Warum Frau K. ihr Ungeborenes tötete

Von Dieter A. Graber

HANAU. Beschwörend sagt Frau K., während sie sich mit einem Taschen­tuch die Tränen aus den Augen tupft, sie sei eine gute Mutter. Doch! Und trotz allem! Es klingt, als erwarte sie eine Bestätigung von Amtsrichterin Appel an diesem Nachmittag in Saal 22 des Hanauer Justizgebäudes, quasi ein amtliches Attest über ihre moralische Integrität. Eine alleinerziehende Mut­ter ist Frau K., die der Tochter, sechs Jahre alt, ihre ganze Liebe schenkt. Gleichwohl hat Frau K. ihr zweites Kind, einen Jungen, mit der Injektion des Desinfektionsmittels „Rivanol“ abgetrieben. Es muss in der 31. Schwangerschaftswoche passiert sein.

Die Angeklagte ist 28 Jahre alt. Sie hat ihr dunkelbraunes Haar in die Stirn gekämmt, eine altmodische, große Brille auf der Nase und einen dicken Schal um den Hals geschlungen. Sie schäme sich für ihre Tat, sagt sie. Eine Handlung, die sie nicht erklären kann, je­denfalls nicht so, wie ein Gericht das erwartet von einem Menschen, der gegen Paragraph 218 StGB ver­stoßen hat. Schwangerschaftsab­bruch. „Begeht die Schwangere die Tat, so ist die Strafe Freiheitsstrafe bis zu ei­nem Jahr oder Geldstrafe“, steht da. „Würde es etwas bringen, wenn ich meine Situation zu schildern ver­suchte?“ fragt sie schüchtern.

Ein Beschreibungsversuch also. „Ich war mit einem Mann zusammen. Ziemlich lange. Aber er betrog mich. Er terrori­sierte mich. Er nahm Rauschmittel. Er ist dann im Drogen­sumpf gelandet, und ich trennte mich von ihm.“ Erst „viel später“ will sie die Schwanger­schaft festgestellt ha­ben; im vierten Monat etwa. Zu spät also! In Para­graph 219 StGB heißt es, ein Schwan­gerschaftsabbruch komme „nur in Ausnahmesituationen in Be­tracht …, wenn der Frau durch das Austragen des Kindes eine Belastung erwächst, die so schwer und außer­gewöhnlich ist, dass sie die zumut­bare Opfer­grenze übersteigt“. Aber was ist das, eine „zumutbare Opfer­grenze“?

Man könnte sagen, Frau K. habe den Fötus weggegoogelt. Sie stieß im In­ternet auf den Tipp mit „Rivanol“. Sie kaufte es in einer Apotheke. 500 Mil­liliter kosten 6,74 Euro. Abruptio graviditatis zum Preis einer Kino­kar­te. Es führt zum Herzstillstand bei dem Ungebo­renen und zur Wehen­auslösung. Aber erst Wochen später spritzte sich Frau K. das Antiseptikum in die Frucht­blase. Es passierte an ei­nem Abend im Februar. Eine spon­tane Entscheidung sei das gewesen. „Ich kriegte Panik …“ Etwa eine Stunde später, schätzt der Gutachter, war das Kind tot. Morgens rief sie den Krankenwagen. Die Klinik schaltete die Polizei ein. Bei einer Hausdurch­suchung entdeckte Kommissarin L. die leere „Rivanol“-Flasche auf dem Fenstersims neben dem Bett.

Frau K. weint. „Es ist furchtbar, was ich getan habe“, schluchzt sie. Es mag Ausdruck der Verzweiflung darüber sein, sich in einer scheinbar hoff­nungslosen Situa­tion für das Falsche entschieden zu haben. Nicht nur strafrechtlich. Auch moralisch. Vor allem moralisch! Sie hat einen Job als Ver­käuferin, verdient kleines Geld, 1020 Euro netto, wohnt mit ihrer Tochter in einem Zimmer bei der Mutter. Ein anspruchsloses Leben. Aber es gibt da einen neuen Partner. Vielleicht die Hoffnung auf einen Sil­berstreif des Glücks am Horizont. Kommissarin L. berichtet als Zeugin, im Zimmer auch Unterlagen für eine Urlaubsreise nach Vancouver gefun­den zu haben. Und zwar für drei Per­sonen: Zwei Erwachsene, ein Kind. Nicht für ein Baby.

Marcel A. Verhoff ist Direktor des In­stituts für Rechtsmedizin in Frankfurt und Gutachter in diesem Prozess. „Es gehört schon etwas dazu“, sagt er verwundert, „sich selbst eine Kanüle in den Bauch zu stechen.“ Und so steht die Frage im Raum, was denn dazu ge­höre: Verzweiflung? Abge­brühtheit? Gedankenlosigkeit? Und auch die, ob an jenem Abend im Feb­ruar 2015 vielleicht doch jemand an­deres dabei Hand angelegt hat …

In den Akten von Richterin Appel gibt es Beweisfotos. Sie zeigen einen win­zigen Menschen, der nicht leben durfte, 47 Zentimeter groß und 2340 Gramm schwer. Die Angeklagte will nicht nach vorn kommen, um ihn an­zusehen. Sie hatte ihm noch einen Namen gegeben und ihn auf einem Friedhof beerdigt. Sie war mit ihrer Mutter allein am Grab gewesen. Nun schlägt sie die Hände vors Gesicht.

„Sie hätten das Kind zur Adoption freigegeben können“, sagt die junge Richterin. Es klingt nicht vorwurfsvoll. Sie führt die Verhandlung wohltuend sachlich. Die Angeklagte antwortet: „Ich wusste, ich würde es behalten wollen, wenn ich es erst mal im Arm gehabt hätte.“ Sie sagt auch: „Aber alles wäre im Chaos versunken. Kei­nem würde man einen solchen Vater wün­schen.“ Dann lieber nicht gebo­ren werden …

Staatsanwältin Georgi fordert neun Monate auf Bewährung. Sie glaubt, dass Frau K. es tatsächlich allein ge­tan hat. Ehrlich sagt sie: „Ich finde es schwer, in diesem Fall, das richtige Strafmaß zu finden.“ Das Urteil lautet dann auf sieben Monate. Frau K. hält  „es für angemessen“. Sie nimmt es an.

Niemand, sagt sie, habe bis heute Kenntnis von der wahren Geschichte. Ihre Mutter nicht und auch nicht ihr neuer Lebenspartner. Sie muss es al­lein mit ihrem Gewissen ausmachen. Aber trotzdem: Sie ist bestimmt eine gute Mutter.

Wir haben ihren Namen geändert.