Was man sich so erzählt

Von Dieter A. Graber

HANAU. Margarete und Edward wa­ren sieben Jahre miteinander verhei­ratet. Sie hatten im reifen Alter zuei­nander gefunden; er war Ende fünf­zig, sie weit in den Vierzigern, als sie sich das Ja-Wort ga­ben. Jeder brachte die Erfahrung ei­ner gescheiterten Ehe mit in die neue Lebensgemeinschaft. Sie arbeiteten bei derselben Firma in Steinheim. Sie stellt Schutz­schläuche her. Edward sieht aus wie ein netter Opa: grau das Haar, grau der Bart, altmo­disch die Brille. Er soll seine Margareta mit drei Messerstichen umgebracht haben.

Es gibt viel zu sagen über diese Ehe. Und es wurde schon viel gesagt, bei der Polizei, damals, im Februar, nachdem die furchtbare Geschichte passiert war. Zum Beispiel von Ciprian H., dem Schwiegersohn des Angeklag­ten. Na ja, Schwiegersohn … Ciprian H. hat Anna geheiratet, die Tochter von Margareta aus erster Ehe. Sie ist jetzt Nebenklägerin. Edward, den die meisten Edi nannten, sei „krankhaft eifersüchtig“ gewesen, hatte er sei­nerzeit zu Protokoll gege­ben. „Meine Schwiegermutter konnte immer nur heimlich zu uns kommen, um ihre En­kelkinder mal zu sehen.“ Ein Kon­t­roll­freak, der Edi. Heute ver­sucht Ciprian H. sich etwas mehr in Diplomatie. Eigent­lich sei er ja „sehr großzügig“ gewe­sen und zuverlässig, habe die Enkel in den Kindergarten gebracht, ihnen sogar mal eine Mu­sikanlage geschenkt. Gewalttätig? Nein! Niemals! Nie!

Auch Frau B., Ilona, 47 Jahre, Arbeits­kollegin der Verstorbenen, weiß et­was. Sie wohnte mal in einer Werks­wohnung. Er war da Hausmeister ge­wesen. Nun will sie es loswerden, ihr Wissen, im Zeugenstand. Wie Edi sich so seltsam benommen habe. „Ausset­zer“ nennt sie das. „Einmal hat er die Mülltonnen ausgeschüttet, und alles musste neu sortiert wer­den“, erinnert sie sich. Ein andermal habe er ge­schrien: „Ich bring euch alle um.“ Und dass Margareta nicht viel essen durfte, weil er sie für zu dick hielt: „Sie hatte nur zwei Äpfel mit auf der Arbeit.“ Und das Rauchen hatte er ihr auch verboten.

„Belastungseifer“ nennen Juristen das. Es ist nicht böse gemeint. Es ent­springt dem Wunsch, zur Wahrheits­findung beizutragen, als Zeuge seine Arbeit gut zu machen. Freilich muss auch Frau B. einräumen, vieles nur von Hörensagen zu wissen. Das Pro­nomen „man“ tritt an die Stelle des Pronomens „ich“: Man erzähle sich, dass es in der Hochzeitsnacht von Edi und Margareta schon Streit gegeben habe; man wisse doch, wie eifersüchtig er war; man habe von seiner Dro­hung gehört, sie sei „tot, wenn sie weggeht oder sich trennen will …“

Es gibt da eine düstere Seite im We­sen von Edward und Margareta. Beide litten unter Depressionen. Beide mussten Medikamente neh­men. Sie hatte einen Suizidversuch hinter sich. Ihre inneren Uhren liefen nicht mehr synchron; er ruhte am Tage und war nachts hellwach, wenn sie den Schlaf dringend gebraucht hätte. Und er – auch davon spricht man – habe sich verändert, nachdem er in Rente ge­gangen war. Die Kam­mer unter Vor­sitz von Richter Peter Graßmück be­müht sich, diesbezüglich Genaueres herauszuarbeiten, aber der Versuch geht ins Leere. Und überhaupt: Dass sich die Persönlich­keit nach dem Aus­scheiden aus dem Arbeitsleben nicht selten noch einmal umformt – was sagt das schon über das Motiv für eine Blut­tat?

Anna B. betont, sie habe stets ein gu­tes Verhältnis zu ihrer Mutter gehabt. Sie ist 35 Jahre, Verkäuferin, schmal, rötlich-braunes Haar. Sie berichtet strukturiert, sachlich, offen. Sie gibt Einblick in das Leben von Margareta und Edward. Es drängt sich die Ver­mutung auf, dass die  beiden sehr ein­sam gewesen sein müssen in der Zweisamkeit ihrer Wohnung an der Eisenbahnstraße im Stadtteil Klein-Auheim. Alkohol wurde dann zu ih­rem Begleiter. Die Spurensicherung fand viele leere und manche noch volle Flasche in Küche und Wohn­zimmer. Der Flachbildfernseher war mit einem schweren Gegenstand zer­trümmert worden. Möglicherweise mit einer Flasche. Frau B. sagt, sie habe immer befürchtet, dass mal et­was Schlimmes passiere. „Nüchtern war er der liebste Mensch. Aber wehe, er hatte getrunken …“ Richter Graßmück fragt: „Gab es denn Hin­weise auf Gewalt in dieser Ehe?“ Nein, antwortet die Zeugin. Nur gele­gentlich mal Streit. An Weihnachten zum Bei­spiel. Wegen Geld. Wie es in anderen Ehen halt auch mal vorkommt …

Vermutungen, Hinweise, Gerüchte. Aber letztlich nirgends ein Omen für das Schreckliche. Edward schweigt. Die Gerichtsmedi­zinerin Stefanie Plenzig hat die Tote untersucht. Der Stich zwischen Hals und Brustkorb, ausge­führt mit einem Messer, dessen Klinge 23 Zentimeter lang war, sei der tödli­che gewesen. Er durchtrennte die Arteriae pulmona­les, die das sauer­stoffarme Blut vom Herz zur Lunge transportieren. Das Opfer sei „in wenigen Minuten“ tot gewesen, „nach innen verblutet“. Wie groß der Kraft­aufwand gewesen sei, mit dem die drei Messer geführt wur­den, fragt Staats­anwalt Mathias Pleuser. Enorm, ant­wortet die Ärztin. Es muss in diesem Augenblick eine große Wut gewesen sein in Edward.

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