Willi woas nix

Von Dieter A. Graber

HANAU. Oberkärnten rühmt sich zu Recht seiner imposanten alpinen Landschaft; hier ist die Luft würziger, das Wasser der Seen klarer, der Schnee weißer als anderswo. So eine Region bringt Originale hervor,  solche wie Herr B., der heute im Be­zirksge­richt Spittal seine Zeu­genaussage machen soll, per Vi­deokonferenz zugeschaltet in den Raum 215, wo bereits seit – ja, wie lange ei­gentlich schon? – der Prozess um den Mord an Jürgen Volke läuft.

Wir müssen ihn beschreiben, die­sen Zeugen: Ein kugeliger Mann, das kurze, ergraute Haar frech in die Stirn gekämmt, wie ersicht­lich wird, nachdem er den breit­krempigen Jägerhut abgezogen hat, ein Paul Hörbiger im specki­gen Wildlederjanker, die Äuge­lein über der knubbeligen Nase listig blit­zend. Er kennt den Lutz, also den Angeklagten, seit der ein „Bua“ war, dreizehn viel­leicht, und da­mals mit den Eltern in Eisentrat­ten heimisch wurde. Er sei für ihn wie ein Bruder. Sagt’s und grinst schelmisch.

Die Vernehmung des Wilhelm B., 75 Jahre, ist von hohem Unterhaltungswert, der Wahr­heitsfindung aber kaum förder­lich, und eigentlich wäre ein Dolmetscher angebracht, nu­schelt der Zeuge doch ein wenig, was, in Verbindung mit dem oberösterreichischem Idiom, die Sache nicht einfacher macht für die Beteiligten auf deutscher Seite. Zwischen Spittal an der Drau und Hanau liegen 500 Ki­lometer und die Alpen.

Im Schlafzimmerschrank von Herrn B., der ein Nachbar von Lutz H. und Banu D. im Örtchen Eisentratten war, hatte die Polizei seinerzeit Schusswaffen gefun­den. Lutz H. soll sie dort depo­niert haben. Versteckt könnte man auch sagen. In zwei Jagdta­schen verpackt. Der Zeuge räumt das ein. Den Inhalt habe er aber nicht ge­kannt.  „Do schau i net eini!“ Ob Lutz H. ihm mal von dem Mord in Hanau erzählt habe und seiner Verwicklung darin? „Na, des hob i erst viel später erfoarn. I sog: Er woar’s net.“

Kameraschwenk zur Anklage­bank. Die beiden werden einan­der angesichtig. Ein Strahlen überzieht das Gesicht des Man­nes aus den Bergen, und auch dem Lutz gelingt, übrigens  zum ersten Mal seit Prozessbeginn, ein Lächeln, welches seiner kan­tigen Physiognomie etwas Jun­genhaftes verleiht. Wilhelm B. macht die Geste des Trinkens zu ihm hinüber: Daumen an die Lippen und die Hand aufwärts gegen den Mund gekippt. Der Willi und der Lutz, das ist die Geschichte einer Freundschaft, die alle Fährnisse überdauert.

Ansonsten hat Herr B. wenig zu sagen. Wie er des Angeklagten wirtschaftliche Lage einschätze? „Do woas i nix.“ Ob er mal was von dessen Erbstreit mit der Schwester gehört habe? „Do woas i nix.“ Verteidiger Andreas von Dahlen fragt ihn nach seiner Meinung über Errol und Ayse, jene Verdeckten Ermittler, die seinerzeit öfter in Eisentratten aufgetaucht waren: „Mir woarn’s net symbadisch.“ – „Warum?“ – „Des muss i net sogn.“ – „Doch!“ – „Wer sogt’n dös?“ Der Willi grinst sich eins. Dieses ausländische Gericht kann ihm nichts. Und überhaupt: „I woas ja nix …“

Charlotte H. hat ihren Ehenamen behalten. Vielleicht der Kinder wegen. Louis und Theda. Sie war die erste Frau des Angeklagten, eine kultivierte Erscheinung, schlank, den farbigen Seiden­schal elegant um die Schultern gelegt, die Lesebrille lässig auf das pechschwarze Haar gescho­ben. Eine charmante Plauderin ist sie obendrein.

Sie möchte aussagen. Sie müsste nicht als Ex. Damals, kurz nach der Tat, wollte sie nicht, war aber allem Anschein nach von der Polizei hereingelegt worden, die ihr das Zeugnisverweigerungs­recht versagt hatte. Jetzt aber will sie. Unbedingt. Den Angeklagten schildert sie als einen Mann, der gerne lüge. Schon früh war ihr das aufgefallen. Sein vorge­täuschtes Studium, seine Ausre­den, die Unzuverlässigkeit … Er habe sogar bei seinem Alter ge­schwindelt, sich jünger gemacht. Sie ist fünf Jahre älter. „Trotz­dem hatte ich eine tiefe Zunei­gung zu ihm. Die Nähe zur Natur verband uns. Wir waren viel ge­meinsam draußen. Allein die Art, wie er einen Hund strei­cheln konnte – so hingebungs­voll. Eine Erscheinung wie aus einem Ganghoferroman.“

Lutz H. und die Frauen. Was er ihnen zu bieten hat, ist nicht die Sicherheit einer bürgerlichen Existenz, sondern ein Leben vol­ler Berg-, Wald- und Familien­idylle. Seine ver­schlossene Art, seine archaische Männlichkeit müssen schon eine große An­ziehungskraft ausge­übt haben. Siebzehn Jahre war er mit Char­lotte verheiratet. Sie hat ihn verlassen.

Auch Frau H. sagt, sie könne sich nicht vorstellen, dass er eine sol­che Tat begangen oder einen anderen dazu beauftragt habe. „Wenn je­mand so etwas tut, dann viel­leicht aus tiefer Liebe zu ihm“, fügt sie hinzu, ohne Banu D. eines Blickes zu würdigen.

Ein Satz, wie ein Puzzleteilchen, das mit der Schere zurecht ge­schnitten wurde, damit es ins Bild passt.