Warum Herr M. körperlich wurde

Herr M. trifft in einer Verhandlungspause vor Saal 215  auf die berichterstattende Zunft. Neben ihm Verteidiger Peter Oberländer. Foto: Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Reichsbürger M. hat sich an diesem Morgen für einen dunklen Blazer mit goldfarbenen Knöpfen ent­schieden und eine rosagestreifte Krawatte zum blassblau karierten Hemd. Aus der Brusttasche lugt keck ein spitz gefaltetes Einstecktuch. Nur die schon etwas ausgeleierten Jeans verraten, dass ihr Träger wohl mal bessere Zeiten erlebt haben muss. Damals war er Direktionslei­ter einer großen Vermögensbera­tungsgesellschaft. Herr M., der mit Vornamen Bernd Karl heißt, ist wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz und das Kriegswaffenkontrollgesetz vor der 1. großen Strafkammer ange­klagt.

Hinter der wuchtigen Scheibe, die den Gerichtssaal vom Zuschauerraum trennt, sitzen gut ein Dutzend Weg­gefährten des Herrn M., Leute mittle­ren Alters und beiderlei Geschlechts, unauffällig die Erscheinungen, aber mit Skepsis in den Gesichtern. Nein, die­ser Spruchkörper ist der ihre nicht, überhaupt: das Bundeswahlge­setz von 1953, wird Herr M. später sagen, sei ohnehin, wie höchstrich­terlich festgestellt, verfassungswidrig, folg­lich keine Regierung seither rech­tens gewesen und deshalb … – aber wir wollen uns Weiteres an dieser Stelle ersparen.

Reichsbürger M. – sofern diese Be­zeichnung auf ihn zutrifft, denn er verwendet sie kein einziges Mal – ist ein jovialer Endfünfziger, der eine semmelblonde Fönfrisur trägt und eine Brille und vor sich her ein kleines Ränzlein, das ihm ein irgend­wie ge­mütliches Aussehen verleiht. Aber das war er ganz und gar nicht, als in den frühen Morgenstunden des 22. Juli 2015 die Polizei mit einem Durch­suchungsbeschluss vor seiner Tür stand. Herr M., damals in Bade­lat­schen, Boxer-Shorts und T-Shirt, sei „körperlich“ geworden, erinnert sich Bernd F. von der Hanauer Kripo. Kom­missar F. ist keiner, dem man so kommen kann. Sie haben ihn dann erst mal ruhiggestellt, den Herrn M.; in seinem nahebei geparkten Merce­des fanden sich dann: eine Walther PP aus Wehrmachtsbestän­den, eine 9 mm Zastava-Pistole, eine AK 47, bis­weilen auch Kalaschnikoff genannt, das Schloss eines MG 151/20, wel­ches dereinst wohl die Bordkanone einer Messerschmitt Bf 109 be­stück­te, Nachtzielgeräte sowie Munition, Munition, Munition – Hun­derte Pat­ronen aller möglichen Kali­ber.

Herr M. will nicht auf die Anklage­bank, wer will das schon, und vor ei­nem Gericht, dem er die Legitimation zu richten abspricht, sowieso nicht. Er will eine Erklärung abgeben. Die Kam­mer ist heute früh gut gelaunt. Er darf es. Er liest etwas vom Blatt ab, ein unverständliches Geschwurbel, durchsetzt mit  englischen Rechts­termini. Strahlend blickt er anschlie­ßend in die Runde. Er hat einen klei­nen Sieg er­rungen, und jetzt, wo das erledigt ist, kann der Prozess endlich begin­nen. Bernd Karl M. berichtet begeistert von seiner großartigen luftfahrthistori­schen Sammlung, die er in 40 Jahren zusammengetragen habe: Bordin­strumente, Modelle in diversen Maß­stäben, eine Fachbiblio­thek, ja, auch Bewaffnung und Muni­tion – … „Aber alles nur Deko“, be­teuert er treuher­zig. Gleichwohl war das, was Kommis­sar F. und seine Leute damals fanden, so brisant, dass gleich mal das LKA mit ein paar Spezi­alisten anrückte. Herr M. kann das erklären: „Mein Va­ter, der 2005 ver­starb, hat die Sachen für einen auf dem Fliegerhorst statio­nierten US-Offizier aufbewahrt. Er war versetzt worden und muss es wohl vergessen haben.“ Der alte Herr hatte als Pro­jektleiter einer Ha­nauer Baufirma viel mit den US-Streitkräften zu tun ge­habt. Zehn Jahre lang lagerten die scharfen Ar­tefakte in der Garage des Großkrot­zenburger Mehrfamilien­hauses ne­ben allerlei anderem militä­rischem Gerümpel aus Hermann Görings wundersamer Welt der Reichsluftwaffe. Sogar auf der Toi­lette war Kommissar F. fündig ge­wor­den. „Ich bin aber kein Waffen­narr“, betont der An­ge­klagte. Viel­mehr sei er ein Sammler.

Obergerichtsvollzieher Frank S. kennt Herrn M. und seine Geschichte. Er hatte oft dienstlich mit ihm zu tun. Herrn S. schwante Böses, als er da­mals die Räumung vornehmen sollte. „Ich bin ja schon bedroht worden und wusste, dass da Waffen im Haus wa­ren“, sagt er im Zeugenstand. Er bat die Polizei um Amtshilfe.

Drei Jahrzehnte lang gehörte Bernd Karl M. zum Topmanagement eines Frankfurter Finanzkonzerns. Dann verlor er seinen Job. Seine Ehe ging in die Brüche. Eine Weile noch schlug er sich als freier Versicherungsmakler durch, mehr schlecht als recht ver­mutlich, aber schließlich fand er sich ganz unten wieder. Ohne Arbeit, ohne Einkom­men. Das Haus seiner Mutter wurde zwangsver­steigert. Hier war er auf­gewachsen. Wut erfasste ihn. Je tie­fer der Sturz, desto größer der Schmerz. „Ich wurde zum Kämpfer für freie Menschen, die sich nicht mehr betrügen lassen wol­len von diesem Finanzsystem“, sagt er voll Pathos. Nun, das könnte auch aus dem Munde eines Blockupy-Akti­visten kommen.

Oberstaatsanwalt Dominik Mies for­dert zwei Jahre und drei Monate. Aber so dicke kommt es dann doch nicht: Die Kammer lässt es bei 22 Monaten bewenden, zur Bewährung, versteht sich, Herr M. muss aber noch 200 Stunden ge­meinnützi­ger Arbeit verrichten.

Zu Richter Graßmück sagte der Ange­klagte während der Verhandlung einmal anerkennend: „Ich habe Sie hier als kompe­tenten Menschen er­lebt.“ Also, mehr Kompliment für ei­nen Juristen ist in Reichsbürgerkrei­sen wohl kaum mög­lich.