Banu D. unter seine Jagdtrophäen eingereiht. Viel investiert hat er an Zeit, Mühen und Geduld. Den Renault Twingo, der eigentlich Lutz H. gehörte und mit dem sie in der (Tat-)Nacht einen Blechschaden verursacht hatte, ließ er anderntags in eine Werk­statt bringen und reparieren. Am Tele­fon dankt sie ihm überschwänglich. Dass er zumindest geahnt haben muss, es könnte hier eine Unfallflucht vorlie­gen, ist evident. Diesen Eindruck zu widerlegen bemüht er sich in seiner Zeugenvernehmung. „Um bei ihr zu landen, habe ich zugesagt, ihr zu helfen. Ich wollte nur eine Sexbeziehung, alles andere hat mich nicht interessiert.“

Der Begriff des Anakoluths bezeichnet in der Linguistik einen Bruch des Satz­baus oder auch den Abbruch eines be­gonnenen Satzes. Banu D. wird das nicht wissen. Gleichwohl ist sie die Meisterin des Anakoluths. Manche ihrer Sätze sind eine Aneinanderreihung von Unverständlichkeiten, Wortgefüge, die sich logischer Rezeption widersetzen. Das mag auch daran liegen, das sie ständig vom Türkischen ins Deutsche wechselt und wieder zurück. Der Dol­metscher, der als Experte für die türki­sche Sprache auch Sachverständiger ist, gerät ins Schwitzen. Einmal sagt sie zu Cengiz G.: „Mit dir hat Dings nichts zu tun. Das Dings an sich. Was sie damit wohl gemeint haben könnte, will Rich­ter Graßmück von dem Zeugen wissen. Herr G. hebt die Schultern. Das Ge­spräch liegt vier Jahre zurück. Es han­delte von Krankheiten, bettelnden Hun­den, dem NSU-Prozess, dem an Kurden in der Türkei begangenen Unrecht und vielem mehr. Unter diesen Umständen von einem Zeugen die Bedeutung ein­zelner Worte zu erfragen, könnte man zumindest als sehr ambitioniert be­zeichnen.

„Heute kam die Polizei zu mir, aber die denken, dass jemand anderes es ge­macht hat …“ sagt Banu D. am Anfang des Gespräch. Es, das Dings – vieles lässt sich hinein interpretieren in derart kryptische Äußerungen. Auch ein Mord? Cengiz G. bleibt dabei. Er sei nicht in Hanau gewesen mit Frau D., und es gibt nichts, was diese Aussage erschüttern könnte.

Es sind zwei zeitgleiche Ereignisse, die sich überlappen, eine Unfallflucht in Bad Schwalbach und ein Mord in Ha­nau, und die nun, im Rückblick, das Geheimnis von Es und Dings so verwir­rend machen. Sprach Banu D. von dem einen, während die Ermittler das andere meinten? Geschuldet ist diese Irritation auch jenen Nachlässigkeiten, die sich Polizei und Staatsanwaltschaft gleich zu Anfang leisteten. So gab Herr G. in sei­ner ersten Vernehmung am 11. Septem­ber 2013 bereits an, sie hätten auf dem Weg zur Zurna Bar in Mainz-Kastel eine Begegnung mit einer Polizeistreife gehabt. Er hatte auf der Standspur ge­halten und war von den Beamten zum Weiterfahren aufgefordert worden. Es soll gegen halb zwölf gewesen sein. Die Tatzeit. Wenn dies zuträfe, wäre die Angeklagte aus dem Schneider. Ent­sprechende Ermittlungen unterblieben damals allerdings. Die 1. Große Straf­kammer versucht nun, das Versäumte nachzuholen. Sie hat acht Beamte der Autobahnpolizei aus der Nachtschicht vom 7. zum 8. September 2013 geladen. Eine ganze Dienstgruppe. Aber wie sollen die Zeugen sich an einen Vor­gang erinnern, der nur Minuten dauerte und sich, seiner banalen Alltäglichkeit wegen, nicht im Dienstbuch nieder­schlug? Nein, da ist nichts zu machen.

Es ist es nicht die Wende in diesem Verfahren, und überhaupt war all das schon lange bekannt und in den Er­mittlungsakten abgeheftet, ohne dass Banu D. deswegen in den Status einer Tatverdächtigen erhoben worden wäre. Und so gewinnt dieser Prozess den schalen Beigeschmack dessen, was man einen Sündenbock nennt. Aber viel­leicht hat die Staatsanwaltschaft ja noch einen Trumpf in der Tasche. Es müsste sich dann, was Banu D. angeht, um den ersten und allerletzten handeln.