Stalking

Der Begriff des Stalking (englisch: Anpirschen, Jagen) wurde ursprünglich im angloamerikanischen Raum benutzt, um damit das Phänomen der persönlichen Nachstellung gegenüber Hollywood-Filmstars und anderen Personen des öffentlichen Lebens zu beschreiben. Dieser Begriff wurde später erweitert und beschreibt ein abnormes, von typischen Reaktionen der Normalbevölkerung deutlich abweichendes Verhaltensmuster, das durch die gezielte Belästigung, unerwünschte Kontaktaufnahme bis hin zur Verfolgung einer ausgewählten Person gekennzeichnet ist, wobei eine Einsicht des Täters in die Normabweichung seines Verhaltens fehlt, oftmals soziale und gesetzliche Normen (z.B. Gewaltschutzgesetz) gebrochen werden. Das private und berufliche Leben des Stalkers wird durch seine ständige gedankliche Beschäftigung mit dem Opfer und seine daraus resultierenden Handlungen oftmals erheblich beeinträchtigt.

In der psychiatrischen Literatur wird Stalking in der Regel als deutliche Normabweichung vom Gesunden gesehen, der aber von vielen Psychiatern noch kein Krankheitswert zugemessen wird.

Vielfach weisen unterschiedliche Stalker in ihrem Verhalten und den Handlungsabläufen eine große Ähnlichkeit miteinander auf. Nach der Typologie von Mullen et al. kann man 5 Hauptgruppen von Stalkern unterscheiden.

Der zurückgewiesene Stalker (Ex-Partner-Stalking) beginnt die Verfolgung seines Opfers, nachdem eine frühere, in der Regel intime Beziehung zerbrochen ist. Dabei hofft er auf die Wiederherstellung der Beziehung, ist aber in seinem Handeln oftmals auch durch Rachegefühle motiviert. Häufig kommt es dabei zu gewalttätigem Verhalten. Dieser Stalkertypus macht mehr als die Hälfte aller Stalkingfälle aus.

Der eine Liebesbeziehung suchende Stalker hat normalerweise nie eine reale Beziehung zu seinem Opfer gehabt, sondern kennt ihn/sie nur aus dem Fernsehen oder aufgrund einer flüchtigen Begegnung auf einer Party. Der Täter verkennt oftmals die Realität bis hin zu der wahnhaften Überzeugung, dass die Liebe von seinem Opfer erwidert werde. Gefährdet ist zunächst nicht das geliebte Opfer selbst, sondern Personen in dessen Umgebung, die seiner Beziehung vermeintlich im Weg stehen. In dem Moment, wo der Stalker selbst erkennt, dass es die angestrebte Beziehung niemals geben wird, kann er auch zu der narzisstisch motivierten Schlussfolgerung gelangen, dass auch kein anderer diese Person besitzen oder lieben darf, so das auch das Objekt der Verfolgung selbst in Gefahr gerät, von ihm attackiert oder in seltenen Fällen getötet zu werden.

Der sozial und intellektuell inkompetente Stalker ist unfähig, Beziehungen anzubahnen und aufrechtzuerhalten. Er kann Zurückweisungen der verfolgten Person nicht verstehen, gibt aber meist seine erfolglosen Annäherungsversuche wieder auf, um sich neuen Ziele zuzuwenden. Tatsächliche Aggressionshandlungen oder die Realisierung von Drohungen sind hier sehr selten.

Der rachsüchtige Stalker will sein Opfer ängstigen, um sich für vermeintlich erlittene Kränkungen oder das ihm zugefügte Unrecht zu rächen. Hier können auch Therapeuten, namentlich Psychiater oder Psychotherapeuten wegen subjektiv empfundener Missverständnisse oder Kränkungen, aber auch Ärzte wegen angeblicher Behandlungsfehler Stalkingopfer werden. Meist bleibt es bei Drohungen, aber in seltenen Fällen kommen auch Tötungsdelikte vor.

Der sog. beutelüsterne Stalker zieht aus dem Beobachten und Verfolgen des Opfers ein Gefühl von Macht und Kontrolle, und plant in der Regel sexuelle Übergriffe auf das Opfer, die er oftmals auch durch anonyme Telefonate obszönen Inhalts belästigt. Er bezieht aus dem Ausspähen des Opfers und der Verfolgung oftmals sadistische Machtgefühle. Diese sehr kleine Tätergruppe hat ein hohes Risiko, gewaltsame sexuelle Handlungen zu begehen.

In der forensisch-psychiatrischen Beurteilung kommt dem Stalking in den meisten Fällen noch keine schuldfähigkeitsmindernde Bedeutung zu. In einer geringen Anzahl von Fällen liegt dem Stalking aber mehr als nur eine Normabweichung zugrunde. Ursachen können zum Beispiel schizophrene Psychosen, wahnhafte Störungen, Manien oder auch seltener hirnorganische Erkrankungen sein. In diesen Fällen einer krankhaften seelischen Störung kann eine Minderung der Steuerungsfähigkeit im Sinne des § 21 StGB oder sogar eine Aufhebung der Steuerungsfähigkeit möglicherweise nicht ausgeschlossen werden. Dann ist aber die Wiederholungsgefahr in der Regel so hoch, dass auch eine Unterbringung im Maßregelvollzug ernsthaft geprüft werden muss. Verkompliziert werden kann die forensische Beurteilung im Hinblick auf die Schuldfähigkeit bei solchen Tätern, bei denen eine schwere Persönlichkeitsstörung vorliegt bzw. bei solchen, wo vor den einzelnen Taten eine erhebliche Intoxikation mit Alkohol oder anderen Drogen vorgelegen hat. Darauf ist jeder Einzelfall sorgfältig zu prüfen.

 

Prof. Dr. A. Klimke, 22.07.2015

Literatur/Links

Dreßing H, Bindeballe N, Gallas C. Gass P. Journal für Neurologie. Neurochirurgie und Psychiatrie. 2008; 9 (4):20-27

https://de.wikipedia.org/wiki/Stalking

http://www.polizei-beratung.de/opferinformationen/stalking.html

http://www.stalking-justiz.de/hilfsangebote/links/

http://www.zeit.de/gesellschaft/2014-01/stalking-opfer-beratung

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