"Eine zweite Hinrichtung meiner Eltern"

Klock-Tochter Nicole Rondinelli. Foto: Kleine-Rüschkamp

Von Dieter A. Graber und Lars-Erik Gerth

Frau Rondinelli, Sie treten, gemein­sam mit Ihrem Bruder sowie weite­ren Verwandten, in dem Pro­zess um den gewaltsamen Tod Ihrer Eltern als Nebenklägerin auf. Sie ha­ben drei Anwälte an Ihrer Seite. Da hat es den Anschein, als sei Ihr Ver­trauen in die Staatsanwaltschaft nicht sehr groß.

Rondinelli:  Keineswegs! Jeder Ne­benkläger hat das Recht auf einen Anwalt. In dem Verfahren vertreten wir meine Eltern. Der Staatsanwalt kannte sie ja gar nicht. Unsere Auf­gabe ist es, dem Gericht zu ermögli­chen, sich ein Bild von ihnen zu ma­chen.

Sie haben schon früh versucht, der Polizei bei den Ermittlungen zu hel­fen, mit Hinweisen und Verdachts­momenten. Das führte allerdings auch dazu, dass jemand festgenom­men wurde, der mit der Tat gar nichts zu tun hatte.

Als das Auto meiner Eltern gefunden wurde, auf dem Parkplatz am Opel-Eck in Dörnigheim, waren die beiden heute Angeklagten bereits in Haft. Die Polizei mutmaßte damals, dass es womöglich einen drit­ten Täter gege­ben haben könnte. Ich habe lediglich darauf hingewiesen, dass meine El­tern mit dem Herrn, der dann festge­nommen wurde und der kürzlich ja auch als Zeuge aufgetreten ist [der Hufschmied Manuel M., die Red.], nicht im Guten auseinanderge­gangen waren. Er hatte seinerzeit eine Scheune auf unserem Hof gemie­tet. Wohlgemerkt: Eine Scheune für seine Schmiedeutensilien, keineswegs Wohnraum, wie er als Zeuge wahr­heitswidrig angegeben hat.

Im Prozess bestätigte er die Behaup­tungen der Angeklagten, von Ihren Eltern schlecht behandelt worden zu sein.

Ich weiß nicht, ob man diesen Mann überhaupt ernst nehmen kann. Er lei­det unter Wahrnehmungsstörungen. So ähnlich hat er es im Zeugenstand ja auch ein­geräumt.

Die Verteidiger begründen ihre Stra­tegie gerade auf diesem „Marty­rium“, das ihre Mandanten angeb­lich auf dem Reiterhof erdulden mussten: Erniedrigung, Gewalt, Aus­beutung. Der jüngere der beiden An­geklagten [Claus Pierre B., d. Red.] hat das auf vielen Seiten seiner „Er­innerungen“ detailliert geschil­dert. Alles nur Er­findung?

Meine Eltern werden als üble Tyran­nen hingestellt, als dubiose Gestalten mit Verbindung zur Mafia, die den beiden „armen Kerlen“, zwei Ob­dachlosen, auch noch 900 Euro Miete für eine Bruchbude abgeknöpft hät­ten. In Wirklichkeit hatten die aber auch noch ihre Tiere bei uns unterge­bracht. Acht Ziegen und zwei Ponys. Allein für ein Pferd sind im großstadt­nahen Bereich in der Regel gut 350 Euro monatlich fällig.  Hier wird ver­sucht, einen Mord zu rechtfertigen, indem man eine Art „Notwehrsitua­tion“ konstruiert. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass zwei Menschen eiskalt umgebracht wurden! Wenn es Notwehr gewesen wäre – warum ha­ben sie dann nicht die Polizei gerufen und stattdessen die Leichen versteckt und alles versucht, um die Tat zu ver­tuschen?

Sie glauben also, dass die beiden An­geklagten den Vorsatz hatten, an diesem Tag Ihre Eltern umzubringen?

Absolut. Davon bin ich überzeugt! „Normal“ sind die nicht! Stellen Sie sich mal vor: Vater und Sohn schliefen in einem Bett …

Aber dass das Haus, in dem die bei­den zur Miete lebten, zum Wohnen nicht geeignet war, müssen Sie doch zugeben – kein Wasseranschluss, nur eine Sickergrube, keine Heizung …

Das Einzige, was stimmt: Es war kalt im Winter. Dafür hatten die aber ei­nen Ofen! Mein Mann und ich hatten das Bad komplett renoviert. Da war eine nagelneue Dusche drin, eine Toilette, es gab warmes Wasser. Es war komfortabler als in mancher So­zialbauwohnung. Die beiden haben dann aber alles vermüllt.

Warum hätten die ausgerechnet ihre Vermieter umbringen sollen, bei de­nen sie so gut untergebracht waren?

Dazu gibt es eine Vorgeschichte – ein Rechtsstreit zwischen dem Eigentü­mer des Grundstücks und meinem Va­ter. Wir hatten den Hof im Jahr 2007 gepach­tet und uns bemüht, etwas da­raus zu machen: Reitstunden, Pony- und Be­hindertenreiten, ein Streichel­zoo. Wir haben viel Geld da reinge­steckt. Aber die Stadt Maintal warf uns immer wieder Knüppel zwischen die Beine, so dass es auf ein Ende hin­auslief und mein Vater, der ziemlich enttäuscht war, nichts mehr inves­tierte. Und nun auch noch ein Prozess, der mögli­cherweise auf eine Zwangs­räumung hinaus gelaufen wäre. Die beiden mussten also befürchten, dass sie bald auf der Straße sitzen würden. Sie haben vermutlich gehofft, dort wei­terhin mit ihren Tieren bleiben zu können, wenn meine Eltern nicht mehr da wären. Denn der Eigentü­mer, ein alter Herr, hat sich auf dem Gelände ja nie blicken lassen.

Ein bizarres Motiv wäre das …

Aber ein überzeugendes: Am Nach­mittag nach dem Mord war ich mit meinem Mann und meiner Tochter auf dem Hof. Wir haben nach meinen Eltern gesucht. Der Alte [Klaus-Dieter B., d. Red.] zeigte sich äußerst redse­lig, ganz gegen seine sonstige Art, er schien regelrecht erleichtert zu sein. Als ob ein großer Ballast von ihm ge­nommen worden wäre. Richtig froh. Er sagte, meine Eltern seien da gewe­sen und wieder weggefahren.

… was Sie aber nicht glaubten?

Ich war verwirrt. Es war sehr merk­würdig: Meine Mutter war nicht an ihrem Handy zu erreichen. Das hatte es nie gegeben. Obwohl wir doch ver­abredet gewesen waren. Ihre beiden kleinen Hunde liefen auf dem Hof herum. Die ließ sie niemals allein. Auch in der folgenden Nacht ging kei­ner von ihnen ans Telefon. Am nächs­ten Tag, dem Samstag, fuhr ich wie­der zur Ranch. Ich hatte den Ein­druck, der Alte wollte mich abwim­meln. Er ließ mich nicht aus den Au­gen – ge­rade so, als wenn er etwas zu verber­gen hätte. An diesem Abend haben er und sein Sohn übrigens schwer gefei­ert.

Gab es Streitigkeiten zwischen Ihren Eltern und den Angeklagten?

Ja. Es ging um die Miete. Ich möchte den Vermieter sehen, der es jahrelang hinnimmt, dass nie pünktlich gezahlt wird. Und es ging um die Tiere. Insbe­sondere meine Mutter hat sich über die Haltung der Ponys und Ziegen aufgeregt. Die bekamen nur trocke­nes, schimmliges Brot, kein Kraftfut­ter, nichts Grünes. Sie informierte einmal sogar das Veterinäramt des­halb. Mein Vater hat ab und zu mal was gemäht. Übrigens hat er „Klaus und Claus“, wie wir die beiden nann­ten, manch­mal sogar Geld geliehen, damit sie sich selbst was zu essen kaufen konnten. Er war ein gutmüti­ger Mensch.

Und der Reiterhof seine Existenz­grundlage?

Für eine ganze Weile schon. Später, als er nicht mehr lief, verdiente er sich was mit Internetgeschäften. Meine El­tern hatten vor, sich mal auf Mal­lorca zur Ruhe zu setzen. Ich hatte den bes­ten Papa der Welt. Als ich klein war, sind wir oft miteinander ausgeritten. Er war ein Pferdenarr wie ich auch. Er hat mir die Natur erklärt. Wäre er nicht so ein gutmütiger Mensch ge­wesen, er hätte die beiden längst auf die Straße gesetzt.

 Es heißt, er habe eine Schusswaffe im Auto gehabt …

(Lacht) Und wo soll die geblieben sein? Ich habe nie eine gesehen.

… und Kampfhunde gezüchtet.

Stimmt auch nicht. Der Dogo Canario ist eine alte spanische Hunderasse, die in Hessen gar nicht als Listenhund geführt wird. Da verdiente er keinen Cent dran. Er hatte halt ein Faible für große Hunde.

Sie haben damals alles abgesucht, den Hof, die Umgebung. Wann kam Ihnen der furchtbare Verdacht, es könnte ein Verbrechen geschehen sein?

Als ich merkte, dass der Alte mich anlog. Er hat sich mehrfach wider­sprochen. Gemeinsam mit meinem Mann bin ich die ganze Geschichte dann Punkt für Punkt noch mal durchgegangen, alle Fakten, den zeit­lichen Ablauf – und plötzlich kam es mir in den Sinn: Die werden doch meinen Eltern nichts angetan haben … Vorher, am Samstag war’s, hatten wir bereits eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Die nahm die Polizei zu­nächst aber nicht ernst.

Die Leichen Ihrer Eltern wurden bei einer anschließenden Suchaktion auch nicht gefunden. Schlamperei?

Na ja, so richtig geguckt wurde da nicht, nur ein bisschen Stroh und Heu zur Seite geräumt und fertig. Aber hinterher ist man halt immer schlauer. Andererseits haben Polizei und Staatsanwaltschaft meine Hin­weise, zum Beispiel auf Blutflecke, ernst genommen. Einen großen Blut­fleck hatte ich vor dem Haus gefun­den, auch einen Nagel mit Blutspuren, und gleich die Polizei informiert. Die ist auch sofort gekommen.

Sie nennen die beiden „Klaus und Claus“. Wie war Ihr Verhältnis zuei­nander?

Wir waren „per Du“. Wir hielten sie für ein bisschen – nun ja –: plemplem. Zu ihren Ziegen hatten die eine be­sondere Liebe; sie hielten sich meis­tens im Stall auf. Zwei Einzelgänger halt, die vorher eine Weile in Frank­reich gelebt hatten. Aber zu einer sol­chen Tat hielt ich sie nicht für fähig. Niemals. Übrigens: Die konnten sich schon verbal zur Wehr setzen, die ha­ben keineswegs nur ergeben mit dem Kopf genickt, wie das jetzt so darge­stellt wird. 

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie die beiden Angeklagten in den Ver­handlung wiedersehen?

Ehrlich gesagt, habe ich das Gefühl, im falschen Film zu sein. Da sitzen mir zwei gegenüber, die keinerlei Emotion zeigen. Keine Reue. Der Alte hat nur mal die Augen verdreht, als der Staatsanwalt sagte, dass meine Mut­ter mit zwei gezielten Kopfschüssen ermordet wurde. Das wühlt mich auf. Es ist pietätlos, so auf zwei toten Menschen herumzuhacken, als wären sie quasi selber schuld daran, dass sie ermordet wurden. Was hier passiert, ist in meinen Augen eine zweite Hin­rich­tung meiner Eltern.

Das Interview erschien am 25. April 2015 im Hanauer Anzeiger