Von Bösen und Devoten

Von Dieter A. Graber

HANAU. Es wird kaum Gutes gesagt über die Klocks. Selbst dreieinhalb Jahre nach ihrem ge­waltsamen Tod sind die Erinne­rungen der Zeugen durchsetzt mit wenig schmeichelhaften Adjekti­ven. „Aufbrausend“ nennt Carla R., die Nachbarin vom Hof „IG Pferdeglück“, den Harry Klock. Als „bedrohlich“ habe sie sein Auftreten empfunden. Für Ma­nuel M. war Sieglinde Klock eine garstige Person mit einer lauten, unfreundlichen Stimme. Die Epi­soden, die nun zur Sprache kom­men, tun ein Übriges: Sie er­ge­ben das Bild eines rücksichts­losen, auf den eigenen Vorteil bedachten Ehepaars.

Da ist die Geschichte, „worüber wir heute nicht reden wollen“, wie Nebenklageanwalt Dietrich sagt. Und von der doch alle wissen, worum es geht; um Cannabis nämlich und dessen angeblich geplanten Anbau auf der Main River Ranch. Das war ja schließ­lich schon ein Thema im ersten Prozess. Also: Der Hufschmied Manuel M., 34 Jahre, ein Mann mit hünenhafter Statur, was ihm in seinem Beruf zugutekommt, hatte damals die Scheune der Klocks gemietet, für 500 Euro im Monat, und später, wenn das il­legale Ge­schäft richtig laufe, sollten es 1.500 werden. Natürlich sei Harry eingeweiht gewesen. „Ich nahm dann aber doch lieber Ab­stand von der Sa­che!“ beteuert Herr M. jetzt im Zeugenstand. Einzelheiten mag er nicht preis­geben. Nur so viel: Klock habe gleichwohl den höhe­ren Betrag eingefordert und quasi ein Vermieter­pfand­recht an sei­nen, des Hufschmieds Siebensa­chen, die noch in der Scheune la­gerten, geltend gemacht. Auch habe er ihm ei­nen Welpen aus seiner Zucht verkauft, einen Dogo Cana­rio für 1000 Euro, den er dann jedoch nicht rausrückte. Den Kaufpreis aber auch nicht mehr.

Das liebe Geld! Laut Karla M., 57 Jahre, gab es um den Monats­ersten herum immer Geschrei auf der Ranch nebenan. „Wenn die Klocks ihre Miete nicht bekamen von Klaus und Claus, hörte ich den Lärm bis zu unserem Grund­stück herüber.“ Klaus und Claus, so wurden Vater und Sohn B. genannt, zwei „zurückhaltende, hilfsbereite Leute“, wie die Zeu­gin betont. Und verängstigt. Ein­geschüchtert. Mehrfach habe sie ihnen Geld zugesteckt, ein biss­chen wohl auch aus Mitleid, wie sich heraushören lässt, dafür hätten sie sich bei ihr zuhause nützlich gemacht mit Weißbin­derarbeiten und so. Vielleicht war es eine Art Flucht, weg von der Ranch, auf der die beiden nichts zu lachen hatten. Einmal sei der Harry mit dem Auto vor­bei ge­kommen und habe dem Klaus-Dieter B., der gerade eine Ziga­rettenpause machte, zugeru­fen: „Faule Sau! Rauch nicht, geh schaffen!“

Als eine „moderne Form des Sklaventums“, bezeichnet Huf­schmied M. das Verhältnis der beiden Parteien zueinander: „Die mussten die Drecksarbeit erledi­gen und sich dafür auch noch be­schimpfen lassen. Wenn sie Geld hatten, knüpfte es ihnen Harry ab.“ Der habe einmal sogar ge­droht: „Ich bringe euch um und versenke euch in der Gülle­gru­be.“ Richterin Wetzel fragt: „Wie reagierten die Angeklagten denn auf so etwas?“ Manuel M.: „Sehr devot. Sie guckten betreten zu Boden und zogen sich zurück …“ Diese und weitere Begeben­heiten werden geschildert in Saal 215, und es ist, wie gesagt, nichts Liebenswürdiges darunter.

An der Glaubwürdigkeit der Zeugen gibt es wenig Zweifel. Manuel M. zeigt keinen Belas­tungseifer. Und doch kann dies alles kaum die ganze Wahrheit sein über jenes Ehepaar, das, unter welchen Umständen auch immer, am 6. Juni 2014 einen tragischen Tod starb und an­schließend verscharrt wurde un­ter einer Schicht Erde und Pfer­demist. Nicole R. sagt, ihr Vater sei ein guter Vater gewesen. Pläne hatten sie, der Harry und die Sieglinde. Wollten nach Spa­nien auswandern. „Lebenskünst­ler“ seien sie gewesen, meinte eine Bekannte.

Ziemlich am Schluss seiner Zeu­genvernehmung sagt Manuel M. dann doch noch einen versöhnli­chen Satz: Erst viel später sei ihm klar ge­worden, dass Sieg­linde Klock eigentlich doch nicht so … – nun ja: „Vielleicht konnte sie mich in Wirklichkeit ganz gut leiden, und es war nur ihre Art, ihre Stimme halt, die so abwei­send wirkte.“

Manchmal tut man Menschen Unrecht, ohne es zu wollen. So­gar über ihren Tod hinaus.