Klock-Prozess: Die Entscheidung

Die Erste große Strafkammer vor der Urteilsverkündung

Von Dieter A. Graber

HANAU. Der Fall mit dem Ak­tenzei­chen 1 Ks 3315 Js 4/14 geht un­ter der Bezeichnung Klock-Prozess in die Rechtsgeschichte ein. Es sagt viel, wenn einem Strafverfahren die Na­men der Opfer aufgedrückt werden. Das ist sonst nur üblich bei Prominen­ten. Harry und Sieglinde Klock aber wurden erst durch ihren gewaltsa­men Tod bekannt. Für die Täter fand die Nebenklage verschiedene Ter­mini: „Klaus und Claus“, „Senior und Junior“, „Der Alte und der Junge“. Distanziert klingt das, herablassend. Nun wurden die beiden, Vater und Sohn, von der Ersten großen Strafkammer freigespro­chen. Wie ist das zu erklären?

Dem Dilemma des Gerichts liegt zugrunde, dass es keine Augenzeugen gibt, nur Indizien und ein 400 Seiten starkes Dossier, das, je nach Interessenlage, mal „Pamphlet“ und mal „Chronik“ ge­nannt wird, erstellt von Claus Pierre B., 30, in der Untersuchungshaft. Da­rin schildert er den Vorfall auf der Main Ri­ver Ranch detailliert. Die Spu­ren am Tatort, die Obduktionsergeb­nisse passen dazu. Richter Peter Graß­mück sagt: „Wenn wir die Anga­ben der An­geklagten nicht widerlegen können, sie also glaubhaft sind, gilt In dubio pro reo.“

Claus Pierre B. gibt an, von Harry Klock attackiert worden zu sein. Der habe ihn am Hals gepackt, mit einem Messer bedroht. Er entwand es ihm. Er stach damit zu. Das war im Tür­rahmen. Harry Klock nahm ihn in den Schwitzkasten. Sie torkelten nach draußen, auf den Hof. Weitere Stiche. Siebzehn insgesamt. „Wie im Blut­rausch“, schrieb der Angeklagte. Er kommt unter dem Sterbenden zu lie­gen und kriegt auch was ab. Schnitt­verletzungen am rechten Oberschen­kel, am linken Zeigefinger, Hämatome am Bein dokumentieren den Kampf. „Ein dynamisches Geschehen“, erklärt Richter Graßmück.

Alles hatte sich hoch­geschaukelt. In Paragraph 32 StGB steht, Notwehr sei „die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegen­wärtigen rechtswidri­gen Angriff von sich oder einem an­deren abzuwen­den“. Und eins weiter, in Pa­ragraph 33, heißt es: „Über­schreitet der Täter die Grenzen der Notwehr aus Verwir­rung, Furcht oder Schre­cken, so wird er nicht bestraft.“ War es so an jenem 6. Juni 2014 auf dem maroden Rei­terhof zwischen Kennnedystraße und Mainufer?

Juristen zerlegen einen Handlungs­strang gern in einzelne Straftatbe­stände. Nach dem wievielten Stich hörte die Notwehr auf, begann der Totschlag, dessen Claus Pierre B. an­geklagt war? Der forensische Psychia­ter Ansgar Klimke konstatiert bei ihm jedoch - sofern die Hypothese einer Notwehrsituation zutrifft - durchgehend „eine tiefgrei­fende Be­wusstseinsstö­rung“. Schuld­unfähig­keit sei daher nicht auszu­schließen.

Die Nebenklage wendet ein, Harry Klock sei als Kampfsportler von einem nur 63 Kilo leichten Hänf­ling wie dem „Junior“ solcherart gar nicht auszu­schalten gewe­sen. Sie hält dies für ein Mordindiz. Aber es gibt keine Be­weise für den angeblichen „Schwar­zen Gür­tel“ im Judo. Al­les nur geflun­kert? Klock liebte es, so lassen Zeu­genaussagen vermuten, die Wahrheit bisweilen ein wenig zu überstei­gern. Zudem war er kleiner als sein Gegner und mit 57 Jahren deut­lich äl­ter. Er sei, wie es heißt, oft nach Wild­west-Manier einher ge­stiefelt, gerne auch mit einem großen Messer an der Seite. Ein großes Mes­ser – das passt zum Bild seiner Verlet­zungen. „Die Handlungslast“, so das Gericht, „lag bei ihm: Er wollte an sein Geld kom­men, die angeblich noch offene Miete, und seiner Forde­rung damit Nachdruck verleihen.“

Die Schusswaffe, eine Walther P38, hatte Klaus-Dieter B. mal geerbt. An je­nem Freitag lag sie, unter Werkzeug verborgen, in einem Eimer im Flur. Griffbereit, könnte man sagen. Die Nebenklage sagt das so: Bereit zum Töten. Klaus-Dieter B. hingegen be­teuert, er habe sie erst geholt, nach­dem der Versuch gescheitert war, die zeternde, mit einem Beil nach seinem Sohn schlagende Sieglinde Klock ver­bal zu stoppen: „Aufhören!“ und „Halt, oder ich schieße!“ Dann sie wegzu­zerren. Auch erfolglos. Der Schuss fiel aus etwa zwei Metern Entfernung. Nicht aufgesetzt! Aus dieser Distanz, so ein LKA-Experte, verflüchtigten sich die winzigen Blut­spritzer vom Eintrittskanal des Pro­jektils zu einem feinen Nebel und sind später nicht mehr fest­stellbar. Es wurde kein Blut von Sieg­linde Klock gefunden. Aber wie kam dann das ein­zelne Haar von ihr an die Mün­dung? Das könnte passiert sein, als Klaus-Dieter B. sie an den Haaren wegzuzie­hen versuchte. „Für eine ,Hinrich­tung‘“, sagt Richter Graß­mück, „hätte ein durch­schnitt­lich in­telligenter Mensch einen ande­ren Tatort und eine andere Tat­zeit ge­wählt.“ Er sagt auch: „Der Ein­satz ei­ner Schusswaffe kann als Not­hilfe ge­rechtfertigt sein, wenn Rufen und Drohen nichts fruch­tet.“ Das hat der Bundesgerichtshof auch so gese­hen und juristisch um­ständlich for­mu­liert, der Angegriffene dürfe sich „grund­sätzlich des Ab­wehrmittels bedienen, das er zur Hand hat und das eine so­fortige und endgültige Be­seitigung der Gefahr erwarten lässt. Das schließt auch den Einsatz lebens­ge­fährlicher Mittel ein.“

Es gehört zur Tragik dieses Verfah­rens, dass sich die Anwälte der Ne­benkläger vor den Karren einer ab­s­trusen Mordtheorie haben spannen lassen. Richter Graßmück rügt das. Er sagt, er hätte sich mehr juristische Aufklärung der Opferfamilie ge­wünscht. Stattdessen hagelte es Be­fangenheitsanträge. Er nennt sie: „dummes Zeug“.

Es gibt keine Gewinner und daher auch keine Verlierer am Ende dieses Prozesses. Nur Wut. Unverständnis. Vielleicht noch mehr Hass – auf die Freigespro­chenen, ihre Anwälte, so manchen Zeugen. Die Empörung von Nicole Rondinelli und ihrer Angehörigen ist verständlich, ja berechtigt. Ihre Eltern waren gute Eltern. Ihr Tod bleibt un­gesühnt.

Nun wird der Bundesgerichtshof das Urteil prüfen. Nicht mehr die Fakten, nur noch das Verfahren.