Freisprüche und Tumulte

Klaus-Dieter B. und sein Sohn Claus Pierre mit Anwälten

Von Dieter A. Graber

HANAU. Am Ende fliegen Stühle, gibt‘s Geschrei. „Mörder!“ „Das kann nicht sein!“ „Skandal!“ Tumult im Zu­schau­erraum von Saal 215. Richter Peter Graßmück hat eben das Urteil ver­kündet. Vater und Sohn werden frei­gesprochen. Nach 422 Tagen Unter­suchungshaft werden sie das Ge­richtsgebäude als freie Männer ver­lassen. Ohne Bewacher, ohne Hand­schellen, ohne den Makel, Ver­brecher zu sein. Für die Nebenkläger bricht eine Welt zusammen, eine Welt frei­lich, die so nie existierte. Sie war auf der festen Über­zeugung be­grün­det, das Ehepaar Klock sei einem Mordkom­plott zum Opfer gefallen.

Zwei Stunden lang bemüht sich Graßmück anschließend, die Ent­scheidung plausibel zu machen. Juris­tisch plausibel jedenfalls. Hun­dert­zwan­zig Minuten lang erläutert er das Dilemma des Gerichts, eine Blut­tat zu beurteilen, für die es keine Au­genzeu­gen gibt. In dubio pro reo – selten fiel dieser Leitsatz strafprozes­sualer Pra­xis öfter in einer mündli­chen Urteils­begründung. Im Zweifel für den An­ge­klagten! Fast klingt er wie eine Ent­schuldigung.

Claus Pierre B. habe sich gegen Harry Klock mit dem Messer zur Wehr ge­setzt, das er ihm zuvor entwand, und ihn dabei getötet, führt der Vorsit­zende aus. Aber hätten es 17 (in Wor­ten: siebzehn) Stiche sein müs­sen? Wo die tödlichen doch schon unter den ersten sieben waren, wie die Ge­richtsmedizinerin Lena Lange fest­stellte. Vermutlich kann die Angst um das ei­gene Leben zur Rase­rei führen. Der forensische Psychiater Ansgar Klimke hatte dem An­geklagten „eine tiefgreifende Be­wusstseinsstörung bei der Tatbege­hung“ attestiert. „Mechanisch“ habe er weitergemacht. Vielleicht war es so. Vielleicht nicht. Deshalb: In dubio pro reo. Klimke jedenfalls meint, Schuldunfähigkeit sei unter bestimmten Annahmen des Landgerichts nicht auszu­schließen …

Und der Vater? Klaus-Dieter B. habe seinem Sohn zur Seite gestanden. Er schoss Sieglinde Klock mit einer Wal­ther P38 in den Nacken, wobei die Kugel den siebten Hals- sowie den ersten und zweiten Brustwirbel zer­schmetterte und das Schlüsselbein auch. Sie muss sofort tot gewesen sein. Der Angeklagte hatte angege­ben, zu­vor vergeblich versucht zu ha­ben, die seinen Sohn mit einem Beil attackie­rende Frau wegzuzerren. Nothilfe heißt das unter Juristen. Quasi Not­wehr für andere. „Wer eine Tat begeht, die durch Notwehr gebo­ten ist, handelt nicht rechtswidrig“, heißt es in Paragraph 32 StGB. Wenn es denn so war. In dubio pro reo …

Graßmück skizziert eine Tragödie, die mit dem schicksalhaften Aufeinander­treffen zweier randständiger Parteien ihren Anfang nimmt, beide chronisch klamm, sich gegenseitig misstrauend, belauernd, bis das Geschehen schließlich im Verhängnis mündet. Es ist möglich, dass es doch ganz anders war. „Aber das Mögliche“, sagt er, „kann keine Grundlage für ein Urteil sein.“ Es ist dieser Satz, der dem Verfahren sein Gepräge gibt.

Er ist ein Urteil, über das noch zu re­den sein wird. Die Richter der Ersten großen Strafkammer – Graßmück, Rüppel, Zeyß – gelten als exzellente Juristen. Sie haben sich die Entschei­dung nicht leicht gemacht. Und dann war da ja noch die Nebenklage, die heute obendrein ihr Fett weg kriegt: „Ihr Verhalten während des gesam­ten Prozesses ist nicht zu billigen“, sagt der Vorsitzende. Tatsächlich ließ insbesondere Nicole Rondinelli (29), die Tochter der Klocks, keine Gele­genheit aus, ihren Unmut mit herab­lassender Mimik und spitzen Bemer­kungen zum Ausdruck zu bringen. Freunde der Familie schickten höhni­sche Kommentare von hinten in den Saal. Es gab, ja auch das, Drohungen und Einschüchterungsversuche. Es ist eine höchst emotionale Geschichte hinter dem Aktenzeichen 1 Ks 3315 Js 4/14.

Vor allem aber beharrten die Vertre­ter der Nebenkläger bis zuletzt auf einer Mordversion, die längst nicht mehr zu halten war. Graßmück wirft ihnen das vor: „Sie haben sich einen Sachverhalt zurecht gebastelt“, sagt er scharf zu Anwalt Michael Bauer aus Eschborn. „Sie hätten Ihre Man­danten über die juristische Seite auf­klären sollen, statt deren laienhafte Vorstellungen zu unterstützen.“ Bauer ist eingeschnappt: „Das ist jetzt nicht souverän.“ Nicole Rondinelli rennt aus dem Saal. Später wird sie wiederkommen, ganz kurz nur, ver­bittert, zornig, schimpfend, ehe sie sich endgültig davon macht. Ihr Mann Vito macht jenseits der Glaswand, die Zuschauerraum vom Gerichtssaal trennt, seiner Empörung lautstark Luft: „Eine Schande für Deutschland!“ Graßmück sagt, er habe Verständnis dafür. Nur die Schwester von Sieg­linde Klock, eine stille Frau jenseits der Fünfzig, hört der Urteilsbegrün­dung gefasst zu, ja fast andächtig. Vielleicht ist Vergeltung ihre Sache nicht …

Am Ende müssen die Verteidiger das Gerichtsgebäude unter Polizeischutz verlassen, nachdem sie die letzten Er­klärungen in die Mikrofone diktiert haben. Staatsanwalt Jürgen Heinze kündigt Revision an. Am Ausgang zur Nussallee ballt sich die Empörung. Wutbürger scharen sich zusammen. Klock-Freunde, -Verwandte. Es ist eine explosive Stimmung. Es ist das Ende des 16. Verhandlungstags.

+++ Mord war Notwehr! (BILD, 05.08.2015)

+++ Freisprüche für die Angeklagten (primavera, 05.08.2015)

+++ Der Klock-Prozess zieht sich wegen Befangenheitsanträgen weiter hin (FR, 21.07.2015)

+++ Gericht hält Notwehr für wahrscheinlich (Offenbach Post, 13,06.2015)

+++ Schläger und Zuhältertyp? (Vorsprung, 19.05.2015)

+++ 17mal auf Ehemann eingestochen (FR, 17.10.2014)