Waterboarding und Cowboyromantik

Von Dieter A. Graber

HANAU. Hinter der Adresse Auf der Röde 1 verbirgt sich ein schäbiger, heruntergekommener Reiterhof. Eigentlich sind es nur ein paar Schuppen und Ställe und morsche Zäune hinter hohen Hecken und wucherndem Unkraut. Lang, lang her, dass es hier einmal die American Horse Ranch gab, Westernturniere und Ponyreiten für zwölf Euro die Stunde und Cowboyromantik mit Lagerfeuer. Es ist ein entschlummernder Ort, so traurig wie ein verlassener Rummelplatz. Hier starben Sieglinde und Harry Klock (beide 57) am Mittag des 6. Juni 2014.

Harry Klock war längst tot, als Claus Pierre B. immer noch auf ihn einstach. Siebzehn Mal insgesamt. Einen Blutrausch könnte man das nennen. Eine Explosion von Wut, von Hass. „Das Ergebnis einer unglaublichen Abfolge von Demütigung, Erniedrigung, Beleidigung“, sagt sein Verteidiger, der Dietzenbacher Strafrechtler Karl Kühne-Geiling. Zu diesem Zeitpunkt war auch Sieglinde Klock nicht mehr am Leben, exekutiert, wenn man das so sagen darf, durch zwei Kopfschüsse von Klaus-Dieter B. (60), dem Vater.

Claus Pierre B. ist ein schmaler Mann, 30 Jahre alt, leicht dunkler Teint, schwarzes, etwas gekräuseltes Haar. Ein wenig weltentrückt sitzt er auf der Anklagebank von Saal 215 des Hanauer Justizgebäudes. Keine fünf Worte kommen über seine Lippen an diesem dritten Verhandlungstag, der aber offiziell der erste ist, weil das Gericht mit den Schöffen einen Fehler machte und deshalb von vorn beginnen muss. Er hat sich alles von der Seele geschrieben, oder besser: diktiert; zwei dicke Leitz-Ordner sind es geworden, in denen er seine Version der Tat, ihre Vorgeschichte, seine Beweggründe schildert. Der Anwalt trägt sie sachlich, aber engagiert vor.

Der Anfang liegt im Dunkeln, irgendwann im Jahr 2011. Karl-Dieter und Claus Pierre B. ziehen als Untermieter auf den Hof, den die Klocks gepachtet haben. Die verkaufen den beiden auch noch ein Pony und acht Ziegen, auf Raten; 925 Euro müssen Vater und Sohn jeden Monat berappen. Meist kommen sie mit den Zahlungen nicht hinterher. Es ist ein mieses Loch, in das sie da gezogen sind: Wasser aus dem Brunnen, Plumpsklo, keine Heizung und oft auch kein Strom. Sie verdienen sich ein bisschen was mit Gelegenheitsjobs. Mal hier, mal da. Anwalt Kühne-Geiling sagt: „Die Klocks züchteten besonders aggressive Kampf-hunde. Wiederholt wurden Spaziergänger angefallen, weil die Tiere vom Grundstück entwischten.“ Es gäbe auch eine Strafanzeige. Er habe die Angaben seines Mandanten nachgeprüft, sagt er. „Alles lässt sich belegen.

Wie das Ehepaar die beiden Männer, den alten und den jungen, schikaniert hätten, erzählt er, für „niedere Arbei-ten“ ausgenutzt wie das Entleeren der Sickergrube. Von Schmähungen berichtet er: „Mistvieh!“ „Drecksack!“ „Hurensohn!“ Und von „Übergriffen“, von Schlägen und Tritten: „Einmal packte Herr Klock meinen Mandanten im Genick und drückte seinen Kopf in eine Wassertonne, so lange, bis er in Panik geriet. Und das nur, weil er es gewagt hatte, ihn bei einem Gespräch zu unterbrechen.“ Waterboarding als Strafe für unziemliches Benehmen! Es habe eine „Atmosphäre der Angst“ geherrscht: „Er drohte mit ,seinen Jungs‘, angeblichen ehemaligen Fremdenlegionären, die als Geldeintreiber arbeiteten.“ Sie würden ihn finden, ihn „langsam und genüsslich umbringen“. Das sei der Grund gewesen, warum die beiden nicht das Weite suchten.

Über eine Stunde lang erzählt der Anwalt. Er lässt Fotos auf die großen Monitore im Gerichtssaal überspielen, die jene elenden Lebensbedingungen hinter dem mannshohen Gittertor des Anwesens Auf der Röde 1 dokumentieren. Es ist ein Szenario der Ausbeutung, der Menschenverachtung, des Größenwahns, das er vorträgt. „Auf meinem Hof gilt mein Gesetz“, soll Harry Klock mehr als einmal verkündet haben.

Seine Tochter Nicole, die als Nebenklägerin auftritt, springt empört auf: „Alles Lüge!“ Sie stürmt aus dem Saal. Es mag schwer zu ertragen sein, so etwas über seine tote Eltern zu hören. Anwalt Kühne-Geiling fügt jedoch hinzu: „Es gibt viele Leute, die das bezeugen können.“ Er nennt Namen.

Eigentlich hätte der Hof gar nicht untervermietet werden dürfen. Erst recht nicht zum Wohnen. Irgendwie kam es raus. Nach Jahren erst. Das Bauamt schaute vorbei. Der Anwalt des Eigentümers forderte Vater und Sohn B. zum sofortigen Auszug auf. Fatal für die Klocks, denen der Verlust ihrer Einnahmequelle drohte, meint der Anwalt. Die Lage eskaliert.

An jenem Mittag erscheinen sie auf dem Hof. Er liegt idyllisch zwischen Main und Kennedystraße, die hier L3268 heißt. Sie wollen Geld. Jetzt gleich. Es ist Freitag vor Pfingsten. Es ist ein drückender Tag.  Das heißeste Pfingsten seit Beginn der Wetteraufzeichnung kündigt sich an. Bleischwer spannt sich der Himmel über Maintal. Im Türrahmen stehen sich Claus Pierre B. und Harry Klock gegenüber. Der soll ein Messer gezogen haben. Gerangel. Claus Pierre B. entreißt es ihm, sticht zu. Erst ein-, zwei-, dreimal. Die Ehefrau kommt schreiend hinzu, mit einem Beil bewaffnet. Hunde springen bellend um die Kämpfenden herum. Klaus-Dieter B. erscheint aus dem Hintergrund. Schießt zweimal. Claus Pierre sticht, wie von Sinnen, immer weiter zu.

Als es vorbei ist, sagt der Sohn, blutbesudelt: „Wir müssen die Polizei rufen.“ Der Vater: „Die würde nie glauben, dass es Notwehr war.“ Sie verstecken die Leichen, zuerst unter einem Sandhaufen, des Nachts in einer Jauchegrube auf dem Gelände.