Zwei Männer, zwei Welten, ein Tag im Gericht

So sieht’s aus: Marihuana bringt die Jugend um. Die will’s nur nicht glauben! Historisches Anti-Drogen-Plakat, USA. Quelle: Westword, Denver

Von Dieter A. Graber

HANAU. Um Viertel nach neun ist Herr H. noch immer nicht da. Eigent­lich ist das ganze Leben von Herrn H. eine einzige Verspätung, auch wenn er heute nichts dazu kann; der Justiz­transporter steckt im Stau. Herr H. befindet sich nämlich in Untersu­chungshaft.

Als er siebzehn war, zog er sich sei­nen ersten Joint rein. Da hatte er, also ziemlich verspätet, die Haupt­schule geschafft. Er ab­sol­vierte dann eine Lehre zum Ver­käu­fer. Heute ist er dreißig. Vor vier Jah­ren aber gab er jede Erwerbstätig­keit auf. Seither ist er Be­schaf­fungskrimineller. Er braucht Geld für Drogen. Cannabis halt. Im vergange­nen Sommer hatte er einen Thera­pieplatz schon fast sicher, aber dann kam diese Geschichte dazwi­schen. Hätte er sich mal früher ge­kümmert. Er war mal wieder zu spät gewesen …

Der Fall mit dem Aktenzeichen 57 Ls 4455 Js 17072/15 ist der erste an die­sem Tag vorm Hanauer Schöffenge­richt. Zwei BTM-Fälle stehen auf dem Programm. Damit so etwas über­haupt vor diesem Spruchkörper lan­det, muss es erheblich sein, also ein Strafmaß zwischen zwei und vier Jah­ren drohen. Stefan H. ist wegen Nöti­gung, räuberischer Erpressung, Kör­perverletzung und Drogenbesitz an­geklagt.

Um kurz vor halb zehn führen sie ihn herein: Ein Schlacks. Groß, hager, blass. Undercut-Frisur mit einem Rat­tenschwanzzopf und einem Scheitel, der sich quasi um den gesamten Schädel herum zieht.  Blaue Augen. Müdes Grinsen in einem schmalen Gesicht. Die Lippen zwei blassrosa Streifen. Er nimmt Platz neben Bernd R. Maier, seinem Verteidiger. In seinem Plädoyer wird Maier später von „Elendsdelinquenz“ sprechen, von einer „schicksalhaften Begegnung mehrerer Drogenkonsumenten“. Der Fall des Stefan H. ist das verkommene Ge­sicht der Rauschgiftszene. Später am Tag werden wir noch ein anderes se­hen, ein elegantes, salonfähiges.

Also: Stefan nötigte den Jan, mit ihm die Wohnung eines „Dealers“, wie Staatsanwältin Grumann vorträgt, aufzusuchen, wo sie Diebesgut ein­sackten. Playstation und Spiele, DVDs, USB-Kabel, Kopfhörer, Mobil­telefone …  Zuvor hatte Jans Freundin Sabrina telefonisch abklären müssen, ob überhaupt jemand zuhause war. Einer war da: der Cliff. Er ist 49 Jahre und gehört zu den traurigen Gestal­ten, von denen die Drogenszene der Stadt bevölkert ist: mager, zottelig, schmutzig. Die Inkarnation des Elends. Er hauste dort als Untermie­ter oder so ähnlich. Feste Wohnsitze sind keine Selbstverständlichkeit im Drogenmilieu. Er hatte sich seinerzeit allerdings ins Reich der Träume ge­kifft, die beiden zwar noch eingelassen, aber nichts mehr mitgekriegt von der Tat, weshalb seine Zeugen­aussage heute auch unergiebig bleibt.

Der Angeklagte sagt, Wohnungs­inhaber Jörg K. sei ihm noch Geld schuldig gewesen. „Da suchte ich mir was bei ihm aus. Wir hatten das so vereinbart.“ Der im Juristendeutsch als „Geschädigter“ bezeichnete Zeuge räumt zwar Verbindlichkeiten ein, be­streitet aber eine derartige Abma­chung. Sei’s drum. Eigentlich geht es heute ja auch vorwiegend um die Frage, warum Sabrina und Jan da mitgemacht haben. Sabrina sagt, Stefan H. habe massiv gedroht: „Wenn ich mich weigerte, den Anruf zu machen und mein Freund nicht mitginge, würde er mich vor seinen Augen vergewaltigen.“ Da liegt die Frage nahe: Was ist das für einer, der sich dergestalt einschüchtern und zu einer Straftat nötigen lässt?

Ein Bürschchen schlurft da in den Saal, 21 Jahre jung, Kindergesicht mit Flaum, graue XL-Hose auf einem Size-Zero-Leib. „Momentan bin ich beruf­lich nicht tätig“, erklärt er. Still sit­zend, nichts tuend, kommt der Früh­ling und das Gras wächst von allein, diese alte Zen-Weisheit ist das Motto und die Spanne zwischen zwei Joints das Zeitmaß seines Lebens. Nun muss der letzte schon eine geraume Weile zurückliegen. Jan windet sich auf dem Zeugenstuhl, unterstreicht mit fahri­gen Gesten seine Aussage. Sich zu konzentrieren fällt ihm schwer. Lust­los kramt er in seinen Erinnerungen. „Ich hatte damals kein Geld, und es war mir egal, wo es herkommt“, gibt er schließlich zu. Die beiden leben von Hartz IV. Sie haben ein Kind. Es ist bei Pflegeeltern. Sie wohnten damals in einer Pension an der Nürnberger Straße, wo sie den Stefan mal hatten übernachten lassen. Er war obdach­los.

Sabrina, 21, rote Pumuckelfrisur, bil­lige Plüschjacke mit lustigen „Ohren“ an der Kapuze, erzählt aus ihrer Kind­heit. Schlimm sei die gewesen. Der Vater ein Trinker. Oft habe es Schläge gegeben. Zurzeit mache sie eine Drogentherapie. „Wegen unserem Kind. Wir wollen es zurück haben.“ Sie war übrigens anderntags zur Poli­zei marschiert, um die Tat anzuzeigen und hatte damit alles ins Rollen ge­bracht. „Warum?“ fragt Richterin Kohlheim. So recht erklären kann Sabrina das eigentlich auch nicht. Nur soviel: „Wir müssen doch unser Le­ben in den Griff kriegen.“

Das wolle er auch, sagt der Ange­klagte. Aber warum fällt es so schwer, da an ein Happy End zu glauben? Wegen der vielen Vorstrafen? Seiner trotzigen, irgendwie unbeteiligten Miene? Weil es die eigene Mutter war, die ein Gewaltschutzverfahren gegen ihn in Gang setzte? Vor allem wohl, weil die Umstände seines Le­bens dagegen sprechen. Das Milieu. Die Szene. Weil er stets zu spät kommt, der Herr H., vor allem: zu spät zur Einsicht.

Anwalt Maier legt sich noch mal mächtig ins Zeug, kann aber nicht verhindern, dass Stefan H. zu einem Jahr ohne Bewährung verurteilt wird.

Angeblich kiffen zwischen zwei und vier Millionen Deutsche regelmäßig. Politiker wie Bremens Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) treten für die Legali­sierung von Cannabis ein. Rausch, heißt es, sei Privatsache. Herr K. wird das auch so sehen. Herr K. heißt mit Vornamen ebenfalls Ste­phan, aller­dings mit „ph“, ist 44 Jahre alt und „in der Veranstaltungsbran­che tätig“. Events heißt das heute. Er ist ein Ma­nagertyp. Er ist groß, sein volles, blondes Haar sorgfältig frisiert, der Drei-Tage-Bart gepflegt. Sein Ge­sicht würde sich auf dem Werbepla­kat ei­ner Partnerbörse gut machen. Er lä­chelt angespannt. Sie haben 299,88 Gramm Marihuana hinter sei­nem Sofa gefunden und eine Menge Geld. Drogenhandel lautet der Vor­wurf.

Willkommen auf der glamourösen Seite der Drogenszene. Hier ist das Leben eine Party, und der „Stoff“ kommt vom Dealer des Vertrauens. Stephan K. war durch Telefonüber­wachung ins Fadenkreuz der Ermittler geraten. Einer redet immer. So ist das auch hier. Sie hatten dann eine Durch­suchung seiner Wohnung vor­genommen. Stephan K. sagt – nein, lässt von seinem Verteidiger sagen: „Es war alles zum Eigenbedarf.“ Der Ver­teidiger ist Matthias Reuter aus Ha­nau, so ein Rechtsfuchs, der die An­gelegenheit gern als „minderschwe­ren Fall“ abgetan hätte. Aber darauf lässt sich Richterin Kohlheim nicht ein. 30,69 Gramm THC, das ist der Wirkstoffgehalt, hatte das Landes­kriminalamt festge­stellt. Mehr als 7,5 Gramm gelten als „nicht geringe Menge“, wofür es mindestens ein Jahr gibt.  In der Wohnung von Herrn K. wurde auch ein Zettel mit Zahlen und Namen ge­funden. Aber was be­weist das schon? Eine Kundenliste? Oder nur ein paar während eines Te­lefonats hingekrit­zelte Notizen, wie Verteidiger Reuter mutmaßt? 

Nein, Drogenhandel ist dem Angeklagten schließlich nicht nach­zuweisen, und so kommt er mit ei­nem Jahr und einem Monat davon, zur Bewährung.

Stefan H. und Stephan K. sind sich im Gericht nicht begegnet, vermutlich noch nie im Leben. Sie sind in un­terschiedlichen Welten zu Hause.