Von Räubern und Helden

Tatort Rosenstraße: Überfälle auf Juweliergeschäfte sind am riskantesten, wenn viele Zeugen in der Nähe sind. Das wussten die beiden Nachwuchsgangster wohl nicht. ©Foto: Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Der Angeklagte Paulius D. hat das „letzte Wort“. Er bittet um eine milde Strafe. Vor allem wegen seines schlimmen Beins. Die ständigen Schmerzen. Furchtbar. Es seien die Folgen eines Autounfalls in der Heimat. Demnächst müsse er deshalb noch einmal unters Messer. Und diesen Umstand, sagt der Angeklagte Paulius D. mit nahezu kindlicher Naivität, möge das Gericht doch bitte strafmindernd berücksichtigen (mehr dazu hier).

Er ist ein kräftiger Bursche von einundzwanzig Jahren, blond, durchtrainiert. In Litauen wartet die Armee auf ihn. Neun Monate Wehrdienst, kaputtes Bein hin oder her. Immerhin konnte Paulius D. am Nachmittag des 1. September vergangenen Jahres damit noch gut 500 Meter im Sprint zurücklegen, vom Laden der Frau Stickelmayer, den er mit seinem Komplizen Ricardas A. überfallen hatte, bis aufs Gelände des Klinikums, wo beide festgenommen wurden. Der selbstmitleidige Hinweis auf seine malade Extremität beeindruckt die Jugendstrafkammer denn auch erwartungsgemäß wenig.

Paulius D. und Ricardas A. sind zwei Kriminelle neuen Typs: Kaltblütig, schnell, rücksichtslos. Vermutlich wurden sie in ihrer Heimat für den Überfall angeheuert. Ricardas A. könnte ein „Ersatzmann“ gewesen sein, war doch kurz zuvor ein anderer beim Versuch der Einreise nach Deutschland wegen eines Haftbefehls festgenommen worden. Richterin Susanne Wetzel mutmaßt in ihrer Urteilsbegründung, sie hätten „nach den Weisungen von Hintermännern“ gehandelt. Sie sind zwei randständige Figuren aus dem wirtschaftlich prosperierenden Baltenstaat, wie es dort Tausende gibt, ohne Ausbildung, ohne Arbeit, ohne Zukunft, die sich für ein Himmelfahrtskommando anheuern ließen: rein in den Laden, Beute machen, verschwinden. Ein Blitzüberfall vor den Augen des staunenden Publikums. Wenn es geklappt hätte, wären sie vermutlich mit ein paar Euro abgespeist worden, genug, um sich in der Heimat einige Monate über Wasser zu halten. Und andernfalls – Pech gehabt!

Gescheitert sind Paulius D. und Ricardas A. an der resoluten Frau Stickelmayer, die sich weder mit Kabelbindern fesseln, noch von der Softair-Pistole beeindrucken ließ und aus Leibeskräften um Hilfe schrie. Gescheitert sind sie auch an beherzten Passanten, die sich geistesgegenwärtig an die Fersen der flüchtenden Verbrecher hefteten. Es gab einige Helden an jenem Tag, jawohl, den Herrn S. zum Beispiel, 61 Jahre, Sicherheitsfachkraft. Er sorgte dafür, dass die Polizei alarmiert wurde, beobachtete den Tatverlauf durch die Schaufenster und machte sich dann an die Verfolgung – „mit gehörigem Sicherheitsabstand“, wie er betont. Oder Saif S., 22 Jahre, Student, der ebenfalls hinter ihnen her war und die Polizei auf ihr Versteck brachte; sie hatten sich hinter einen Baucontainer gekauert. „Andernfalls wären die Täter womöglich entkommen“, sagt Richterin Wetzel. Sie spricht von „beeindruckender Zivilcourage“. Nun gut, die Grenze zur Unbesonnenheit mag da hauchdünn gewesen sein, aber Mut verdient Lob. Soviel dazu!

Das Vorgehen von Paulius D. und Ricardas A. weist nicht eben auf Flexibilität und Entscheidungskraft hin. So versuchten sie, eine Vitrine mit einem Hammer zu zertrümmern, anstatt sich in den Besitz des Schlüssels zu bringen. Als das Sicherheitsglas dem Werkzeug widerstand, gaben sie Fersengeld. Den Verteidigern Timo Wild (Hanau) und Ulrich Will (Bruchköbel) blieb nur, das Strafmaß so gering wie möglich zu halten, mehr war nicht drin. Dreieinhalb Jahre Jugendstrafe kriegte Paulius D., viereinhalb Ricardas A., dessen Geschichte vom „schwarzen Mann“, der sie mit einem Messer bedroht und zur Tat gezwungen habe, bestenfalls Unterhaltungswert hatte in diesem Prozess. Auch er griff am Ende noch einmal tief in die Mitleidskiste: „Wenn ich eine hohe Strafe bekomme und meine kranke Mutter zu Hause davon erfährt – ich weiß nicht, was dann passiert …“ ließ er die Dolmetscherin sagen.  Gerade so, als habe die Kammer heute über das Schicksal des Mütterchens zu entscheiden!

Sehr lange wird die alte Dame aber nicht warten müssen auf den verlorenen Sohn. Ein knappes halbes Jahr gilt durch die Untersuchungshaft bereits als verbüßt. Und wenn er die Hälfte hinter sich hat, also in knapp zwei Jahren, wird er nach Litauen abgeschoben. Das ist so üblich. Dann kann sie ihn dort im Gefängnis besuchen und frisches Gemüse vom eigenen Bauernhof mitbringen.

Oberstaatsanwalt Jürgen Heinze zeigte sich gleichwohl zufrieden mit dem Strafmaß: „Es wurde von der Kammer einmal deutlich gemacht, dass solche Taten unnachsichtig verfolgt werden.“