Wie erwartet: Freispruch

Von Dieter A. Graber

HANAU. Am Ende war es nur noch eine Formsache. Auch Staatsanwältin Georgi forderte Frei­spruch. Es gäbe zwar durch­aus gewisse Verdachtsmomente, aber in dubio pro reo…

In seiner abwägenden Art sprach Richter Andreas Weiß von „Zweifeln an der Schuld des An­geklagten“, die zu diesem Urteil geführt hätten. Ein Freispruch zweiter Klasse aber ist das kei­neswegs. Denn groß ist auch die Skepsis gegenüber den Angaben und Motiven der Belastungszeu­gin. Melissa ist die ehemalige Freun­din (28) von Inan Ö., mit dem sie sich seit Jahren ums Sorgerecht für die gemeinsame, heute fünf­jährige Tochter streitet.

Sie hatte den Stein ins Rollen ge­bracht. Nach dem zunächst er­gebnislosen Versuch,  ihren Ex mit anonymen Anrufen bei der Familie des Opfers anzuschwär­zen, „vertraute“ sie sich während eines Besuchs bei ihrem neuen Liebhaber in der Nürnberger JVA, wo der wegen Betrugs ein­saß, einem Polizeibeamten an. „Ausgerechnet zu einem Zeit­punkt, als sie mal wieder vorm Familiengericht eine Schlappe erlitten hatte“, sagt Verteidigerin Gabriele Daube (Frankfurt). „Ihr war ein Teil des Sorgerechts ent­zogen worden – da suchte sie eine Möglichkeit, meinem Man­danten zu schaden.“

Tatsächlich wäre eine Verurtei­lung von Inan Ö. wegen des Überfalls wohl ihre letzte Chance gewesen, ihn weiterhin von sei­ner Tochter fernzuhalten. Immer wieder habe sie, so Anwältin Daube, vereinbarte Kontakte des Vaters mit dem Mädchen „aus fadenscheinigen Gründen“ abge­sagt. Als die Fahnder mit einem Durchsuchungsbeschluss bei Inan Ö. erschienen – zwei Jahre nach der Tat –, hatte er spontan vermutet: „Da steckt bestimmt meine Ex dahinter steckt.“ Einen Haftbefehl hatte der Ermittlungs­richter seinerzeit abgelehnt.

Inan Ö. soll seiner damaligen Freundin den Überfall penibel gestanden haben. Aber da waren die beiden längst auseinander. Ein Schuldbekenntnis unter die­sen Umständen? Wenig glaub­haft. Zudem weicht Melissas  Erzäh­lung in wesentlichen Details vom tatsächlichen Tat­verlauf ab, wie ihn das Opfer Ka­roline W., inzwischen weit über achtzig Jahre alt, in Erinnerung hat. Außerdem: Die sicherge­stellten Fingerabdrücke stimmen nicht mit dem Angeklagten über­ein.

Frau G. will Inan Ö. im Gerichts­saal wiedererkannt haben. Sie ist die Lebensgefährtin des Sohnes der alten Dame und war dem Räuber im Hausflur begegnet. Er habe „stechende Augen“ gehabt. Inan Ö. trägt eine Brille, seit vielen Jahren schon, und auf sei­nen Blick trifft eher das Adjektiv sanft zu. Der Klingelgangster hatte sie mit einer Schusswaffe bedroht, „ein Revolver“, da war sie sicher gewesen, „mit einer Trommel.“ Der Angeklagte hin­gegen besaß eine Schreckschuss­pistole.

Frau G. war eine gute Zeugin in diesem Prozess. Sie zeigte keinen Belastungseifer. Aber was ist die Identifizierung noch wert, wenn ihr Inan Ö. von dessen Ex mit ei­nem Foto im Briefkasten als „Täter“ präsentiert worden war? Und da ist noch die Sache mit dem Bart: Inan Ö. hatte einen, der Täter nicht.

Vieles passt nicht zusammen. Zum Beispiel, dass Inan Ö. kurz vor dem Tat mit einem Bekann­ten am Haus der Familie W. vor­beigefahren sein soll, spät nachts, nachdem er Feierabend gemacht hatte in seiner Shisha-Bar. Die existierte da allerdings längst nicht mehr – pleite! Und der Be­gleiter in jener Nacht war ausge­rechnet Robin, der Bruder seiner Ex. Ziemlich viel Zufall für einen Zufall …

Richter Weiß nimmt die Polizei in Schutz: „Sie muss jedem Verdachtsmoment nachgehen.“ Verteidigerin Daube hatte den Ermittlern in ihrem Schlussvor­trag schwere Vorwürfe gemacht. „Von Anfang an wurde mein Mandant als Täter abgestempelt; die wollten doch eine weitere Akte ab­schließen.“ Für die Hanauer Kripo dürfte das Urteil nun ohne Bedeutung sein: Für sie gilt der Fall gleichwohl als aufgeklärt – und fertig!