Zum Auftakt in die Zelle

Klockprozess reloaded, übrigens im selben Saal (Nr. 215) und mit einem Richter, der auch damals schon dabei war, inzwischen aber zur 2. Strafkammer wechselte. Wir sehen die Angeklagten mit ihren Verteidigern Kühne-Geiling (ganz rechts) sowie Scherzberg und Fuchs und den obligatorischen Kameramann (vor der Kammervorsitzenden Wetzel). ©Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Die letzte halbe Stunde vor Prozessbeginn verbrachten Klaus-Dieter B. und sein Sohn Claus Pierre in der Präsenzzelle des Hanauer Justizgebäu­des. Freiwillig begaben sie sich wieder hinter Gittern. Die Haftbefehle gegen sie waren nach den Freisprüchen im Sommer 2015 aufgehoben worden. Aber den Hinterbliebenen wollten sie heute lieber aus dem Wege gehen. Nur keine zufällige Begegnung auf dem Ge­richtsflur riskieren. Denn es geht um Emotionen in diesem außergewöhnli­chen Verfahren, und die traten geballt zutage auf Seite der Nebenkläger und ihres Anhangs. Die Herren B. sind weiß Gott keine mutigen Männer.

Es ist der zweite Versuch, aufzuklären, was am 6. Juni 2014 auf der Main River Ranch bei Dörnigheim geschah. Besser gesagt: die korrekten juristischen Schlüsse aus den vorliegenden Fakten zu ziehen. Neue wird es kaum geben. Es ist alles gesagt, alles untersucht, alles in Augenschein genommen. Kein Mord, kein Totschlag, entschied die 1. Große Strafkammer am 5. August 2015, son­dern  Notwehr. Anschließend musste das Gericht durch den Hinterausgang flüchten. Tja, die Emotionen …

Die Angeklagten wollen auch diesmal nichts sagen. Das ist ihr gutes Recht und häufig – sicher auch in diesem Fall – der Befürchtung geschuldet, sich rhe­torischer Schwächen wegen selbst in Schwierigkeiten zu bringen. Immerhin sitzen den beiden drei Nebenklagean­wälte gegenüber und einer der versier­testen Staatsanwälte, den die Behörde aufzubieten hat: Jürgen Heinze. Er schrieb die Begründung des Revisions­antrags, dem der Bundesgerichtshof im Februar statt gab. Deutschlands oberste Richter listeten eine Reihe von Mängeln auf, die den Hanauer Freisprüchen an­geblich anhaften: Frühere Einlassungen der Angeklagten seien nicht ausrei­chend dokumentiert, der Grundsatz In dubio ro reo sei falsch angewandt, die Frage nach einem möglichen Motiv leichtfertig abgetan worden, die Be­weiswürdigung lückenhaft …

Verteidiger Karl Kühne-Geiling (Diet­zenbach) trägt vor, was sich sein Man­dant Claus Pierre B. seinerzeit in der U-Haft von der Seele schrieb. Zwei dicke Leitz-Ordner waren es geworden, in de­nen er seine Version der Tat, ihre Vor­geschichte, seine Beweg­gründe schil­dert. 925 Euro müssen Vater und Sohn jeden Monat als Untermieter auf dem von Harry und Sieglinde Klock ge­pach­teten Reiterhof berappen. Meist kom­men sie mit den Zahlungen nicht hin­terher. Es ist ein mieses Loch, in dem sie da gelandet sind: Wasser aus dem Brunnen, Plumpsklo, keine Hei­zung, oft auch kein Strom. Wie das Ehepaar die bei­den Männer, den alten und den jun­gen, schikaniert hätten, er­zählt der An­walt, für „niedere Arbei­ten“ ausgenutzt wie das Entleeren der Si­ckergrube. Von Beleidigungen berichtet er: „Mist­vieh!“ „Drecksack!“ „Huren­sohn!“ Und von „Übergriffen“, von Schlägen und Trit­ten. Es habe eine „Atmosphäre der Angst“ geherrscht: „Herr Klock drohte meinem Mandanten mit ,seinen Jungs‘, angeblichen Frem­den­legionären, die nun als Geldein­trei­ber ar­beiteten.“ Sie würden ihn finden, ihn „langsam und genüsslich umbrin­gen“. Das sei der Grund gewe­sen, wa­rum die beiden nicht das Weite such­ten. Man muss aber auch sagen, dass die Kinder der Klocks diese Behauptungen vehement bestreiten.

Gleichwohl hätte der Hof gar nicht un­tervermietet werden dürfen. Erst recht nicht zum Wohnen. Irgendwie kam es raus. Der Anwalt des Eigentümers for­dert Vater und Sohn B. zum sofortigen Aus­zug auf. Fatal für die Klocks, denen der Verlust ihrer Einnahmequelle droht. Die Lage es­kaliert am Freitag vor Pfingsten.

An jenem Vormittag erscheinen die Klocks auf dem Hof. Er liegt idyllisch zwischen Main und Kennedystraße, die hier L3268 heißt. Sie wollen Geld. Jetzt gleich. Es ist ein drü­ckender Tag.  Blei­schwer spannt sich der Himmel über Maintal. Im Türrahmen stehen sich Claus Pierre B. und Harry Klock ge­genüber. Der soll ein Messer gezogen haben. Gerangel. Claus Pierre B. ent­reißt es ihm, sticht zu. Immer wieder. Sieglinde Klock kommt schreiend hinzu, mit ei­nem Beil bewaffnet. Hunde springen bellend um die Kämpfenden herum. Klaus-Dieter B. erscheint aus dem Hintergrund. Ruft: „Hört auf!“ Schießt dann zweimal. Claus Pierre sticht, wie von Sinnen, immer weiter zu …

Siebzehn Messerverletzungen zählt der Ge­richtsmediziner später im Körper von Harry Klock – im rechten Brustkorb, einer im Oberschenkel, im Bauch und in der Achselhöhle. Sie deuten auf eine re­gel­rechte Explosion der Gewalt hin. „Ich war wie im Blutrausch“, erinnerte sich Claus Pierre B.; „Übertötung“ sa­gen Juristen dazu. Die Frage, ob er im Affekt handelte, getrieben von Angst vielleicht, muss der psychiatrische Gut­achter Prof. Ansgar Klimke beantwor­ten. Sie dürfte entscheidend sein für den Ausgang des Verfahrens.

Als unwahrscheinlich gilt indes, dass Klaus-Dieter B. erneut mit einem glat­ten Freispruch davon kommt. Zumin­dest wegen illegalen Waffenbesitzes dürfte er diesmal dran sein. Das ent­sprechende Verfahren war damals vor dem Hinter­grund der Mordanklage vorläufig einge­stellt worden.