Befangen wegen Pinkelpause?

Starben auf der Main River Ranch: Sieglinde und Harry Klock

Von Dieter A. Graber

HANAU. Die Fronten im Klockprozess haben sich verhärtet. Man könnte auch sa­gen: Er verliert an juristischem Ni­veau. Mit gleich zwei Befangen­heits­anträ­gen versucht die Neben­klage nun, das Verfahren zu kippen. Sie sind gegen Richter Peter Graßmück, den Vorsitzenden der Ers­ten großen Strafkammer, gerichtet. Rechtsanwalt Michael Bauer aus Eschborn, der den Sohn des getöte­ten Ehepaars Klock vertritt, bezwei­felt die Neutralität Graßmücks. Er be­zweifelt überhaupt alles: den bisher ermittelten Tather­gang, die Einlas­sungen des Angeklag­ten Claus Pierre B., die Redlichkeit von dessen Vertei­digung

Mit einer Fülle von Beweisanträgen versuchen beide Parteien quasi auf der Zielgeraden den seit Mitte März laufenden Prozess in die Länge zu ziehen. Um Fakten geht es nicht mehr. Es geht um Persönlichkeits­bil­der. Um Charakterstudien. Es geht um die Frage, wer die besseren oder schlechteren Menschen waren – die Angeklagten oder die Opfer? Und so werden von beiden Seiten immer neue Zeugen aufgeboten, deren Bei­trag zur Wahrheitsfindung sich auf ein, zwei Sätze reduzieren lässt: Ich kannte die Beteiligten. Ich kann nichts Schlechtes über sie sagen …

Es geht um Tiere in diesem Verfah­ren: Pferde, Ziegen, Hunde. Um die vor allem am jüngsten Verhandlungs­tag. Harry Klock züchtete Dogo Cana­rios, bullige spanische Doggen, die schon von den Konquistadoren als Kriegshunde nach Südamerika mitge­nommen worden waren. Wie oft ha­ben sie gebellt auf der Main River Ranch? Und wann? „Eigentlich im­mer“, sagt Frau W., die auf dem be­nachbarten Hof, der „IG Pferdeglück“, ein und aus ging. „Sie sprangen ein­mal an unserem Auto hoch, als wir vorbeifuhren.“ Selbst für einen Hun­deliebhaber mag es beängstigend sein, wenn so ein Koloss von 60 Kilo und mehr heranstürmt. Die Studentin Lisa B., 23 Jahre, wurde sogar gebis­sen. Als Zeugin ist sie um emotions­freie Sachlichkeit bemüht: „Herr Klock hat ja noch versucht, sie zu­rückzuru­fen, aber die reagierten gar nicht“, erinnert sie sich.

Wenn jedoch dieses tiefe, kehlige Ge­bell zur permanenten Geräuschku­lisse gehörte in dem Landschaft­s­schutzgebiet zwischen Kennedy­straße und Mainufer, wie kann dann Frau S. zur Tatzeit auf dem Nachbar­grund­stück die beiden Schüsse, mit denen Sieglinde Klock getötet wurde, gehört haben – aber eben keine Hunde, wie sie ausdrücklich beteu­erte? Längst also hat sich der Prozess in periphe­ren Details festgefahren.

Richter Graßmück lehnte es ab, Frau S. erneut in den Zeugenstand zu ru­fen. Gleichwohl wies er aber auch mehr als ein Dutzend Beweisanträge der Nebenklage zurück, darunter so skurrile wie die Vernehmung eines Malermeisters zu der prozessirrele­vanten Frage, ob Klaus Dieter B. mal Umsatzsteuer hinterzogen habe. Oder die eines ehemaligen Vermie­ters, dessen Wohnung von den bei­den „vermüllt“ zurückgelassen wor­den sei. Gipfel aber dürfte der Antrag auf Ladung ei­nes damaligen Nach­barn sein, der be­zeugen könne, die Angeklagten hät­ten schon früher sehr zurückgezogen gelebt … Nun, gefragt, und gesagt wurde in diesem Prozess um die Bluttat auf dem Reiterhof bei Dörnig­heim inzwischen schon alles – „nur noch nicht von jedem“, wie Oberstaatsanwalt Jürgen Heinze süf­fisant anmerkt.

Michael Bauer ist ein lebenserfahre­ner Anwalt. Er hat sich in der Politik engagiert, für Haus- und Grundeigen­tümer,  für Menschen in Not. Er ist rhetorisch gewandt und ein blenden­der Jurist: Zivil-, Arbeits-, Bau-, Reise-, Verkehrs- Verwaltungsrecht. Nur Strafrecht scheint seine Stärke nicht zu sein.

So begründete er seine beiden Ab­lehnungsgesuche damit, Richter Graßmück stehe den Beweisanträgen der Nebenklage nicht unvoreinge­nommen gegenüber. Dabei hat er freilich außer Acht gelassen, dass über deren Annahme oder Ablehnung jeweils die gesamte Kammer be­stimmt. Ob der Verdacht einer Befan­genheit des Vorsitzenden vorliegt, müssen nun die ande­ren beiden Rich­ter, Rüppel und Zeyß, sowie Graß­mücks Vertreterin Philipp beur­teilen. Sollten sie’s bejahen, wäre das Ver­fahren ge­platzt. Prozessbeobach­ter halten dies aber für unwahr­schein­lich.

Eine humoristische Note  tritt dabei am Rande zutage: So wird von der Nebenklage moniert, der Vorsitzende habe die Verhandlung nicht unter­brochen, als Rechtsanwalt Roscher-Meinel ein menschliches Bedürfnis verspürte. Über Pinkelpausen aber entscheidet nun wirklich allein der Vorsitzende.