Wechselseitig auf der Zeugin

Unten am Fluss passieren die schlimmsten Sachen. Nicht nur im Film. Sondern mitten in Deutschland.

Von Dieter A. Graber

HANAU. Im Eulen-Pub gibt es Karao­kepartys und Dartturniere, der halbe Liter Hefeweizen kostet donners­tags nur zwei Euro, und die Spiele der Ein­tracht sind regelmäßig auf Groß­bild­leinwand zu sehen. Live und in Farbe. Der Eulen-Pub ist echt angesagt in Dör­nigheim, und das wissen auch die Leute aus der Neckarstraße 9, also die Bewoh­ner des Asylbewerberheims, Leute wie Toto, Awet und Filmon. Die drei kom­men aus Eritrea. Sie sind be­reits eine Weile in Deutschland. Geld haben sie schon, jedoch nicht viel zu tun, und so schauen sie gelegentlich mal rein in die kultige Kneipe. So hat es angefangen, ganz harmlos an jenem 8. April, und jetzt müssen sich die jungen Burschen wegen einer schweren Sexu­alstraftat vor der 2. Großen Strafkam­mer verant­worten.

Toto, Awet und Filmon hatten orden­t­lich „vorgeglüht“, und zwar hauptsäch­lich mit Bier. Sie gehören zur Glaubensge­meinschaft der orthodoxe Chris­ten, wie gut drei Millionen Menschen in ihrer Heimat. Es war Fastenzeit. Da ist nur Vegetarisches erlaubt. Wie Gersten­saft zum Beispiel. Toto, 23, erinnert sich da­ran, nachmittags im Frankfurter Bahn­hofs­viertel mit seinem Freund Filmon, 22, min­destens sieben Flaschen „War­steiner“ geleert zu haben. Zurück in Maintal, hat er dann noch mal Bargeld getankt, am Automaten der Sparkasse. Und ab ging’s in den Pub. Da hockte schon der Arwet. Es muss gegen Mit­ternacht ge­wesen sein.

Es hielt sich dort aber auch die Frau H. auf, „überdreht“ und in Tanzlaune, sagt der Filmon, oder genauer: lässt er seine Verteidigerin, die Frankfurter Straf­rechtlerin Wiebke Otto-Hanschmann, sagen. Und Awet, 23, meint: „Sie suchte die ganze Zeit den Kontakt zu Männern. Ich hatte das Gefühl, dass sie flirten wollte oder vielleicht mehr …“

Es mag so gewesen sein. Frau H. hatte einen kleinen Schwips. Null Komma fünfundvierzig Promille wurden später in ihrem Blut festgestellt. Bei den An­geklagten übrigens ein Vielfaches davon. Gleichwohl ist es billig, die Selber-schuld-Karte zu ziehen. Frau H. habe, so sagt Staatsanwalt Oliver  Piechaczek, nachdrücklich „Nein“ ge­sagt, als die Männer ihr zu Leibe gerückt seien.

Wie kam es dazu? Fest steht: Irgendwann im Morgen­grauen machen sich die vier Nachtschwärmer auf den Weg. Sie landen, nachdem sie an der Aral-Tankstelle noch eine Flasche Wodka und Energy­drinks gekauft ha­ben, am Main­. Es muss gegen sieben gewesen sein. Sonntagmorgen. Die ersten Jogger und Gassigeher sind unterwegs. Die vier sitzen, vom Gebüsch abgeschirmt, auf dem Rasen, reden, trinken. Filmon beginnt, Frau H. die Jeans herunterzuziehen. Sie wehrt sich. Sie schreit laut um Hilfe. Je­weils zwei der Männer halten sie fest. „So kam es, dass alle drei wechselseitig auf der Zeugin zu liegen kamen“, drückt es die Anwältin in schnörkelloser  Juristen­prosa  aus. Frau H. trägt Hämatome und Kratzer davon.  Spaziergän­ger finden sie kurz nach der Tat halb­nackt am Wegesrand, geschockt, verängstigt. „Gemeinschaftliche se­xuelle Nötigung“ heißt das Delikt im Strafge­setzbuch, wo es mit mindestens zwei Jahren Freiheitsstrafe ausgepreist ist.

Toto, Awet und Filmon kamen als Flüchtlinge nach Deutschland. Na ja, geflüchtet sind sie eigentlich nicht. Vor was auch? Toto zum Beispiel  hatte daheim die Schule abgebrochen und als Hilfskraftfahrer gearbeitet. „Ich wollte aber eine Ausbildung zum Autome­chaniker machen“, skizziert er seine Lebenspla­nung. „Warum gerade in Deutschland?“ will Richterin Ober­länder wis­sen. Er zuckt die Schultern. „Ich bin krank …“ Tuber­kulose. Eine der harm­loseren Formen. Nicht ansteckend.  Ei­nen Integrations­kurs habe er absolviert. Die Sprache lernen und was einer sonst noch braucht, um sich hier zurecht zu finden. Sein Deutsch ist gleichwohl mi­serabel. Nach vier Jahren im Land. 6000 Euro knöpfte ihm der Schleuser für den Trip von Eritrea über den Su­dan, Libyen und das Mit­telmeer nach Italien ab. Jetzt kriegt er jeden Monat 400 Euro vom Amt und hat sich damit gut eingerichtet. Trips nach Ber­lin, nach Hamburg zu Bekannten, nach Ingolstadt, wo er sich mit Landsleuten traf, waren damit drin – man kommt viel rum als Eritreer in Deutschland.  Das meiste aber wird wohl für Alkohol drauf gegangen sein. Toto ist ein strammer Trinker. Er hat eine Freundin, aber die lebt in Norddeutsch­land. Eine Fernbeziehung. Den Freuden der körperlichen Liebe musste er notge­drungen entsagen.

Nach der Tat sind die drei getürmt. Frau H. rief die Polizei. Eine Streife war ruckzuck vor Ort. Die Station ist eben mal 500 Meter entfernt. Ein Polizist machte den Awet hinter einem Baum ausfin­dig, wo er sich hingekauert hatte. Die beiden anderen wurden wenig spä­ter im Wohnheim  an der Ne­ckarstraße aufge­griffen. Seither sitzen sie in U-Haft.

Toto und Awet machen eine punktuelle Amnesie infolge Alkohols geltend. Je­denfalls für den Vorfall am Mainufer. Das viele Bier, die Jägermeister, der Wodka … „Ich weiß nichts mehr. Keine Ahnung, ob ich das getan habe“ meint der Toto. Und der Awet sagt: „Meine Erinnerung setzt erst wieder ein, als mich die Polizisten in meinem Zimmer weckten.“ Nur der Filmon – weiche, fast feminine Züge, Strubbelkopf, lebhafte Augen  – bekundet, die Sache tue ihm leid. „Mein Mandant möchte sich bei der Geschädigten entschuldigen und sa­gen, dass er sich schämt“, erklärt die Anwältin. Das kann er am nächsten Verhandlungstag tun. Dann soll Frau H. gehört werden.