Zum Sterben nach Madeira

Auch dieser Herr mit Zigarre schätzte die Insel im Atlantik. 1950 war er hier. Aber nicht zwecks Suizid, sondern zum Malen: Winston Churchill als Künstler

Von Dieter A. Graber

HANAU.  An einem Januartag im ver­gangenen Jahr, der viel zu mild war für die Jahreszeit, beschloss Herr R., zum Sterben nach Madeira zu fliegen. Warum Madeira? Nun, er hatte schöne Erinnerungen an die portugie­si­sche Insel: Sonnige Urlaubstage. Bum­meln durch das malerische Funchal. Glückliche Stunden mit Kirsten, seiner großen Liebe. Ein guter Ort, um freiwillig aus dem Le­ben zu scheiden, fand Herr R., der Werk­zeug­ma­cher.

Schmal ist er, fast hager, 54 Jahre, das volle Haar grau meliert. In Saal 216 des Landgerichts erzählt er seine Geschichte. Er spricht bedäch­tig. Er wählt die Worte gewis­senhaft und legt Pausen ein zwischen den Sät­zen. Er will, dass man ver­steht, wie alles kam. Er sagt: „Wir hatten gute Jahre zusammen. Nie Streit. Eine von beiderseitigem Har­moniebedürfnis geprägte Beziehung.“ Auch beruflich lief es bestens für Herrn R., der eine eigene Werkzeugmacherei in der In­nenstadt  betrieb. Eine kleine Werk­statt im Hin­terhof. Die Auftragslage: prächtig! Alle großen Hanauer Indust­rieunter­nehmen ließen bei ihm arbei­ten. Stolz schwingt mit, wenn er sie jetzt aufzählt: Dunlop und Vacuum­schmelze und Heraeus ... Das war, bevor Kirs­ten krank wurde. Eine lebensbedrohliche Diagnose. Nun zeigte ihm das Leben seine gemeine Seite. Von einem Tag auf den anderen.

„Fortan kümmerte ich mich fast nur noch um sie“, erzählt er. „Ich saß an ihrem Bett. Hielt ihre Hand. Den Betrieb habe ich darüber vernachlässigt.“ Der Umsatz brach ein. Erst langsam, dann immer schneller. Und irgendwann, sagt Herr R., sei schließlich der letzte wichtige Kunde abgewandert. „Ich konnte nicht einmal mehr die Kran­kenkasse bezahlen. Alles war am Ende.“ Ein Tüftler ist er, ein Entwickler, ein Macher. Einer, der diffizile technische Probleme lösen kann. Nicht aber seine persönlichen. Viel­leicht stand Kirstens Krankheit zwi­schen den beiden. Oder sein Stolz, ihr seine scheinbar ausweglose Lage einzugestehen. Männer sind manchmal so. „Ich habe alles in mich hineingefressen.“

Als er Anfang zwanzig war, sagt er, habe er mal eine Dummheit gemacht. Da kaufte er bei einer Flohmarktbe­kanntschaft vier Feuerwaffen samt passender Munition; drei Pistolen und eine Uzi mit 75 Schuss. Das ist eine is­raelische Maschinenpistole, ein Rück­stoßlader mit einklappbarer Schulter­stütze, Feuerwahlhebel und Feder-Masse-Verschluss. Herr R. sagt, „diese Mechanik“ habe ihn fasziniert. Ein­fach, aber genial. Nicht das Schießen! „Im Gegenteil: Bei der Bundeswehr drückte ich mich immer davor.“ Das kleine Arsenal verwahrte er auf einem Regal in seiner Werkstatt. Jahrzehn­telang. Er wird es da vergessen haben. „Später dachte ich mal daran, alles von einer Brücke in den Main zu werfen, be­fürchtete aber, unterwegs von der Po­lizei kontrolliert zu werden.“

An diese Waffen erinnerte sich Herr R., als er sich in jenem Januar 2015 zum Suizid entschloss. Er deponierte eine der Pistolen in einem mit doppeltem Boden präparierten Koch­topf. Aber beim Durchleuchten seines Koffers  am Frankfurter Flughafen wurde sie entdeckt, er fest­genommen. Er hat der Polizei dann alles sofort ge­beich­tet. „Endlich war da jemand, mit dem ich re­den konnte.“ Kommissar H. erinnert sich nun im Zeu­genstand: „Er war richtig er­leichtert. Ich glaube, diese Tat war mehr ein Hil­feruf.“

Im Abschiedsbrief, den er seiner Kirs­ten ins Auto gelegt hatte, stand: „Ich habe den Karren in den Dreck gefah­ren. Ich ertrage es nicht, dass bald al­les aufgelöst wird. Die Werkstatt, mein Lebenstraum. Ich denke, du bist ohne mich besser dran und hoffe, dass du mir verzeihen kannst.“

Die 5. große Strafkammer verurteilte Herrn R. wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz zu fünfzehn Monaten auf Bewährung. Sie schloss sich damit dem maßvollen Antrag von Staatsanwältin Georgi an. Richter Andreas Weiß sagt: „Auch, wenn Sie selbst die Waffen all die Jahre nicht angerührt haben, bestand eine hohe objektive Gefährlichkeit. Einem Einbrecher etwa hätten sie leicht in die Hände fallen können.“

Die Geschichte nimmt übrigens ein gutes Ende: Kirsten wurde wieder gesund. Sie hat ihm verziehen. Er ist mit seiner Werkstatt in den Keller umgezogen. Er kann von seiner Arbeit wieder leben. Und in zwei Monaten heiraten die beiden – nach siebzehn gemeinsamen Jahren, vielen glückli­chen und auch ein paar bitteren.