Wie sicher ist sicher?

Polizeiarbeit hat das Publikum schon immer brennend interessiert - sofern das Böse möglichst weit weg ist: Kanadisches Pulp-Magazin, vermutl. 40er Jahre

Von Dieter A. Graber

HANAU/OFFENBACH. Das Polizeipräsidium Südosthessen, zuständig auch für den Main-Kinzig-Kreis, legte jüngst die Kriminalstatistik 2016 vor. Laut Polizeiführungsspitze sei die Zahl der Straftaten im zurückliegenden Jahr noch einmal deutlich gesunken, gleichzeitig bilanzierte sie euphorisch eine „Aufklärungsquote auf Allzeithoch“ (Behördenchef Ullmann): 61,5 Prozent! „Die Menschen leben hier in einer sicheren Region“, betonte der Polizeipräsident. Fraglich ist allerdings, ob die Zahlen tatsächlich die Wirklichkeit im Landkreis und der Stadt Hanau widerspiegeln.

Auf den ersten Blick sind sie freilich beeindruckend: „Nur“ noch 47.369 registrierte Delikte, das seien rund 1.700 weniger als im Vorjahr, heißt es. Ullmann: „Und mehr als drei von fünf Straftaten wurden geklärt.“ Die positive Entwicklung werde besonders im Langzeitvergleich deutlich: „Vor zwölf Jahren registrierten wir täglich 176 Straftaten – aktuell sind es 129 pro Tag und somit täglich 47 Opfer weniger.“

Doch rund drei Viertel der Taten entfallen laut Statistik auf sogenannte „Massenkriminalität“ – Sachbeschädigung, Diebstahl, Betrug, also jene Delikte, die den Menschen im Alltag am ehesten begegnen, während „schwere Kriminalitätsformen“ wie Mord und Totschlag, Geiselnahmen und Sexualdelikte „auf die tiefste je registrierte Marke“, so die Polizei-spitze, gefallen sei. Aber gerade diese Verbrechen sind, von Körperverletzung abgesehen, in der Regel gerade jene, denen zum Opfer zu fallen eher unwahrscheinlich ist. Aber auch der klassische Straßenraub erfuhr einen starken Rückgang: 174 Fälle wurden registriert, das waren 55 weniger als im Jahr zuvor. Juristen wissen indes, dass sich dieses „Baukastendelikt“ bei der Bearbeitung durchaus auch in harmlosere Vergehen splitten lässt – Körperverletzung etwa und Diebstahl – und somit zumindest in der Statistik seine Brisanz verliert.

Eine herausragende Rolle nimmt dabei Hanau ein. Hier sank die Zahl der Straßenraubfälle um sieben auf nunmehr 38 und damit auf einen historischen Tiefstand. Noch vor elf Jahren seien 88 solcher Taten aktenkundig geworden. Allerdings ist auch die Aufklärungsquote, wie die Statistik eher verschämt am Rande bemerkt, von ehedem 51,1 auf nunmehr 31,6 Prozent zurückgegangen. Bei nicht einmal jedem dritten Straßenraub konnte der Täter ermittelt werden. (Im übrigen Kreisgebiet gab es indes einen Fall mehr, nämlich 38.)
Sprunghaft angestiegen ist in Hanau übrigens das Delikt der Körperverletzung: 80 Fälle, ein Plus von zehn (14,3 Prozent). Die Stadt liegt damit im Gegentrend, was den Bereich des PP Südosthessen betrifft (minus 3,3 Prozent). Die Aufklärungsquote hingegen ging nach unten und liegt aktuell bei nicht einmal mehr 75 Prozent. Ebenso verhält es sich im restlichen Kreisgebiet: 127 Delikte, das ist ein Plus von 25 Taten. Diese Entwicklung ist vorwiegend auf kriminelles Geschehen in den Flüchtlingsheimen zurückzuführen. Tatsächlich ist die Zahl der von Asylbewerbern verübten Straftaten deutlich angestiegen. Bei Körperverletzung hat sie sich sogar nahezu verdreifacht. Gleichwohl betont Ullmann: „Nur zwei Prozent der Gesamtkriminalität wird von Flüchtlingen verursacht.“

Aber wann gilt eine Straftat überhaupt als aufgeklärt? Für die Statistiker genügt es, dass der Fall aktenmäßig abgeschlossen ist, also der Täter und das Maß seiner Beteiligung feststehen. Ob er gefasst, vor Gericht gestellt oder gar verurteilt wird, ist dabei unerheblich.

Trend: Automarder klauen teures Werkzeug

Weit über die Hälfte der Deutschen wähnt sich in einer unsicheren Zeit. Laut Umfragen, zum Beispiel von Allensbach aus dem Jahr 2016, befürchten sogar 82 Prozent eine Zunahme der Kriminalität. Die Angst scheint nicht unbegründet, wenngleich die Chefetage des PP Südosthessen auch jetzt wieder beruhigt: „Noch nie war der Sicherheitsstandard auf höherem Niveau“, so Polizeipräsident Ullmann. Im Main-Kinzig-Kreis (ohne Hanau) zum Beispiel habe die „Kriminalitätsbelastung“ den tiefsten Stand erreicht: 11.041 Delikte wurden vergangenes Jahr gezählt, 130 weniger als noch 2015. Zum Vergleich: 2004 waren es 15.030.

Aber Skepsis lässt sich mit Statistik allein nicht begegnen. Tatsache ist, dass zum Beispiel die Zahl der Wohnungseinbrüche im Kreisgebiet zwar sinkt, sich aber dennoch auf einem enorm hohen Stand befindet: 220 Taten, einschließlich misslungener Versuche, wurden 2016 angezeigt. Und wenn wir schon, wie es die Kriminalstatistiker gerne tun, den Langzeitvergleich zu Rate ziehen: 2003 waren es lediglich 158 Fälle.

Ullmann räumte denn auch ein, dass die Brüche zu einem großen Teil auf das Konto mobiler Banden aus Osteuropa gingen. Es ist da nur wenig beruhigend, dass jeder zweite Versuch scheiterte. Die Täter, vorwiegend aus Rumänien, Bulgarien oder Serbien eingereist, sind darauf aus, schnell Beute zu machen; wo sie auf gesicherte Türen und Fenster stoßen, auf Hunde oder aufmerksame Nachbarn, geben sie lieber Fersengeld. Die Fahnder konzentrierten ihre Bemühungen deshalb verstärkt auf Beratung von Mietern und Hausbesitzern, so Abteilungsleiter Alexander König. Die Ermittlungsarbeit ist aufwendig. Observationen, Telefonüberwachung, Spurensicherung kosten Zeit und Geld. Im vergangenen Jahr trugen die Polizeistationen in Schlüchtern, Gelnhausen, Bad Orb und Wächtersbach übrigens mehr als 28.000 Überstunden vor sich her. Die Aufklärungsquote bei diesem Delikt ist im Kreis folglich um fast sechs Prozent gesunken.

Die Fahnder setzen zunehmend auch auf Kommissar Computer: Mit dem bei der Polizeidirektion Main-Kinzig angesiedelten EDV-Programm „KLB operativ“, das die räumlichen und zeitlichen Schwerpunkte mit Verhaltensmustern von Tätern abgleicht, sollen Einbrüche quasi „vorhergesehen“ werden. Erste Erfolge: In den zurückliegenden drei Monaten konnten vier Verdächtige gefasst werden.

Zunehmend aktiv wurden auch die „Automarder“: Die Zahl der Aufbrüche von Fahrzeugen und Diebstählen daraus stieg in Hanau um 45 auf 216 Fälle, im übrigen Landkreis um sechs auf 259. Bevorzugte Ziele sind nunmehr Geschäftswagen, etwa Kleintransporter von Spenglern oder Elektroinstallateuren, aus denen Werkzeuge, Material oder sogar komplette Maschinen verschwinden, manche im Wert von über 10.000 Euro. Vergangenen Juni etwa wurde in Bad Orb ein Kroate (37) auf frischer Tat erwischt. In seinem Wagen stießen die Beamten auf hochwertiges Handwerkerzubehör, zusammengestohlen aus geparkten Fahrzeugen. Der Mann ist übrigens inzwischen wieder auf freiem Fuß: Die Untersuchungshaft wurde ihm angerechnet. Erfolgreiche Polizeiarbeit stößt halt da an ihre Grenzen, wo „Mama oder Papa Gnädig“ hinterm Richtertisch sitzen.

Im offiziellen Teil der Statistik tauchen sie nicht auf, die Zahlen über kriminelle Ausländer, wenngleich sie erhoben werden. Für Hanau lässt sich eine erschreckende Entwicklung ablesen: Der Anteil der „nichtdeutschen“ Tatverdächtigen ist in der Stadt inzwischen auf mehr als 50 Prozent gestiegen. Das waren im vergangenen Jahr 2091 Personen (2015: 1.898), im übrigen Kreisgebiet liegt die Zahl bei 1.573, das ist immerhin fast jeder dritte Täter. 7,2 Prozent verfügten über türkische Pässe, 5,5 Prozent über rumänische.

Getrübt wurde die Krimibilanz übrigens auch durch Flüchtlinge, die besonders bei Körperverletzung (225 Fälle im Bereich des PP Südosthessen), Diebstählen (224) und Beförderungserschleichung (157) auffällig wurden. Allerdings: Zu den meisten Straftaten kam es nach Angaben von Polizeipräsident Ullmann in den Heimen selbst. „Die Bevölkerung ist davon in der Regel nicht betroffen.“ Die Straßenkriminalität sei bei Asylbewerbern mit insgesamt 40 Fällen denn auch eher niedrig. Gleichwohl sprach sich Ullmann für eine harte Gangart aus. Die Polizei arbeite dabei verstärkt mit den Ausländerbehörden zusammen. Von zwanzig als notorisch kriminell eingestufte Flüchtlinge seien jüngst fünfzehn abgeschoben worden: „Wer sich nicht an die Regeln hält, muss unser Land verlassen.“