Wo Rauch ist …

… muss auch Feuer sein, und wer Gras verbrennt, bleibt nicht lange im Verborgenen: „Rauchzeichen“ von Frederic Remington

Von Dieter A. Graber

HANAU. Kriminalkom­missa­rin Sarah S. (26) witterte Marihuana­schwaden. Sie zogen aus der Keller­woh­nung von Erik B. bis hoch zu ihr in den ersten Stock. „Weil in unserem Haus auch Kin­der le­ben, sagte ich meinen Kollegen Be­scheid.“ Und so kam es, dass am 24. März 2014 nachmittags Kommis­sar Ralf D. mit einem Durch­su­chungs­be­schluss vor der verdächti­gen Tür in Steinheim stand. Ralf D. gilt als er­folgreichster Drogenfahn­der der Stadt. Er war auch diesmal nicht um­sonst gekom­men. In der Wohnung stieß er auf eine Can­nabisplantage mit allem Drum und Dran sowie 1,4 Kilo Mari­huana. Die befanden sich, in Gefrier­beuteln ver­packt, im Eisfach des Kühl­schranks. Ein großer Fisch im Rausch­giftge­schäft sei da ins Netz ge­gangen, frohlockte die Staatsanwalt­schaft. Jetzt muss sich Erik B., 44, vor der 5. Gro­ßen Straf­kammer des Ha­nauer Land­gerichts verantworten: Drogen­handel mit Schusswaffen wird ihm vorge­worfen, hatte Kommissar D. doch auch noch je zwei Druckluft- und Schreckschuss­pistolen in der Kü­chen­schublade ge­funden. Dafür gibt es mindestens fünf Jahre.

Erik B. ist ein schmächtiger, fast zierli­cher Mann, dessen raspelkurze Haare wie auch der Drei-Tage-Bart von sil­bernem Glanz durchzogen sind. Seine Geschichte, die in Saal 216 aufge­rollt wird, erzählt vom Leben eines Außen­seiters, dem das Schicksal übel mit­ge­spielt hat.

Mit dreizehn fing es an. Andere Jungs kriegten Pickel, Erik kriegte großflä­chige Hautausschläge, die sich ent­zündeten, eiterten, bluteten. Und vor allem: schmerzten. Acne inversa di­agnostizierten die Ärzte schließlich, eine durch defekte Gene ausgelöste Hautkrankheit, die in Achseln und Genitalbereich sowie der Leistenre­gion auftritt. Drei Millionen Men­schen sind in Deutschland betroffen. „Es ist die Hölle“, schildert er seinen Leidensweg. Aufge­hört zu zählen habe er, wie oft er be­reits ope­riert wurde. Vierzig Mal vielleicht. Das be­troffene Gewebe muss bis­weilen chi­rurgisch abgetra­gen wer­den, mit der Folge wochen­langer Re­konvaleszenz. Nein, das sei kein Le­ben. Das sei eine fortwäh­rende Tor­tur.

Acne inversa macht einsam. Erik B. lebt zurückgezogen. In seiner Keller­wohnung fand er Linderung beim selbstgezogenen Ma­rihuana. Bis zu sieben Gramm täglich zog er sich rein, vorwiegend über Joints, bisweilen in Plätzchen verbacken. „Nach einer Weile stellte ich fest, dass es besser wurde mit den Abszessen. Sie ver­schwanden schließlich ganz“, erzählt er. „Ich konnte wieder unter Men­schen ge­hen. Die Medikamente, die mir von Ärzten ver­schrieben worden waren, hatten alle nichts gebracht.“

Tatsächlich galt Cannabis bis Anfang des 20. Jahrhunderts in Eu­ropa als proba­tes Mittel gegen allerlei Gebres­ten wie Krämpfe, Appetitlosig­keit und Schlafstörungen. Mit dem Siegeszug der Pharmazie jedoch ge­riet es als Therapeutikum in Verges­senheit, auch, weil es nicht gelang, den Wirk­stoff THC zu isolieren und damit stan­dardisierte Extrakte zu entwi­ckeln.

 „Viele Studien haben ergeben, dass er gut ge­eignet ist, Linderung bei zahlreichen Leiden zu schaffen, von Glaukom über Asthma bis hin zu Neu­rodermi­tis“, sagt der renom­mierte Arzt Franz-Josef Groten­hermen aus dem sauer­ländischen Rüthen. Bei mehre­ren Hundert Pati­enten habe er mit der Droge bereits beachtli­che Erfolge er­zielt. Inzwi­schen sind Can­nabisblü­ten sogar in Apotheken er­hältlich. Sie werden in den Niederlan­den produ­ziert, enthal­ten bis zu zweiundzwan­zig Prozent THC. Doch die Hürden sind hoch. „Der Patient benötigt eine Aus­nah­megenehmi­gung von der Bundes­opi­umbehörde in Bonn“, weiß Gro­ten­hermen, der auch Vorsitzen­der der „Internationa­len Arbeitsge­meinschaft Cannabis als Medizin“ ist. Dem Ver­fahren wohnt er als Gutach­ter bei.

Die Selbsttherapie des Erik B. freilich vollzog sich außerhalb der Legalität. „Selbst mit einer Ausnahmegenehmi­gung hätte ich mir das nie kaufen können“, sagt er. Bis zu 24 Euro kos­tet ein Gramm beim Apotheker. Die Kranken­kassen übernehmen das in der Regel nicht, obgleich, so Groten­hermen, das Sozialgericht Köln 2010 die DAK dazu ver­urteilte, einem Ata­xie-Patienten die Kosten zu erstat­ten – freilich erst nach jahre­langem Rechts­streit. Darauf wollte sich Erik B. nicht einlas­sen.

Es ist ihm wenig erspart geblieben: Seit seiner Kindheit leidet er zu­dem an ADHS, der Aufmerksamkeits­defizit-/Hyperaktivitätsstörung. Er ver­ließ die Hauptschule ohne Abschluss, gab auch die Bäckerlehre auf, nicht zu­letzt wegen seiner Hautkrankheit. „Sowas sieht man in der Backstube nicht gerne“, erinnert er sich. Ein paar Handlangerjobs, immer nur für kurze Zeit – seit fünfzehn Jahren lebt er, ar­beitslos, krank, alleine, von einer mickrigen Grundrente in seiner Zwei­einhalb-Zimmer-Wohnung im Souter­rain.

Die Art von Richter Andreas Weiß, Fragen zu stellen, mag bisweilen ste­reotyp erscheinen, als arbeite er eine Liste ab, gleichwohl ist sie bestens geeignet, sich ein Bild von diesem un­glücklichen Angeklagten zu machen. Erik B. ist kein rhetorisches Talent. Seine Antworten sind einsilbig, bis­weilen trotzig. „Wenn man solche  Geschwüre hat wie ich …“, ruft er ein­mal bockig aus, als er auf ein „Lie­besle­ben“ angesprochen wird. Er hat ein sympa­thisches Gesicht. Manch­mal verkauft er ein paar alte Sachen auf dem Flohmarkt. Wenn es ihm gut geht. „Seit sie mir meine Medika­mente weggenommen haben“, klagt er und meint das Marihuana, „ist die Krankheit wieder schlim­mer gewor­den.“

Sein Verteidiger ist der Frankfurter Strafrechtler Leo Teuter. In seinem emotionalen Plädoyer forderte er ei­nen Freispruch. „Mein Mandant be­fand sich in einem Notstand. Er ist kein Krimineller, sondern das Opfer eines bedauernswerten Ge­schicks.“ Der Durchsuchungsbe­schluss auf pu­ren Verdacht hin sei im Übrigen rechtswidrig gewesen.

Selbst Staatsanwältin Georgi rückt vom Vorwurf des Drogen­handels ab. Kommis­sar D. hatte dafür auch keine Hinweise entde­cken kön­nen. Das Ur­teil lautet schließ­lich auf sechs Mo­nate zur Bewährung wegen illegalen BTM-Besitzes. Einen Not­stand wollte die Kammer nicht er­kennen. „Er hätte wenigstens versu­chen kön­nen, Can­na­bis auf legalem Wege zu erwer­ben“, sagt Richter Weiß.

Es ist eine milde Strafe. Gleichwohl kündigte Anwalt Teuter noch im Ge­richtssaal an, in Revision zu gehen.