Wo Justiz versagt

Im Hollywood der 30er Jahre brauchte es nur einen verständigen Pater, und schon klappte es mit den Halbstarken. Die Polizei und die Bewohner von Erlensee haben da andere Erfahrungen gemacht. ©MGM

Von Dieter A. Graber

HANAU. In Saal 216 sitzt eine multi­kulturelle Gesellschaft auf der Ankla­gebank. Sie heißt Taher, Jamea und Ali. Es sind drei junge Männer mit Migrationshintergrund; ein Wortge­tüm, das nach „Opfer“ klingt. Nach Fürsorgebedürftigkeit. Die drei sind aber Täter. Und was für welche! Ihre juvenile kriminelle Ener­gie ist schwer zu begreifen. Sie leben in einer Paral­lel­welt, in der einer straf­fällig wird aus Überzeugung, nicht aus Mangel an Al­ternativen.

Biochemiker war Tahers Vater in sei­ner Heimat Palästina. Das ist der PLO-Staat, eine geschichtsträchtige Region an der südöstlichen Mittel­meerküste, auch das Gelobte Land oder Kanaan genannt, je nach histori­schem Kon­text. Anfang der 90-er Jahre kam die Familie nach Deutsch­land. Tahers El­tern ar­beiten heute in der Pflege. Fleißige Leute, die sich ein Häuschen in Rückingen, am Fuße hässlicher Be­tonriegel im Grünen er­baut, zusammen­sparten. So, wie der Taher, 19-jährig, nun da sitzt, könnte er ein Bewerber sein für eine Lehr­stelle als Bankkauf­mann: adrett im taillierten dunkel­blauen Hemd, den Kragenknopf brav geschlossen, das Gesicht noch kind­lich weich. Mit sei­nen Freunden sprengte er in Erlensee einen Zigaret­tenautomaten in die Luft. Sie erbeu­teten Geld und Tabak­waren und rich­teten 2136 Euro Sach­schaden an. Ein zweiter Versuch früh am nächsten Morgen, diesmal auf dem Bahnhof in Roden­bach, diesmal an einem Fahrkartenauto­maten, misslang. Gemein­sam mit dem Ali, einem kräftigen Burschen türki­scher Herkunft, heute 24 Jahre, raubten sie einem Behin­derten vor der V+R-Bank in der Ha­nauer Krä­merstraße die EC-Karte und plünder­ten dann sein Konto. 1830 Euro. Die PIN hatten sie vermutlich spitzge­kriegt, als er zuvor Geld aus dem Au­tomaten zog. Aber es ist eigentlich nicht die wirkliche Ge­schichte, die heute vor der 2. Jugend­kammer ver­handelt wird. Die wirkli­che Ge­schichte bleibt unerzählt, sie handelt vom Offenba­rungseid des Ju­gendstraf­rechts, wenn der Staat die Grenzen öffnet, aber keine Regeln mehr durch­setzt.

Jamea, heute 20, schaffte den Haupt­schulabschluss. Eigentlich wollte er ja Flugzeugmechaniker werden, aber dann kam ihm der erste Haftbefehl dazwischen. Der Vater, ein orthodo­xer marokkanischer Moslem, macht sich früh vom Acker. Die Mutter mühte sich als Altenpflegerin mit zwei Jobs ab, um dem Jungen ein Zu­hause und eine Zukunft zu bieten. Sie lebten in Erlensee damals. Im Schat­ten der Hochhäuser etabliert sich da eine kriminelle Subkultur: Eine etwa 20-köpfige Bande Jugendlicher über­nimmt den Kiez rund um die Wohn­blöcke an der Leipziger Straße und schüchtert die Bewohner ein. Taher, Jamea und Ali gehören dazu. Junge Kerle mit Migrationshinter­grund und Verachtung für Recht und Gesetz. „Mehrfachintensivtäter“ heißt das korrekt. Polizisten sind das Ziel ihrer Häme. „Wir ficken eure Mütter, ihr Hurensöhne!“ schreien sie ihnen ent­gegen und bewerfen sie mit Steinen. Hatespeech könnte man sa­gen, wäre dieser Begriff nicht poli­tisch einseitig konnotiert. Sie bearbei­ten einen Ziga­rettenautomaten mit einem Trenn­schleifer, am helllichten Tag, mitten in Erlensee, unter den Augen fassungslo­ser Passanten. Sie rauben Mobiltele­fone und Geldbörsen, klauen einen Aprilia-Roller, Alu-Felgen, einen Mercedes, begehen Unfallflucht, han­deln mit Drogen, brechen ins Bür­ger­haus Hochstadt ein, sprengen ei­nen Bankautomaten in Nidderau … Es ist ein atemloses, desperadohaftes Stak­kato an Straftaten, zum Teil unter laufender Bewährung begangen, so viele, dass die Justiz nicht mehr hin­terher kommt. „Gnade vor Recht“ oder Kapi­tulation? Schwer zu sagen. Die meis­ten Verfahren werden einge­stellt, Sanktionen von den Verurteil­ten oh­nehin meist ignoriert, Arbeits­stunden nicht abgeleistet. Es ist eine Verhöh­nung der Justiz. Die Bande habe, schreibt ein Jugendrichter in ir­gend­ein Urteil, „mit grenzüberschrei­ten­der Selbstüberschätzung“ agiert. Re­signierend klingt das. Wegen „Her­beiführen einer Sprengstoffexplo­sion“, „Computerbetrug“ und weite­rer Verbrechen verurteilt ein Jugend­schöffengericht das Trio schließlich zu unbedingten Freiheitsstrafen zwi­schen 20 und 47 Monaten. Sie sind in Berufung gegangen, nun muss das Landgericht entscheiden.

Die drei Angeklagten werden von fünf Anwälten flan­kiert. Die Verlesung der Vorstrafen, der Ak­tenzeichen, der Taten dauert über eine Stunde. Sie räumen alles ein, wollen aber noch mal Bewährung.

Ei­ner der Verteidiger, der Milieu­rechtler Philipp Thiée aus Frankfurt, führt Ratlosig­keit ins Feld: „Woher kommt dieses Verhal­ten? Seine Ge­schwister sind doch strafrechtlich un­auffällig.“ Taher sei halt eine „wider­sprüchliche Persön­lichkeit“. Seine Kollegin Grobel-Schmelzer versucht, dem Ju­gend­strafvollzug eine Mit­schuld in die Schuhe zu schieben: So sei Jamea einmal „zur Vermeidung von U-Haft“ in eine Heimgruppe mit lauter Dro­genabhängigen gesteckt worden; ein Schock für den jungen Mann, der doch nicht mal rauche …

Gemeinsam mit der Polizei hatte die Staatsanwaltschaft seinerzeit versucht, die Rädelsführer der Erlenseebande aus dem Verkehr zu ziehen, scheiterte jedoch mit Anträgen auf Haftbefehle und unbe­dingte Freizeitstrafen. Richter lehnten es ab, die Delinquenten frühzeitig hinter Schloss- und Riegel zu bringen – weil das Ju­gendstrafrecht dem Erziehungsge­danken verpflichtet sei. Aber manchmal gerät Nachsicht zur Beihilfe. Der Prozess wird fortgesetzt.