Warum Frau D. in Hanau war

Von Dieter A. Graber

HANAU. Die Einlassung der Banu D. umfasst acht eng be­schriebene DIN-A-4-Seiten. Sie liest vom Blatt. Ihre Stimme ist zerbrechlich. Sie stockt, bricht wiederholt ab, mitten im Satz. Banu D. sagt, sie habe Angst vor Lutz H.: „Davor, dass er mir oder meinen Kindern etwas antun wird, wenn ich aussage“. 

Frau D. trägt Schwarz wie an je­dem Verhandlungstag. Es sind immer dieselben Sachen. Die Haare sind nachlässig am Hinter­kopf hochgesteckt. Seit fast ein­einhalb Jahren sitzt sie in U-Haft. Im Prozess hat sie geschwiegen. Nun also kommt sie ins Erzählen.

Ja, sie war in Hanau, und zwar am 30. Juli 2013, nachmittags. Es war ein Dienstag. Es war knapp sechs Wochen vor den Todes­schüssen in der Gallienstraße. „Ich wollte dem Lutz wegen des Familienstreits helfen. Ich dach­te, dass ich vielleicht zwi­schen ihm und seiner Schwester Ulrike vermitteln könne.“ Ein Gespräch von Frau zu Frau, aber ohne sein Wissen. Es dauerte, bis sie die Hausnummer 18 fand. „Dann stand ich vor der Tür. Ich wollte schon klingeln, aber der Mut verließ mich.“ Unverrichte­ter Dinge sei sie zurückgefahren.

Sie belastet Lutz H. nicht direkt. Viel­leicht liegt es an der eingangs ge­schilderten Angst, die aber doch nicht mehr zu sein scheint als ein diffuses Gefühl der Bedrohung, festgemacht an Äußerungen von ihm. „Als ich ihn einmal verlas­sen wollte, meinte er: ,Wenn du gehst, mache ich dir Schwierig­keiten. Mit der Polizei …!‘“ Es mag da die unterschwellige Dro­hung mitgeschwungen sein, man könne ihr die Töchter weg­neh­men. Es gibt da nämlich eine Ge­schichte in ihrem Leben, die er gekannt haben muss. Die er in der Folge gegen sie verwendete. Eine Drogengeschichte. Mehrere Jahre lang war Banu D. auf Speed gewesen. Sie sagt, das habe mit ihrer schmutzigen Scheidung zu tun gehabt – Trau­rigkeit, Verzweiflung, Zukunfts­angst, der Kampf um die Kinder. Sie sagt auch: Damals, als sie mit Cengiz G. im Wagen am Rand der Autobahn stand, weil der eine Kurznachricht schreiben wollte auf dem Weg vom Restaurant Harput zur Zurna Bar, und plötz­lich die Polizei ans Fenster klopfte, da habe sie einen Rie­senschrecken gekriegt. „Ich hatte nämlich nicht nur Speed konsu­miert, sondern darüber hinaus auch noch eine nicht ganz kleine Menge – ich denke, so etwa zwanzig  Gramm – in meiner Handtasche dabei.“ Das sei auch der Grund gewesen, warum sie nach dem Unfall wenige Stunden getürmt war. Cengiz G. habe sie getröstet wegen des Blechscha­dens. Seine Freunde würden das in Ordnung bringen. Und so war es dann ja auch.

Es habe noch andere Warnungen des Lutz H. gegeben. Versteckte. Und deutliche. „Ich werde dich immer finden!“ soll er getönt ha­ben oder: „Wie man Autos in Polen verschwinden lassen kann, so geht das auch mit Menschen.“ Banu D. sagt: „Am Ende war ich so weit, dass ich ,sitz‘ gemacht habe, wenn er ,sitz!‘ gesagt hat.“

Und der Mord? Was weiß sie da­rüber? Es ist erstaunlich wenig. „Als ich nach Hause kam [in der Frühe des 8. September], lag Lutz schlafend auf dem Sofa. Ich habe zuerst nach den Kindern ge­schaut, geduscht und mich bett­fertig gemacht. Anschließend räumte ich die Küche auf und weckte ihn, um gemeinsam ins Bett zu gehen.“ Wenn ihre Dar­stellung zutrifft, und daran gibt es eigentlich keinen Zweifel, kann Lutz H. gar nicht festge­stellt haben, mit welcher Klei­dung sie am Morgen zurückge­kehrt war. (Angeblich im Mini, nachdem sie abends in Jeans das Haus verlassen habe.)

Durch einen Anruf des Bruders von Lutz H. habe sie am Vor­mittag mitbekommen, „dass et­was Schlimmes passiert sein musste. Der Lutz teilte mir mit, dass sein Schwager Jürgen tot sei. Er wirkte sehr durcheinander und er sagte, dass er erst einmal ein Glas Wein trinken müsse.“

Aber ob der Herr H. denn nicht später, vielleicht in Kärnten oder so, mal etwas über die Tat geäu­ßert habe, fragt Richter Graßmück. „Doch“, antwortet sie, „dass er mehr über den Tod seines Schwagers wisse, aber immer, wenn ich nachfragte, zog er sich zurück …“

Auf seinen Schwager sei Lutz H. nicht gut zu sprechen gewesen. Nach sei­nem Tod habe er abfäl­lig be­merkt: „Geschieht ihm recht. Ich bin nicht traurig, dass es so ge­kommen ist!“