Zu dreist für die Freiheit

Von Dieter A. Graber

HANAU. Frau S. spricht über ihren Jungen. Sie ist 45 Jahre alt und Ver­käuferin, drüben im Bayerischen; „stellvertretende Marktleiterin“ prä­zisiert sie, was mächtig stolz klingt. Eine unauffällige Erscheinung, die Frau S.: Schlichte Jeans, billige Winter­stiefel; das schwarze Haar, mittellang, fällt in Locken auf die Schultern. Ob­wohl sie als Mutter des Angeklagten ein Zeugnisverweigerungsrecht hat, will sie erzählen. Wie das so gekom­men ist mit ihm. Und warum. Von den Klippen seines jungen Lebens will sie berichten, die doch in erster Linie ihre eigenen sind.

Als Karsten fünf war, starb der Vater bei einem Motorradunfall. Suizid wird es später heißen. Fortan war nichts mehr wie zuvor. „Karsten wurde ag­gressiv und wachte nachts schreiend aus Alpträumen auf“, erinnert sie sich. Er kam in psychologische Be­handlung und in eine Sonderschule. Sie wandte sich einem neuen Le­benspartner zu, mit dem der Junge aber nicht warm wurde. Mit sechzehn beendete er die Hauptschule, fortan schleppte er sich phlegmatisch durch die trägen Tage, die Monate, die Jahre. Keine Ausbildung, kein Job, nichts. „Er hing nur mit seinen Freun­den rum“, erinnert sich die Mutter, „und dann nahm er Drogen.“ Mit achtzehn flüchtete er von zuhause. Oder sie warf ihn raus, wie auch im­mer. Verwahrlost, auf Cannabis und Alkohol, landete er in der Obdachlo­sigkeit. Ende von Teil eins der Begebenheit.

Karsten hat ein sympathisches Ge­sicht mit weichen Zügen und warmen Augen. Groß ist er, ein Schlacks. Wenn er redet, was er selten tut, kommen die Sätze abgehackt aus sei­nem Mund. Gehetzt klingt das. Schnodderig. Gemeinsam mit Nader N. hat er kurz vor Weihnachten ver­gangenen Jahres zwei Leute in Bad Orb überfallen und ausgeraubt (Berichte hier und hier). Schon einmal musste er wegen eines schweren Verstoßes gegen die Rechtsordnung eine Haftstrafe absitzen.

Es gibt da eine weitere Frau, die eine wichtige Rolle spielt in Karstens Le­ben: Jutta S. ist seine Lebensgefähr­tin. Übers Internet lernten sie sich kennen. Er war damals gerade aus dem Gefängnis entlassen worden. Da kreuzten sich also die Wege zweier Menschen, deren Schicksale von ei­ner gewissen Trostlosigkeit gezeich­net sind. Ein mehr als ungleiches Paar: Der junge, antriebslose Tauge­nichts und die in unglücklicher Ehe lebende Fünfzigerin aus einem Kaff in der Wetterau, ein halbes Jahrzehnt älter als seine Mutter. Eine kuriose Beziehung, die beseelt sein mag von der gegenseitigen Zuneigung zweier zu kurz Gekommener. Bisweilen, in Verhandlungspausen, nehmen sie sich in die Arme, hinten, im Zuschau­erraum. Es wirkt rührend und ko­misch zugleich. An seine Freundin habe er zuerst gedacht, erzählt eine junge Polizeibeamtin im Zeugen­stand, als er Heiligabend festgenom­men wurde. Von seiner Angst, sie zu verlieren habe er gesprochen. Da hat­ten er und Nader kurz zuvor den Markus vor einer Kneipe zusammen­geschlagen und um mehrere Hundert Euro erleichtert. So steht es jedenfalls in der Anklageschrift.

Jutta S. hat ihm nicht den Laufpass gegeben. „Ich glaube an das Gute im Menschen“, sagt sie mit entwaffnen­der Treuherzigkeit im Zeugenstand. Sie führen eine Fernbeziehung. Ein­mal in der Woche treffen sie sich. Meist in seiner schäbigen Bude oder bei schönem Wetter in einer Garten­laube. Reden, Eis essen, spazieren gehen. Glück im Winkel. Jutta S. ar­beitet in der Seniorenbetreuung. Vielleicht ist sie eine Ersatzmutter für Karsten. Vielleicht ist er für sie die späte große Liebe. Sie würde gern mit ihm in eine gemeinsame Zukunft ge­hen, gesteht sie.

Ach ja, Teil zwei der Begebenheit: Zur Mutter hat er zurückgefunden. Das Verhältnis, sagt sie, sei wieder „ganz gut“. Er lasse die Finger von den Drogen und dem Alkohol, wenn er bei ihr sei. Und dann erzählt sie von dem eigenen Scheitern. Von ih­ren beiden Ehemännern und der bankrotten Beziehung dazwischen, von der Gewalt, dem Alkoholismus, mit denen sie konfrontiert war. „Kars­ten hat da vieles mitbekommen“, sagt sie. Auf den Tod seines Vaters ange­sprochen, giftet er spontan in den Saal: „Ist mir doch egal, wann der verreckt ist!“ Da sitzt viel Wut in diesem jun­gen Mann. Er ist 26 Jahre alt. Er ist einer von denen, die man rein rufen muss, wenn’s draußen regnet. Er brauche Hilfe, sagt seine Mutter. „Welcher Art?“ fragt Richter Peter Graßmück. Hilflos zuckt sie die Schul­tern …

Nader N. blickt derweil gelangweilt drein. Er stammt aus Tunesien*, hat es aber, obwohl der Sprache mächtig, in Deutschland zu nichts gebracht. Wie Karsten befindet er sich auf freiem Fuß, weil die Haftbefehle außer Voll­zug gesetzt wurden. Staatsanwalt Joachim Böhn fährt heute schweres Geschütz auf: Seit der Geschichte damals sei Nader N. erneut auffällig geworden. Es geht erstens um einen Messer­angriff, zweitens um den Raub von 60 Euro vor einer Spielothek und drittens um einen Betrug, bei dem er sich als Rechtsan­walt ausgegeben haben soll. Das ist dreist. Das ist mehr als dreist. Ermittlungsverfahren laufen.

Die 1. Strafkammer des Hanauer Landgerichts setzt den Haftbefehl ge­gen Nader N. wieder in Kraft. Noch im Saal wird er erneut eingebuchtet. Auch das vergangene Weihnachtsfest verbrachte er in der Zelle. Manchmal wiederholt sich Geschichte doch.

*In einem Artikel über straffällige Flüchtlinge in Sachsen schreibt Stefan Locke in der F.A.Z.: „Der Anteil an tunesischen Staatsangehörigen ist unter den Straftätern in Sachsen auffallend hoch. Obwohl sie nur eine relativ kleine Gruppe (vier Prozent) aller Asylbewerber stellen, machen sie fast ein Viertel aller tatverdächtigen Zuwanderer aus."