Leben wie bei Tarantino

Von Dieter A. Graber

HANAU. Mit fünfzehn brachte Michael S. aus Langenselbold eine alte Frau um. Er erschlug sie mit einem Vierkantrohr, nachdem er in ihre Wohnung eingebrochen war. Dafür wurde er zu fünf Jahren Jugendstrafe verurteilt. Heute zählt Michael S. sechsundfünfzig Lenze. Die meisten davon verbrachte er im Gefängnis. Sein Strafregister ist eine einzige Kriegserklärung an unsere Gesellschaft: Diebstahl, Körperverletzung, Raub, Erpressung, Gefangenenmeuterei, Freiheitsberaubung. Er ist ein kräftiger Mann mit einer breiten Nase, Schnurrbärtchen und einem schmalen Mund über einem vorgeschobenen Unterkiefer, was ihm ein permanent trotziges Aussehen verleiht.

Wie Michael S. wurde, was er ist, lässt sich ein Stück weit mit seiner Kindheit erklären. Er hatte neun Geschwister. Der Vater, ein unbescholtener, fleißiger Mann, hielt seine familiäre Verantwortung mit der Zeugung für erledigt und überließ die Erziehung seiner Frau, die mit den Rangen überfordert war. Dafür regierte er, quasi als oberste Instanz, mit harter Hand. Es heißt, er habe zu Wutausbrüchen geneigt. Der Bub wuchs auf der Straße auf. Da lernte er früh, sich zu nehmen, was er begehrte. Ein Gutachter wird ihm später eine „Gefühlsverrohung“, „extreme Gewaltbereitschaft“ und eine „enorme Neigung zu Rechtsbrüchen“ attestieren.

Jetzt sitzt er mit seinem Bruder Andreas, 45 Jahre, auf der Anklagebank des Hanauer Landgerichts, Zweite große Strafkammer, und schaut mit zornigen Augen in die Runde. Sein Blick hat etwas Desperadohaftes. Wie seine Taten. Wie sein ganzes verhunztes Leben. Heute geht es noch einmal um diese unfassbare Geschichte vom Dezember 2010, als die beiden, gemeinsam mit einem weiteren, noch unbekannten Täter, spät abends in Schlüchtern das Haus eines Tierarztes stürmten; ein Überfall, so unfassbar dreist und rücksichtslos, dass er an einen Tarantino-Film erinnert, wie überhaupt die beiden einem zynischen Roadmovie entsprungen sein könnten.

Davor war es das Pfarrhaus zu Flieden gewesen, kurz vor Weihnachten 2010, wo sie Pfarrer und Kaplan überfielen, einschüchterten, peinigten, erniedrigten, fesselten, beraubten. „Wo ist das Geld? Wo ist der Tresor?“ schrien sie und schlugen mit einer Kaminschaufel auf die geistlichen Herren ein. Ihre Beute betrug 6500 Euro – Bargeld aus der Kollekte, eine billige Uhr, ein Mobiltelefon und sakrale Gegenstände. Die Opfer sind noch heute traumatisiert.

Ein paar Tage später dann die Sache in Schlüchtern. Es ist 0.30 Uhr. Die drei zertrümmern die Tür des Hintereingangs mit einem Brecheisen, poltern rein ins Haus, in dem Tierarzt Robert H. (85) und seine beiden Söhne wohnen und praktizieren. Es liegt an einer belebten Straße, schräg gegenüber vom Polizeirevier. Und es ist, von außen deutlich sichtbar, noch Licht in einigen Zimmern. Sie misshandeln ihre Opfer; den Veterinär Peter H. (52) so schwer, dass er nur mit unfassbarem Glück überlebt: Andreas S. schlägt ihm 13 – in Worten: dreizehn – Mal mit einem Nageleisen auf den Kopf. Es ist jene skrupellose, von keiner menschlichen Anteilnahme gebremste Energie, die sprachlos macht. Wenige Tage darauf werden sie dann gefasst, als sie in Rodenbach versuchen, mit einem gestohlen Mercedes Vito einen Geldautomaten aus der Verankerung zu reißen.

Die Lebenswege der Brüder sind fast identisch, wobei der Ältere als Vorbild fungiert. Michael absolvierte die Sonderschule, brach eine Metzgerlehre ab, lernte später Schlosser in der Haft. Andreas schaffte die Hauptschule mit Ach und Krach, scheiterte im ersten Anlauf als Bäckerlehrling, wird Müllwerker, beendete die Ausbildung dann aber in der JVA. Sein Intelligenzquotient liegt  bei 100, was man als guten Durchschnitt bezeichnen kann. Ob Männer mit einer derart atemlosen, marodeurhaften Lebenseinstellung eine von Liebe und Verantwortung geprägte Beziehung führen können mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls sind die beiden geschieden, haben jeweils ein Kind.

Die Erste Strafkammer des Hanauer Landgerichts verurteilte sie 2013 zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe. Der Bundesgerichtshof hatte daran etwas auszusetzen, eine winzige Formsache nur, aber auch lebenslänglich muss seine gute Ordnung haben, und deshalb bessert die Zweite Kammer unter Vorsitz von Richterin Susanne Wetzel heute nach. Das hat damit zu tun, dass Juristen einen derart brutalen Überfall in diverse Einzeltaten zerlegen – vom Einbruch bis zum versuchten Mord –, die jeweils einzeln ausgeurteilt werden müssen.

Natürlich bleibt es bei der ersten Entscheidung, wobei noch einmal die besondere Schwere der Schuld festgestellt wird. Die Haftdauer erhöht sich dadurch von zwanzig auf etwa  fünfundzwanzig Jahre. Michael und Andreas S. bemühen sich jedoch um ein Wiederaufnahmeverfahren. Sie wollen noch einmal in die Freiheit zurück. Ins Leben. Das ist das, was sie bei anderen so wenig wertgeschätzt haben.