Was bleibt, ist der Glaube

Aussage gegen Aussage. Also lügt einer. Das Mädchen ist es nicht, sagt die Psychologin. Foto: Kinderpuppe ©Raritäten-Shop, Wien

 

Von Dieter A. Graber

HANAU.  Am Ende hat Herr G. resig­niert. Sein „letztes Wort“, das eigent­lich eine umfassende Verteidigungs­rede hätte werden sollen, gerät zu ei­ner kurzen, traurigen Bilanz seines Lebens. „Ich war umgeben von Men­schen, denen ich half und vertraute. Sie haben mein Vertrauen nicht ge­rechtfertigt.“ Und dann sagt er noch: „Wie auch immer es hier ausgeht – ich werde es akzeptieren.“ Nicht Selbstmitleid klingt da heraus, nur die Müdigkeit eines Mannes, der weiß, dass er verloren hat, und zwar mehr als ein paar Jahre in Freiheit – seinen Ruf, seinen Stolz, seinen Le­bensin­halt. Sich selbst! Zuvor hatte Richterin Susanne Wetzel angedeutet, wie die Kammer über den Fall des Herrn G. denke, und da gab es eigent­lich nichts misszuverstehen. Sie sagte: „Es spricht viel dafür, dass wir am Ende der Zeugin glauben und nicht Ihnen.“

Die Zeugin ist das Mädchen Stefanie, wie wir sie hier nennen wollen, heute zwölf Jahre alt. Stefanie also wird von Angehörigen, die ihr nicht wohlge­sonnen sind, als durchtrieben be­zeichnet, als verlogen, wie Vertei­di­ger Reiner Freydank hervorhebt. Ihre Lehrerin an der Otto-Hahn-Schule, Frau K., die heute aussagt, nennt Stefanie „über ihr Alter hinaus entwi­ckelt, physisch und mental“. Ihr hatte sich das Mädchen anvertraut an je­nem Oktobertag 2016, nach der ers­ten Stunde, in einem vertraulichen Gespräch im Klassenzimmer. Ihr hatte sie von sexuellen Übergriffen berich­tet und davon, quasi „eingesperrt“ zu werden daheim. „Ich verstand sie so, als sei sie gefangen. Sie habe ihr Handy abgeben müssen und auch nicht mehr an den Computer ge­durft“, sagt Frau K. im Zeugenstand. Kurz darauf wurde Herr G. festge­nommen, in U-Haft gesteckt. „Vorve­rurteilt!“ zürnt Anwalt Freydank. Zahlreiche Patienten, Bekannte sei­nes Mandanten, sogar eine renom­mierte Hanauer Medizinerin hätten sich für ihn „ver­bürgt“.

Ein paar dieser „Bürgen“ haben sich auch heute wieder hinter der Glas­wand versammelt, die den Gerichts­saal vom Zuschauerraum trennt. Keine Gelegenheit lassen sie verstrei­chen, ihre Überzeugung kund zu tun, Herr G. müsse unschuldig sein. Auch Richterin Wetzel bekommt dies in ei­ner Verhandlungspause auf dem Gang zu hören. Längst haben sie, zu­meist ehemalige Patienten des Ange­klagten, die Sache 1KLs 1136 Js 18376/16 zum Gegenstand eines Glaubenskampfes gemacht, den sie mit unbeirrbarem Eifer ausfechten. Schließlich ist es die Besonderheit dieses Verfah­rens, dass es keinen Sachbe­weis gibt, keine Spuren, keine Augen­zeugen, und nicht einmal die Gynä­kologin, die Stefanie untersuchte, konnte zur Wahrheitsfindung beitra­gen – dass hier mithin die Aussage eines wie auch immer beleumundeten Kin­des gegen die eines angesehenen Physiothera­peuten steht. In dubio pro reo also? Aber darf das vielleicht Ge­sche­hene ungesühnt bleiben, nur weil die Person auf der Anklagebank ansonsten einen tadellosen Ruf genießt?

So einfach kann, nein: darf es sich die Kammer nicht machen. Sie hat des­halb die Psychologin Sonja Parr aus Heuchelheim mit einem Gutachten zu Stefanies Glaubwürdigkeit beauftragt. Parr kommt, kurz gesagt, zu dem Schluss, die Aussage der Zeugin sei glaubhaft –  weder „instruiert“, noch „suggeriert“, noch „von sich aus er­funden“. Spätestens jetzt muss Herrn G. klar geworden sein, dass es kaum noch Hoffnung gibt für ihn in diesem Prozess.

Mit der Emotionslosigkeit des routi­nierten Staatsanwalts fordert Anklä­ger Hubertus Pfeifer viereinhalb Jahre, wegen sexuellem Missbrauch, Körperverletzung, Vergewaltigung. Unter dem Vorwand, ihre Körper­pflege kontrollieren zu wollen, habe er sich an dem Kind vergangen. Ste­fa­nies Mutter hatte ausgesagt, zuvor  jahrelang keinen Geschlechtsverkehr mehr mit ihm gehabt zu haben. Herr G. schüttelt den Kopf, fassungslos, enerviert, zermürbt, ausgebrannt.

Nein, er spielt nicht die Rassismus­karte, dieser Angeklagte, was manch anderer vielleicht getan hätte in seiner Lage, und was der Nebenkla­gevertre­ter Rüdiger Kade aus Aschaffenburg zumindest anspricht: „Sie werden es nicht leicht gehabt haben …“ Dass seine Haut schwarz ist, pech­schwarz sogar, sei für ihn nie ein Problem ge­wesen in Deutschland, be­tont Herr G.; er habe nur Stefanie und ihrer Mutter helfen wollen, aus einer familiären Situation zu flüchten, die von Miss­brauch und Gewalt ge­prägt war.

Ein Retter, der zum Täter wurde?  Der aus übertriebener Fürsorge seine Fa­milie kontrollierte, einsperrte? Und wenn es tatsächlich so gewesen sein sollte (Freydank: „einmal unterstellt“) – wären viereinhalb Jahre, wie der Verteidiger sich empört, da nicht „ab­solut unverhältnismäßig“?

Das Parr’sche Gutachten, immerhin 160 Seiten lang, ist Freydank nicht genug. Er hätte weitere Glaubwürdig­keits­tests erwartet, auch gerne noch mehr Zeugen geladen. Doch könnte er Justitia damit quasi auf den letzten Metern noch einmal umstimmen? Die Kammer wird sich beraten und ihr Ur­teil übernächste Woche verkünden. Die Zu­schauer haben ihr Urteil längst ge­fällt, eigentlich schon vor Prozess­be­ginn.