Von Sex, Geld und Ehre

Wiedersehen in Saal 215: Mostafa (vorn) und Mohammad umarmen sich vor Prozessbeginn. Der Haftbefehl gegen den Älteren war aufgehoben worden (links dessen Verteidiger Reiner Freydank). Foto: Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Es ist eine Geschichte, die sich um  Sex dreht, um Geld und Familienehre. Im Mittelpunkt stehen Aymar und Ramia, ein junges Ehepaar aus der sy­rischen Provinz Hama. Vor viereinhalb Jahren begaben sich die beiden auf eine abenteuerliche Flucht, die sie zuerst in den Libanon führte, dann nach Ägypten, wo sie sich vorüberge­hend trennten. In dieser Zeit lernte Ramia einen anderen Mann kennen. Sie begann ein Ver­hältnis mit ihm. Erst viel später, nachdem sie in Deutschland wieder zusammengekommen waren, erfuhr Ayman davon. Er entdeckte pikante Video-Clips, die seine Frau von sich gedreht und ihrem Liebhaber nach Ägypten geschickt hatte. Nun wollte Ayman die Scheidung. Sie müsse die gemeinsame Wohnung umgehend verlassen. Er soll auch damit gedroht haben, die Filme ins Internet zu stel­len.

In der Dachgeschosswohnung kam es nun zum Streit zwischen den Brüdern und dem Ehepaar. Es gab Handgreif­lichkeiten. Sie verlagerten sich von der Küche in den Flur. Mit einem Garderoben­spiegel soll Mostafa wie von Sinnen auf die anderen eingeprügelt haben. Während sein Schwager zu einem Nachbarn flüch­tete, nahm er ein Messer aus der Kü­che, verfolgte seine Schwester ins Treppenhaus und stach auf sie ein – in den Rücken, die Brust, in ihren Hals. „Ich hatte“, erklärt er über sei­nen Verteidiger, „einen Blackout.“ Er könne sich an nichts weiter erinnern. Es sei wie bei einem Bombenangriff in seiner Heimat ge­wesen. Die Schreie, der Lärm ... „Schreckliche Bilder kamen mir da in den Kopf.“ Ramia verblutete auf dem Treppenabsatz. Mohammad ist we­gen unterlassener Hilfeleistung ange­klagt, Mostafa wegen Totschlags.

Aqrab ist ein Gewirr von flachen Hütten und Häusern mit Gär­ten, durchzogen von schmalen Stra­ßen, gelegen zwischen Aleppo und Damaskus. Aqrab, die kleine Stadt in der Provinz Hama, ist die Heimat der Brüder Mohammad und Mostafa A., 26 und 22 Jahre alt. Ungleiche Brü­der sind sie, schon äußerlich: kräftig und ho­chaufgeschossen der Jüngere, eher untersetzt der andere. Aqrab, das ist auch Bürgerkrieg. Bombenangriffe und Angst. Die Familie A. flüchtete. Eines Tages fand sie sich in Deutsch­land wieder.

Ramia und Ayman bezogen eine Woh­nung an der Freigerichtstraße. Ganz oben im vierten Stock. „Aber meine Frau hat sich hier verän­dert“, erzählt er im Zeugenstand. Un­zufrieden sei sie gewesen. Ayman ist Lastwagenfahrer, ein eher zierlicher Mann mit schütterem Haar, den man sich so gar nicht vorstellen kann am Steuer eines schweren Brummis. Ramia hatte sich auf der Flucht in ei­nen anderen verliebt. Die Geschichte mit den ero­tischen Clips, die sie an­geblich von sich selbst angefertigt und ihm nach Ägypten geschickt hat, geistert durch die Er­mittlun­gen. Kommissar Pe­ter F. war ihnen auf der Spur, und fast hätte er sie ge­habt. „Wir konnten tatsächlich eine entsprechende Spei­cherkarte sicher­stellen“, sagt er im Prozess aus. „Wir schickten sie zur Auswertung ans BKA, aber es hieß: ,mechanisch be­schädigt, nicht mehr zu reparieren‘.“

Mag sein, dass jene Flash Card die 30-jährige Ramia das Leben kostete. Ein paar – wie die Nachforschungen von Kommissar F. vermuten lassen – eher harmlose Aufnahmen, die in Ramias neuer Heimat, einem sexuell toleran­ten Deutschland, keine „große Sache“ sein müsste. Bestenfalls eine Angele­genheit unter Eheleuten. Für die Fa­milie A. aus dem kleinen Aqrab aber war es ein Ehrverlust. „Ihre Eltern ha­ben den Kopf gesenkt“, hieß es, was so viel bedeutet wie: Über uns ist Schande gekommen.

Am Abend des 7. Januar verlangte Ayman von den Brüdern, seine Frau müsse die Woh­nung verlassen. Sofort. Er wolle die Scheidung. Zornige Worte müssen da gefallen sein und Tränen auch. Von den pikanten Auf­nahmen ist zunächst nicht die Rede. Es ist nicht klar, noch nicht je­denfalls, wann die beiden überhaupt davon erfuhren. Und vor allem: von wem. Laut der Ermittlungen von Kommissar F. habe Ayman anschlie­ßend damit gedroht, sie im Internet zu verbrei­ten. Es sei auch um Geld gegangen, kleine Beträge zwar nur, aber viel­leicht der Versuch, ein biss­chen Schweigegeld zu kassieren?

Mostafa und Mohammad beraten sich erst mal mit ihrer anderen Schwester Fatmea, die in der Nähe wohnt. Als die Brüder zurück in die Freige­richtsstraße 10 kommen, sei Mostafa jedenfalls „fuchsteufelswild“ gewe­sen. Aber auf wen? Auf die Schwes­ter, weil sie die Familie in eine peinli­che Situation brachte? Auf den Schwager, der von seiner Frau im­merhin großzügig unterstützt worden war, als er vorübergehend im Libanon als Kraftfahrer malochte, und zwar ausgerechnet mit dem Geld, das sie von ihren Liebha­ber zugesteckt be­kommen hatte? Es heißt, Ramia habe dafür gesorgt, dass ihr Ayman über­haupt erst nach Deutschland folgen konnte … Es sei schwer, sagt der Kri­pobeamte, den Sachverhalt aufzuklä­ren: „Eine an­dere Kultur, dazu die Sprachprob­leme.“

Unmittelbar im Anschluss an die Blut­tat flüchteten die beiden mit dem Taxi nach Trier, wo sie bei einem Be­kannten unterkommen wollten. Die Fahrt kostete 450 Euro. Dort wurden sie festgenommen. Mostafa nimmt die gesamte Schuld an dem Verbre­chen auf sich. Gleichwohl klagt Ober­staatsanwalt den Mohammad wegen unterlassener Hilfeleistung an und wegen Körperverletzung, weil er auf Ayman eingeschlagen habe. Ach ja, und wegen Besitzes kinderpornogra­fischen Materials: Auf seinem Mobil­telefon waren nämlich Fotos mit ge­quälten, miss­brauchten Mädchen gefunden wor­den. Ekelhafte Darstel­lungen. Ver­mutlich viel abstoßender als das, was Ramia aus einer lebens­frohen Laune heraus in bewegte Bil­der gepackt hatte. So viel zum Thema „Familien­ehre“. 

Der Prozess wird fortge­setzt.