Wie geschält, so gehehlt

„Lumpen, Knochen, Alteisen …“ Dereinst kam der Wertstoffsammler, wie ihn Ludwig Richter auf dieser Federzeichnung darstellt, mit klingendem Spiel ins Dorf, und manch einer war froh, das olle Zeug los zu werden. Heute geht es in der Recyclingbranche um Buntmetall und viel Geld

Von Dieter A. Graber

HANAU. Nayden M. stammt aus einem Nest in der bulgarischen Provinz. Ir­gendwann im Jahr 2014 kam er nach Deutschland. Es war die Zeit, als Bulga­rien und Rumänien in den Schengen­raum aufgenommen wurden. Nayden M. nutzte die neue Reisefrei­heit, um hier Straftaten zu begehen. Mit seinem Bruder und zwei Freunden aus dem Heimatdorf beging er Dieb­stähle. Er lebte davon. Er klaute wert­volles Buntmetall von Baustellen und Wertge­genstände aus Gartenhäusern. Nun muss er sich vor der 2. Großen Strafkammer verantworten.

Ein einfacher Fall, könnte man meinen: Nayden M. verhökerte 50 Mal gestoh­lenes Kupfer bei einem Recycling-Un­ternehmen hinterm Hanauer Haupt­bahnhof. Das ist dokumentiert. Daten, Mengen, Erlöse. 11.260,60 Euro kas­sierte Nayden M., 38 Jahre alt, für die größtenteils von ihrer Plastikverklei­dung befreiten Kabelstücke. „Geschält“ heißt das im Branchenjargon. Millberry nennen Experten diese Sorte hochwerti­gen Altmetalls. 7,36 Tonnen davon verschwanden seinerzeit vom Gelände der Theo Steil GmbH im Hanauer Hafen. Die Staatsanwaltschaft ging davon aus, dass Nayden M. es dort gestohlen hat.

Der Angeklagte erzählt eine Ge­schichte. Eigentlich sind es ja zwei. Die erste geht so: Er habe die Kupfer­stücke für einen Landsmann veräu­ßert, gutgläubig natürlich, und nur ein kleiner Obolus sei für ihn dabei abge­fallen. Von seinem „Auftraggeber“ wisse er ansonsten nichts. Keine Ad­resse, keine Telefonnummer. Es ist eine schwache Geschichte, und Nayden M. schiebt, als er merkt, dass ihm die Kammer wenig Glauben schenkt, eine vermeintlich bessere nach: Er habe das Kupfer aus einem Container vom Gelände des ehemali­gen Fliegerhorsts in Langendiebach selbst gestohlen.

Es ist ein gewaltiges Areal da draußen, eine Mil­lion Quadratmeter groß, das sind 100 Hektar oder 92 Fußballfelder, umge­ben von einem Zaun und rund um die Uhr bewacht durch gerade mal zwei Sicherheitsleute. Herr O. tritt in den Zeugenstand. Er ist Geschäftsführer des Zweckverbandes, den die Ge­meinden Erlensee und Bruchköbel ge­gründet haben zur Vermarktung des Geländes. Er kennt es wie seine Wes­tentasche, jedes Gebäude, von denen einige unter Denkmal­schutz stehen, die Investoren, ihre Pläne – nur von einem Container vol­ler Kupfer hat er noch nie gehört.

Dass die leer stehenden Hallen, Bunker, die Housing Area, der ehe­malige Flugsimulator und was es an umbautem Raum da noch so alles gibt auf lichtscheues Ge­sindel magnetische Anziehungs­kraft ausüben, weiß auch Frau R., die dereinst zum Wachpersonal gehörte. Strom- und Wasserleitungen, kup­ferne Vordächer, sämtliche Heizkör­per in der alten Feuerwache – alles stibitzt quasi unter den Augen der überforderten Aufpasser. „Es gab zirka 50 Stellen, wo der Zaun aufge­schnitten war“, erinnert sie sich. Nur nicht an einen mit Kupfer gefüllten Container.

Er sei ja eigentlich nicht zum Stehlen nach Deutschland gekommen, beteu­ert der Angeklagte. Einen Job habe er sich suchen wollen. Und seine Tochter lebe doch hier. Und dann sei der Vater krank geworden, Krebs, und teurer Medizin bedürftig, und so habe er al­les Geld nach Hause geschickt …

Es ist ein „heißes“ Geschäft, das mit dem Altmetall. „Die Händler sind sich untereinander auch nicht grün“, sagt Kommissar N. von der Hanauer Kripo, ein profunder Kenner der Branche. Wer weiß da schon, welche Wege das Diebesgut bisweilen nimmt? Ein Verfahren gegen einen hiesigen Schrottler ist zurzeit anhängig. Rich­terin Susanne Wetzel, die Kammer­vorsitzende, stellt resignierend  fest: „Wir können nicht feststellen, woher das Kupfer stammt, das der Ange­klagte verkauft hat.“

Staatsanwältin Grumann fordert des­halb vier Jahre und drei Monate für Nayden M., und zwar wegen ge­werbsmäßiger Hehlerei in 50 Fällen. Verteidiger Benjamin Düring legt sich mächtig ins Zeug, obwohl sein Man­dant es ihm mit seinen diversen His­törchen nicht leicht machte. Er hält am Diebstahl in Erlensee fest und bittet „um ein mildes Urteil“. Nayden M. fragt dann noch bescheiden an, ob man ihn der Einfachheit halber nicht abschieben könne …

Also nein, das geht nun wirklich nicht. Die Kammer entscheidet auf dreiein­halb Jahre, wobei ein älteres Urteil, das er gerade absitzt, auch noch ein­gear­beitet ist. Dass er den „Gewinn“ aus dem Kupferhandel, besagte 11.260,60 Euro, an die Staatskasse rausrücken muss, das dürfte für ihn  eher symbolische Bedeutung haben.