Wenig Hoffnung für Frau D.

Lebenslänglich aufgrund eines am Telefon dahin genuschelten Satzes? Banu D. mit ihren Verteidigern Torsten Fuchs und Axel Küster in einer Verhandlungspause. Foto: Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Im Volkeprozess hat die 1. Große Strafkammer über­raschend Haftfortdauer für Banu D. angeordnet. In ihrer elfseiti­gen Begründung führen die Richter aus, es bestünde weiter­hin dringender Tatverdacht ge­gen die Angeklagte. Sie stützen sich dabei unter anderem auf ne­bulöse Aussagen ihres ehemali­gen Lebensgefährten gegenüber dem Verdeckten Ermittler Errol. Ihm hatte Lutz H. erzählt, er wis­se, wer Jürgen Volke erschossen habe, sei er doch selbst „instru­mentativ“ an der „Party“ beteiligt gewesen. Der Begriff „Party“ war seinerzeit spaßeshalber im Zusammenhang mit angeblichen Straftaten von Banu D. verwen­det worden. Zu vermuten ist al­lerdings eher, dass damit ihr da­maliger gelegentlicher Drogen­konsum gemeint war.

Als weiteres Indiz für ihre mög­liche Tatbeteiligung wertet die Kammer einen kurzen Aufenthalt von Banu D. in Hanau etwa sechs Wochen vor den tödlichen Schüssen. Ihr mit Hilfe der Handy­daten erstelltes Bewegungsprofil ergab, dass sie damals auch die Gallien-, bzw. Friedrichstraße aufsuchte. Hat sie dabei den späteren Tatort, das Reihenhaus Gallienstraße 18, ausgekund­schaftet? Einer (allerdings durch nichts bewiesenen) Theorie der Polizei zufolge habe der Mord bereits am nächsten Wochen­ende verübt werden sollen, je­doch seien die Volkes da im Ur­laub gewesen. Nebenbei: Banu D. war an jenem Tag im Juli 2013 auch in Steinheim unter­wegs.

Den entlastenden Aussagen des Zeugen Cengiz G. schenkt das Gericht offenbar keinen Glauben. Er will mit Banu D. zuerst im Wiesbadener Restaurant Harput zum Essen, später in der Zurna Bar in Mainz-Kastel beim Auf­tritt eines türkischen Sängers ge­wesen sein. Ein verschwiegenes Rendezvous, von dem ihr dama­liger Lebensgefährte nichts er­fahren sollte. Vielmehr geht die Kammer davon aus, dass Cengiz G. sie in der Nacht zum 8. Sep­tember 2013 nach Hanau gefah­ren habe. Tatsächlich räumte er im Zeugenstand freimütig ein, auf ein erotisches Aben­teuer mit Frau D., die er erst we­nige Tage zuvor kennenge­lernt hatte, aus gewesen zu sein. Dazu sei es je­doch nicht gekom­men.

Zu was es zweifellos kam, war ein Unfall: Auf dem Weg zum Treffpunkt in Bad Schwalbach rammte Banu D. mit ihrem – auf Lutz H. zugelassenen – Renault Twingo einen abgestellten Peu­geot und machte sich aus dem Staub. Notgedrungen habe sie, um ihren perfiden Plan in dieser Nacht doch noch ausführen zu können, einen Fahrer benötigt, glauben die Ermittler. Hier komme Cen­giz G. ins Spiel. Aber würde sich eine Mörderin für die Zeit, in der sie ihre Tat begehen will, parallel auch noch mit einem Mann verabreden – und den dann kurzerhand als Komplizen anheuern? Eine derart waghalsige Konstruktion würde man einem Krimiautor nicht mal im TV-Tatort durchgehen las­sen.

Vor Gericht versuchte Cengiz G. den Eindruck zu vermeiden, von ihrer Unfallflucht gewusst zu ha­ben. Das ist tatsächlich wenig glaubhaft. Hatte er doch andern­tags ihr beschädigtes Fahrzeug in eine Werkstatt bringen lassen und sich um eine preisgünstige Repa­ratur gekümmert. Es ist denkbar, dass der Bauunterneh­mer mit dieser Straftat, dem un­erlaubten Entfernen vom Unfall­ort, jetzt nicht in Verbindung ge­bracht werden will. Aber darf dies zum Nachteil der An­ge­klagten ausgelegt werden?

Eine besondere Rolle spielt in diesem Zusammenhang ein Tele­fonat, das die beiden wenige Tage später führten. „Da wollten wir mal was heim­lich machen, und dann geht das bis Hanau …“ sagte Herr G. damals. Die Rich­ter Graßmück, Fuchs und Zeyß wollen aber herausge­hört haben: „…und dann fahren wir nach Hanau.“  Kann ein ein­zelner, akustisch nur schwer ver­ständ­lich Satz eine lebenslange Frei­heitsstrafe begründen?

Die jetzige Entscheidung der Kammer ist ein Präjudiz. Denn die Würdigung der Beweise, und seien sie noch so mager, ist letzt­lich dem Gericht vorbehalten. Auch wenn es nun schreibt: „Eine abschließende Bewertung kann erst nach Abschluss der Beweisaufnahme erfolgen.“