Die Hunde haben gebellt, die Karawane zieht weiter

Von Dieter A. Graber

HANAU/MAINTAL. Von der Kennedystraße dringen die Geräusche des mittäglichen Verkehrs wie fernes Meeresrauschen herüber. Am stahlfarbenen Himmel kariolen die Schwalben, und rückwärts strampeln ein paar versprengte Radler durchs Grün. Es riecht nach warmer Erde und samtener Luft. Bisweilen haben Tatorte etwas unschuldig Idyllisches. Diesen hier reißen nun Leute mit großen und kleinen Kameras auf den Schultern aus seiner selbstvergessenen Trägheit. Heute wird Gericht gehalten auf der Röde zu Dörnigheim, dort, wo am 6. Juni vergangenen Jahres Sieglinde und Harry Klock einer Bluttat zum Opfer fielen.

Wir sind auf der Main River Ranch. Lokaltermin. Ohne Roben wirken Richter, Ankläger und Verteidiger lange nicht so staatstragend. Die beiden von sechs hünenhaften Polizisten eingerahmten Angeklagten hingegen, deren Hände mit Fesseln zusätzlich an einen Bauchgurt fixiert sind, noch ein Stückchen erbärmlicher. Schmächtiger. Schuldiger. Auch hier draußen, auf unkraut- und müllübersätem Terrain, gilt die Strafprozessordnung. Die Kammer unter Vorsitz von Richter Peter Graßmück – heute im grauen Sakko und mit modisch blauer Leinenhose – lässt sich, umringt von Reportern, Justizbediensteten, Anwälten, Nebenklägern, die Örtlichkeiten zeigen.

Klaus-Dieter B. (60) in seinem ewigen bordeauxroten Hemd, mutmaßlicherweise sein einziges, und Sohn Claus Pierre (30), schlurfen hinterher, teils geschoben, teils gezerrt. Sie sagen, wie immer, kein Wort. Es muss eine Art Heimkehr sein für die beiden, dorthin, wo sie drei Jahre ihres verqueren Lebens verbrachten, und zwar in einer zwischen Hundezwinger und Schuppen eingezwängten Baracke, an deren Wand noch immer die Blutspritzer als Folge tödlicher Stiche markiert sind, inzwischen Teil einer Collage aus Fliegenschiss und Spinnweben. 400 Euro Miete hatten ihnen die Klocks für dieses Loch abgeknöpft und weitere 500 für die Unterbringung von Ziegen und Pferd in einem windschiefen Schuppen, der den Eindruck macht, sich ob der Bezeichnung „Stall“ schamvoll vom Betrachter abwenden zu wollen.

Sven U., 42, Kripobeamter, seinerzeit Leiter der Ermittlungen, erklärt den Ort des Geschehens und die Arbeit seiner Leute. Linker Hand eine Bretterbude. Unter einem Vordach hatten „Klaus und Claus“ die Leichen vergraben. Gemeiner Flieder leuchtet violett, als wolle er der Traurigkeit des Fleckens ein bisschen Würde geben. Die Leichensuchhunde, erklärt Kommissar U., seien damals durch das Reizgas Ammoniak verwirrt worden, das vom Pferdemist auf dem Platz ausging. Es folgt der Auftritt des Hundechors. Vier Deutsche und Belgische Schäferhunde von der Hessischen Polizei¬schule, Abteilung Diensthundewesen, müssen Laut geben, was das Zeug hält. Hatte Claus Pierre B. doch über seinen Verteidiger Karl Kühne-Geiling angegeben, beim Kampf mit Harry Klock hätten dessen Dogo Canarios, riesige Exemplare einer alten spanischen Rasse, wütend gebellt.

130 Meter weiter sitzt Frau S. auf einer gelben Gartenliege und wartet. Hier befindet sich das Gelände der IG Pferdeglück. Frau S. ist Ohrenzeugin. Damals, am Tattag, ruhte sie ebenfalls hier. Zwei Schüsse – „puff-puff“ – habe sie vernommen, sagt sie. Es müssen diejenigen gewesen sein, mit denen Sieglinde Klock von Klaus-Dieter B. getötet wurde. Aufgesetzte Schüsse. „Aber Hundegebell? Nein“, beteuert Frau S., „das nicht.“ Noch ist es still auf der IG Pferdeglück. Irgendwo macht eine Amsel ihrem Unmut zeternd Luft. Die Pinto-Stute C’est la vie beäugt aus ihrem Paddock misstrauisch den Aufmarsch des Gerichts. Dann, aus weiter Ferne, von Richter Graßmück per Mobiltelefon „aktiviert“, die Stimmen der Polizeihunde. Deutlich vernehmbar. Das kann jetzt vieles heißen. Erstens: Frau S. hatte damals gar nicht auf Hundegebell geachtet, weil das hier, im Gegensatz zu Schüssen, sozusagen zur Geräuschkulisse gehört – und kann man sich an etwas erinnern, das nicht war? Zweitens: Der Wind stand anders und trug den Schall in die entgegengesetzte Richtung. Drittens: Die Bluttaten auf der Main River Ranch spielten sich doch ganz anders ab. Diese Version wird von der Nebenklage präferiert. Der Berliner Rechtsanwalt Markus Roscher-Meinel sagt: „Vermutlich wurde Frau Klock direkt am Tor erschossen, damit sie nicht mitbekam, dass ihr Mann bereits tot war.“ Zwei heimtückische Morde also, eiskalt geplant, erst der Mann erstochen, dann die Frau regelrecht hingerichtet?

Es kommt dann noch zu einem kurzen, aber heftigen Wortwechsel zwischen Anwalt Roscher-Meinel und Ankläger Jürgen Heinze („Ich muss mich von Ihnen nicht belehren lassen!“); er zeigt einmal mehr die angespannte Atmosphäre dieses Verfahrens und seiner widerstrebenden Interessen. Dann beendet Richter Graßmück die Verhandlung. Letzte Interviews werden gegeben, Kameras verstaut, die Angeklagten ebenso. Die Hunde haben gebellt, die Karawane zieht weiter. Und die Röde, was so viel heißt wie gerodeter Platz, versinkt wieder in stiller Einsamkeit. Bis auf die Schwalben, den fernen Verkehr und die Radler. Richter Graßmück lädt die Kammer dann noch zu einem Eis ein. Bei Costa in Maintal. Es war ein drückend heißer Tag.