Ich bereue nichts

Versteckt sich: Claus Pierre B.

Das Urteil des Schwurgerichts war für die meisten Zuschauer doch überraschend. Wie fühlten Sie sich in dem Augenblick, als der Richter den Freispruch ver­kündete?

Claus Pierre B.: Ich war sehr er­leich­tert. Bis zu diesem Moment hatte ich große Angst, dass uns das Ge­richt genauso wenig glauben könnte wie es der Staatsan­walt tat.

Glaubten Sie an diesen Ausgang des Prozesses? Immer­hin wa­ren Sie ja über 420 Tage in Untersu­chungshaft.

Ich hatte es jedenfalls immer ge­hofft. Den Begriff „Notwehr" hörte ich erstmals von meinem Anwalt im Ge­fängnis. Anfangs dachte ich immer, ich hätte einen Menschen ge­tötet und würde dafür bestraft. Dass ich das Recht hatte, mich zu wehren, erfuhr ich erst im Gefängnis von meinem Anwalt, Herrn Kühne-Geiling.

Während des Prozesses wirkten Sie relativ gelassen – im Gegen­satz zu den Nebenklägern, die Ihnen gegen­über saßen und versuchten, Sie mit Gesten, Mimik und Zwischenrufen zu provozieren ….

Die Nebenklägerin [gemeint ist Nicole Rondinelli, d. Red.] hat mich immer besonders schlimm behandelt. Vor allem die Sache mit der Zeitung, auf der Bilder ei­ner geschlachteten Ziege zu sehen waren, die sie in der Verhandlungs­pause hochhielt, hat mich sehr traurig gemacht. Im ersten Mo­ment dachte ich, es wäre eine mei­ner Ziegen oder der Ziegenbock­häuptling, der da geschlachtet wurde. Die An­wälte haben mich immer wie­der beruhigt. Ich solle auf keinen Fall etwas sagen. Das würden sie für mich machen; ich müsse ruhig bleiben. Das ist mir manchmal aber sehr schwer gefallen. Beson­ders an den Stellen, wo ich ganz genau wusste, dass gelogen wurde. Ich hatte nämlich nie ein Messer. Als ich hörte, dass man das immer bei mir am Gür­tel gesehen haben will, hätte ich am liebs­ten geschrien, dass dies eine Lüge war.

In Ihrem letzten Wort sprachen Sie davon, es wäre besser gewe­sen, die Klocks nie kennengelernt zu haben. Wie denken Sie jetzt über das Ge­schehen? Wäre es zu vermeiden ge­wesen?

Mein Vater und ich dachten schon lange vorher darüber nach, was wir überhaupt hätten tun können. Auch mit unserem Anwalt Franz O. Schnei­der sprachen wir da­rüber. Wir hatten ge­hofft, mit dem Eigentümer des Geländes einen Mietver­trag abzuschließen. Wir wussten auch gar nicht, wo wir sonst mit unseren acht Ziegen, den beiden Pferden und unse­rer klei­nen Katze hingehen könn­ten. Wir mussten einfach dableiben. Ich hatte schließlich immer mehr Angst davor, den Klocks überhaupt zu begeg­nen. Ich schloss mich tagsüber ein. Ich versorgte die Tiere, wenn die Klocks noch nicht da oder wie­der weg waren. Was hätte ich denn tun können, als der Harry vor der Tür stand und das Geld verlangte?

Vielleicht die Polizei rufen …

Die wäre doch wieder weggefahren, und hinterher wäre alles noch viel schlimmer geworden! Ich habe jeden Tag im Gefängnis darüber nachgedacht, was ich hätte anderes machen können. Höchstens, noch mal zur Nachbarin zu gehen und nach Geld zu fragen. [Carla R. be­treibt die IG Pferdeglück, die ne­ben der Main River Ranch lag, und hatte ihm gelegentlich kleinere Beträge zugesteckt.] Die hätte mir aber keins mehr ge­geben, das wusste ich.

Ich habe bis heute keine Möglichkeit gefun­den, was ich hätte vorher tun kön­nen, um dem Angriff von Harry zu entgehen. Ich rief ja auch den Sicherheitsdienst an, aber der konnte mir ebenfalls nicht hel­fen.

Sie sprachen in Ihrem letzten Wort davon, keine Reue empfinden zu können. Auch kein Bedauern? Tun Ihnen die Klocks nicht leid?

Nein. Ich wäre getötet worden. Ich bin nur froh, dass mein Vater ge­rade noch rechtzeitig kam. Ich kann da keine Reue empfinden. Nur Erleichte­rung darüber, dass ich noch lebe.

Wie wollen Sie Ihre Zukunft gestalten? Was haben Sie vor?

Darüber möchte ich jetzt nicht re­den. Mein Anwalt sagt, dass ich das ge­heim halten muss. Auch müssen wir warten, bis das Verfahren zu Ende ist.

Ihre Tage in U-Haft – was war für Sie das Schlimmste im Ge­fängnis? Wie ging man da mit Ihnen um?

Ich wurde im Gefängnis sehr viel bes­ser behandelt als auf dem Hof drau­ßen. Da musste ich jedenfalls keine Angst haben. Die Beamten waren stets anständig zu mir. Ich habe auch immer was Orden­tliches zu es­sen bekommen. Zu Hause gaben wir ja das meiste Geld für unsere Tiere aus.

Wollen Sie wieder ein Tier halten?

Ich liebe Tiere sehr. Vor allem meine eigenen hätte ich gerne wieder.

Erinnern Sie sich an den Orts­termin, wie Sie auf die Main Ri­ver Ranch ge­bracht wurden, an den Ort des Ver­hängnisses: Was fühlten, dachten Sie da?

Das war ein schlimmes Gefühl. Ich war wieder an der Stelle, an der ich beinahe getötet worden wäre. Alle Erinne­rungen daran sind wieder hochge­kommen. Und die Beamten, die uns da hin gebracht haben, behandelten uns nicht sehr freundlich.

Fürchten Sie sich vor Rache der Angehörigen oder Freunde der Toten?

Die haben sie uns zweimal im Ge­richtssaal angedroht. Beide Male hat der Stefan Klock geschrien, dass wir erschossen würden. Das hatte er aber auch schon vorher gemacht, als der Richter den Hinweis gab, es käme „Notwehr“ in Frage. In der Verhandlungspause da­mals rief er uns das zu: Wenn wir freikämen, würden wir und unsere Anwälte erschossen. Da­bei machte er mit der Hand auch die Bewegung des Schießens. Dann noch mal am Tage der Ur­teilsverkündung. Ich habe große Angst …