Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

„Es ging spazieren vor dem Tor ein kohlpechrabenschwarzer Mohr“ schrieb Heinrich Hoffmann (politisch völlig inkorrekt) in seinem „Struwwelpeter“. Der arme Kerl musste für allerhand Schabernack herhalten. Später haben’s die bösen Buben aber bereut. Wie in dieser Geschichte

Von Dieter A. Graber

HANAU. Ricardas A. erzählt in Saal 215 die Geschichte vom „schwarzen Mann“. Sie entbehrt nicht einer ge­wissen theatralischen Komik, gleich­wohl fehlt ihr, was eine gute Story ge­richtstauglich macht: Glaub­würdig­keit. Ricardas A. ist als Lügner wie als Räuber eine glatte Katastro­phe.

Am 1. September vergangenen Jahres überfiel er mit seinem Kom­plizen Paulius D. das Juweliergeschäft von Frau Stickelmayer in der Rosen­straße. Die Tat zeichnet sich durch eine gera­dezu desperadohafte Kalt­blütigkeit aus. Maria Stickelmayer hatte zu­nächst Paulius, den sie für ei­nen Kun­den hielt, die normalerweise auch tagsüber verschlossene Laden­tür ge­öffnet. Wie aus dem Nichts tauchte plötzlich Ricardas auf, drängte sich hinterher in den Verkaufsraum, ver­suchte, die schreiende Frau mit Ka­belbinder zu fesseln. Er bedrohte sie mit einer Schusswaffe, die sich hin­terher als Softair-Pistole erwies. Wäh­rend sich erschrockene Passanten und Nachbarn vor den Schaufenstern drängelten, Frau Stickelmayers Tochter aus einem Fenster im Ober­geschoss um Hilfe rief, durchstöberte Ricardas seelen­ruhig das rückwärtige Büro und ver­suchte dann vergeblich, eine Vitrine mit einem Zimmer­mannshammer zu zertrümmern. Sie enthielt Schmuck für 50.000 Euro. Sie war aus Sicher­heitsglas. Anschließend spazierten die beiden seelenruhig ohne Beute aus dem Geschäft. Sie wurden später auf dem Gelände des Klinikums gefasst. Oberstaatsanwalt Jürgen Heinze ver­mutet, dass sie für diesen Überfall von Hintermännern in Litauen, ihrer Heimat, angeheuert worden waren. Dafür spricht vieles. Auch Ricardas‘ Ge­schichte vom schwarzen Mann …

Tatsache ist: Die beiden reisten an zwei verschiedenen Tagen unabhän­gig voneinander aus Litauen nach Deutschland, Ricardas im Flixbus über Berlin, Paulius mit dem Auto. Sie stie­gen in einem billigen Hostel im Frankfurter Bahnhofsviertel ab. Es gibt Fotos einer Überwachungska­mera, die sie am Empfangstresen zei­gen, wo sie sich den Weg nach Hanau beschreiben lassen, und beim ge­mein­samen Biertrinken. Ricardas be­haup­tet nun, den Paulius vorher nie gese­hen zu haben. Auf dem Mobilte­lefon der beiden fanden sich mehrere Kurz­nachrichten: „Wir starten.“ – „Sind angekommen.“ –  „Wir machen uns an die Arbeit.“ Da ist es kurz vor 16.40 Uhr.

Auch die Vorbereitung ist geprägt von der Handschrift einer gut organisier­ten Bande. Die beiden kamen mit ei­nem BMW X1 nach Hanau. Sie parkten in der Röderstraße, das ist 600 Meter vom Tatort entfernt. Sie hatten ein Navi mitbekommen und die Anwei­sung, falls etwas schief laufe, sollten sie ihr „Werkzeug“ wegwerfen. Dann könne ihnen keiner etwas nachwei­sen. Der Wagen war kurz zuvor in Rö­der­mark gestohlen und mit einer Kenn­zeichendoublette versehen wor­den.

Ricardas A. ist 33 Jahre alt, ein mage­res Kerlchen mit dichten, kurzen Haa­ren, die über der Stirn erstes Grau aufweisen. Bisweilen schleicht ein durchtriebenes Lächeln über sein Ge­sicht. Es wird ein karges Leben sein, das er als Bauer in einem litauischen Dorf fristete. „Ich wollte arbeiten in Deutschland“, lässt er über seine Dolmetscherin ausrichten. Als Tage­löhner auf dem Bau. Aber dann sei er im Bahnhofsviertel in schlechte Ge­sellschaft geraten. Und da kommt der „schwarze Mann“ ins Spiel. Zuerst habe der ihm Marihuana zu rauchen gegeben – aber dann … Es gibt meh­rere Versionen dieser Ge­schichte: „Er drohte mit einem Mes­ser. Wir würden sterben, wenn wir nicht gehorchten.“ Er fabuliert, schmückt aus. Eine Schusswaffe? Er? „Niemals!“ Aber ge­nauso gut hätte er eine Arie aus dem Vo­gel­händler singen können – es nützt ihm nichts. „Diese Nummer nehme ich Ih­nen nicht ab“, sagt Richterin Susanne Wetzel. Dafür ist mir meine Zeit zu schade!“

Paulius war zur Tatzeit erst zwanzig; deshalb wird vor der Jugendkammer verhandelt. Er ist ein blonder, ernster Bursche mit traurigen Augen und ei­nem Kinn wie ein Quarterback in ei­nem länglichen Gesicht. Sein Kom­plize versucht, ihm die Waffe „unter­zujubeln“, wohl wissend, dass er mit einer milderen Strafe davon kommen würde. Beide entschuldigen sich bei Frau Stickelmayer. Sie ist eine grazile, gepflegte Dame mit einer Goldrand­brille. Sie erinnert sich noch gut an die schlimmsten Minuten ihres Le­bens. Todesangst stand sie aus und auch ein paar Verletzungen trug sie im Ge­sicht davon, aber gewehrt hat sie sich tapfer. Die Arbeit in ihrer Bran­che ist gefahren­geneigt: Einmal rasten ihr Einbrecher mit dem Auto in die Auslage.

Ricardas und Paulius gingen mit enormen krimineller Energie zu Werke, beim Verstand haperte es et­was. Hinterher haben sie zwar noch schnell ihre Hemden gewechselt; vielleicht auch so ein Tipp ihrer Auf­traggeber, damit man sie auf der Flucht nicht so leicht wiedererkenne. Irgendetwas müssen sie falsch ver­standen haben – sie tauschten ihre Hemden nämlich untereinander …

Oberstaatsanwalt Heinze beantragte für Ricardas A. fünfeinhalb Jahre, für Paulius D. vier Jahre und zehn Mo­nate.

Der Prozess wird fortgesetzt.