Ländliche Unschuld, nette Leute

Von Dieter A. Graber

HANAU. Es ist so eine Sache mit der Wahrheit, erst recht, wenn es nicht um Fakten geht, sondern um Einschätzungen. Um Lebensbilder. In Saal 215 schildert die Zeugin Manuela F. (38) das Ehepaar Klock als „zuvorkommend“, als „hilfsbereit“, als kinder- und tierlieb. Sieglinde Klock sei, berichtet Frau F., „eine laute Person“ gewesen, „manchmal aufbrausend, aber stets freundlich“. Und deren Mann Harry? will Richter Peter Graßmück wissen. „Der hielt sich eher zurück.“ Gewalttätig? „Nein! Niemals!“ beteuert sie. Aber wie ehrlich beschreibt man im Zeugenstand zwei Menschen, die unter grausamen Umständen ihr Leben verloren haben.

Am vierten Tag im Prozess um den gewaltsamen Tod von Sieglinde und Harry Klock (beide 57) versucht die 1. große Strafkammer, den Alltag auf der ehemaligen American Horse Ranch zwischen Mainufer und L3268 in Dörnigheim zu rekonstruieren, die Beziehungen zwischen den Menschen, die sich in diese Schicksalsgemeinschaft verirrt haben, zu beleuchten. Manuela F. hatte ihr Pferd bei den Klocks eingestellt. 100 Euro im Monat, bar, ohne Quittung. So etwas begründet ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis. Vielleicht sogar Freundschaft. Jedenfalls ist es eine Sache des Vertrauens. Frau F. ist Fußpflegerin. Das Pferd sei ein Spontankauf gewesen, sagt sie. Und dass sie froh war, einen Platz dafür gefunden zu haben.

Rückblickend illustriert sie das Leben auf dem heruntergekommenen Hof, der in einem Landschaftsschutzgebiet liegt, in bunten Farben: Sauberes Wasser, ländliche Unschuld, nette Leute, spielende Hunde („alle total lieb“). Wären da nur Klaus-Dieter B. und sein Sohn Claus Pierre nicht gewesen. „Ich wollte den beiden nicht im Dunkeln begegnen“, ereifert sich die Zeugin, so ungepflegt, wie die waren … „Vor allem dem Senior nicht“, fügt sie hinzu. Den Junior charakterisiert sie als „introvertierten Menschen“, der seine Tiere – acht Ziegen und zwei Ponys – verwahrlosen ließ. Sieglinde Klock habe sich darüber stets empört. „Und sonst?“ fragt Richter Graßmück. „Gab es Streit, Beleidigungen, Schläge gar?“ Davon weiß Frau F. nichts. „Aber ich habe erzählt bekommen, dass die beiden eine Schusswaffe hätten …“ .

Die angebliche Ponyhofidylle wird von Fotos ad absurdum geführt, die der Vorsitzende auf den großen Gerichtsmonitoren zeigt: ein schmuddeliger Schuppen mit undichtem Dach und kaputter Heizung, an den sich ein müder Bretterverschlag lehnt, war das Zuhause von Vater und Sohn B., 60 und 30 Jahre. Zwei Außenseiter, die sich mit gelegentlichen Malerarbeiten mehr schlecht als recht über Wasser hielten. Streng genommen Obdachlose, die in einem Loch untergekrochen waren, für das sie 925 Euro im Monat zahlen sollten.

Auch Manuel M. war so ein Gestrandeter, der sich auf der Ranch verkrochen hatte. Versteckt hielt, könnte man auch sagen. Er hatte mal bessere Zeiten erlebt. Er war mal Hufschmied. Er ist ein großer Mann mit angenehmen Zügen, mit gewelltem dunklem Haar, Brille und hervorragendem Ausdrucksvermögen. Nach einer Trennung sei er „auf die schiefe Bahn“ geraten, meint er. Es gab Haftbefehle wegen nicht bezahlter Geldstrafen. Harry Klock habe ihm einen Schlafplatz in der Scheune vermietet, erzählt er, für 1500 Euro im Monat. Nicht mal ein Bett gab’s da. Oberstaatsanwalt Jürgen Heinze fragt: „Glauben Sie, er hat die Tatsache ausgenutzt, dass Sie keinen Wohnsitz hatten?“ – „Nein …“ – „Warum haben Sie sich denn darauf eingelassen?“ fragt Anwalt Karl Kühne-Geiling, der Claus Pierre B. verteidigt. „Ich machte dort Dinge, von denen Harry wusste …“ – „Hat er Sie erpresst?“ Die Frage bleibt unbeantwortet. Es gibt aber Gerüchte. Von Drogen ist die Rede. Der Zeuge muss sich nicht selbst belasten. Er kann die Aussage verweigern. Das tut er auch.

Manuel M. bezeichnet den Alltag von Vater und Sohn B. als „modernes Sklaventum“. Sie hätten all jene Arbeiten verrichten müssen, die sonst keiner tun wollte. „Einmal drohte Herr Klock: ,Ich versenke euch in der Güllegrube!‘ Die beiden guckten dann verschämt auf den Boden und murmelten so etwas wie Entschuldigungen. Erst hinterher, wenn sie allein waren, haben sie sich aufgeregt.“ Ja, dann sei auch schon mal eine unheilschwangere Äußerung gefallen. Etwa derart: „Den hau ich mit dem Spaten!“ Manuel M. sagt auch: „Bevor die Leichen gefunden wurden, habe ich nicht geglaubt, dass die Klocks wirklich tot sind. Ich dachte, die sind auf und davon – nach Spanien. Die liegen in der Sonne, während hier alle nach ihnen suchen."

Sieglinde und Harry Klock starben am Mittag des 6. Juni 2014. Sie wurden erst vier Monate später in einer Jauchegrube auf dem Hofgelände gefunden. Sie können sich nicht mehr wehren, um ihre Ehre kämpfen. Das versuchen nun ihre Kinder als Nebenkläger. Der Prozess geht weiter. Es gibt noch viel Aufklärungsbedarf.