Wenn der Vater mit dem Sohne

La-Le-Lu, nur der Mann im Mond schaut zu …: Ein Happy End gibt es nur im Film, wenn Väter ihre Kinder allen Widerständen zum Trotz nicht aufgeben wollen ©Constantin

Von Dieter A. Graber

NIDDERAU/HANAU. Manch­mal fuhren sie raus zur Saalburg. Machten Spa­zier­gänge, rede­ten, lachten mitei­nander. Unbe­schwer­te Stun­den im Taunus. Das sei schön gewe­sen, sagt der Markus. „Wir gin­gen dann auch zum Essen, immer erster Klasse.“ Er spricht lang­sam, mit langen Pausen mitten in den Sätzen, be­tont einzelne Worte, unterstreicht andere mit Gesten. Später, als seine Konzentra­tion nachlässt, „der Akku leer ist“, wie Vertei­diger Ulrich Will es ausdrückt, verliert er immer öfter den Fa­den. Dann fischt er mühsam nach Er­lebtem im trüben Teich seiner Erinnerun­gen. Markus hat seinen Vater getötet. Stranguliert mit dem Kinnriemen des Motor­rad­helms, den der alte Herr zum Schutz gegen seinen Sohn trug.

Markus erzählt von jener tragi­schen Nacht im November 2016. „Ich lag im Bett. Da hörte ich seine Stimme, so heftig, dass ich ausgerastet bin. Ich schlug die Scheibe einer Tür ein. Dann ging ich nach unten und zer­schlug mit dem Staub­sauger eine andere Scheibe. Ich sah Vater auf dem Boden liegen. Die Au­gen waren zu. Ich dachte, er schläft und ging wieder in mein Zim­mer.“

Und wenn der Vater doch tot war und tatsächlich einen Helm trug, dann, sagt Markus, müsse noch ein anderer im Haus gewesen sein: „Ich habe ihn nie am Hals gepackt, höchs­tens mal an den Haaren gezo­gen.“ Die entschei­denden Minu­ten sind weg, aus­gelöscht, ver­drängt vielleicht, in seiner Rück­schau nie pas­siert.

Markus war ein Scheidungs­kind. Früh trennten sich die El­tern. Ein Rosenkrieg begann, der, wie sich ein Verwandter erinnert, bis zum Bundesge­richtshof geführt wor­den sei. Markus kommt zur Mutter. Er ist ein guter Schüler. Geht aufs Gymnasium. Mathe-Leis­tungs­kurs. Mit fünfzehn kommt er erstmals in die Psychi­atrie. „Die Männer in den weißen Kit­teln holten ihn vor al­ler Au­gen zuhause ab. Ein Schock, den er nie ver­wunden hat“, sagt sein Cousin. Diag­nose: Schizo­phre­nie. „Daraufhin wollte die Mutter den Markus nicht mehr.“ Nach einer Odyssee durch Klini­ken und Ein­richtungen kam er, inzwi­schen zum jungen Mann ge­reift, schließlich beim Vater un­ter. Das war 1990. „Der Erimar hat sich nie be­klagt“, sagt sein Neffe nun. „Er bemühte sich, ein gu­ter Vater zu sein.“

Der erfolgreiche Chemiker, da­mals Ende vierzig, wohlha­bend, technik- und naturbe­geistert, widmet sein Leben fürderhin dem kranken Sohn. Er weiß, dass dessen Leiden nicht heilbar ist, dass die An­fälle immer schlim­mer werden. Die Zahl der Medi­ka­mente, die Mar­kus täglich ein­nehmen muss, steigt auf fünf­zehn, die seiner stationä­ren Auf­enthalte auf acht­zehn. Zwi­schen­durch besucht er Reha-Werk­stätten. Er hört Stim­men in sei­nem Kopf. Hat Hallu­zina­tio­nen. Ein fremdes Lachen, ein Hüsteln in seiner Umgebung sind ihm in­fernalischer Lärm. Sein Alltag ist Stress pur. Er fühlt sich beo­bachtet. Der Va­ter, sagt er nun, habe ihn „mit Tele­pathie“ ge­quält. Es gab im­mer öf­ter Streit. Psy­chi­ater Volker Hof­stetter aus Haina spricht von „raptusartigen Impuls­durchbrü­chen“: plötzlich auf­tretende Ra­serei. Im Saal ver­teilt sind vier bärenstarke Poli­zisten und drei Justizbediens­tete. Für alle Fälle. Aber der Beschul­digte bleibt zahm. Nur ab und an braucht er eine Pause. We­gen des „Akkus“. Und für ein paar Zi­ga­retten.

Erimar G. wollte seinen Sohn nicht abschieben in eine Anstalt. Schuldgefühle? Vaterliebe? Oder war es nur, wie manche meinen, Angst vor hohen Pflegekos­ten? Jedenfalls ist er nach dem Tod seiner Mutter, also Markus‘ Oma, allein mit dem Kranken in einem alten, etwas ma­roden, von ho­hem Nadelholz und Gebüsch rundum zugewachsen Haus in Nidderau-Erbstadt. Er muss ge­ahnt haben, dass ihrer beider Le­ben von einem sich immer schneller drehenden Stru­del des Schreckens mitgerissen werden würden. Sehenden Au­ges in die Tragödie, wie man so sagt. Hof­stetter betont, der Be­schul­digte sei für seine Tat nicht ver­ant­wortlich. „Aber es spricht al­les dafür, dass es auch in Zukunft zu solch unbere­chenbarem Ver­hal­ten kommt.“

Staatsanwalt Voigt hält ein von Mitgefühl getragenes Plädoyer. Eine Tragödie, sicher. „Es gibt keinen Zweifel, dass der Be­schuldigte die Tat, die recht­lich als Totschlag zu werten ist, be­gangen hat, für die er aber nicht bestraft werden kann.“ Er bean­tragt die Einweisung. Ver­teidiger Will hingegen Frei­spruch. „In dubio pro reo“, führt er aus. Letztlich blieben Zweifel …

Die 1. Große Strafkammer weist Markus G. für den an seinem Vater begangenen Totschlag in eine Psychiatrische Anstalt ein. Er nimmt diese Entscheidung an.